18:31 Uhr – JETZT!

Beim Betreten des Kraftwerk Berlin bin ich fest entschlossen, die dreißigstündige Abschlussveranstaltung der MaerzMusik, „The Long Now“, vom Anfang bis zum Ende mitzuerleben. Naja, fast – 28 Stunden und 29 Minuten bleiben laut Plan noch übrig. Ich komme mit einer halben Stunde Verspätung an, da Amelia Groom bei „Thinking Together“ überzog und allzu interessant über Loops und den Film „Speed 2“ diskutierte – zu schade, um früher zu gehen. Und eine Stunde wird uns die Umstellung auf die Sommerzeit um 2 Uhr nachts rauben – passend, eigentlich, dass die ausgerechnet zum Abschluss des ersten Festivals für Zeitfragen geschieht.

18:43 Uhr – JETZT!

Zuerst bin ich nicht direkt den ersten Klängen nachgegangen, sondern habe mir die unterschiedlichen Räume im Kraftwerk erschlossen. Unten steht ein Foodtruck, davor – unter gigantischen Heizstrahlern – eine Reihe von Feldbetten. Noch leer, nachts wird das wohl anders aussehen. Ob man, nach guter deutscher Tradition, schonmal sein Handtuch deponieren sollte? Auch noch verlassen, obwohl bereits bespielt: eine kleine Rotlicht-Hörbuchlounge. Auf dem Treppenabsatz finde ich den Raum, in dem um vier Uhr nachts die Vorführung von Burkhard von Harders 16-stündigem Film „Narbe Deutschland“ beginnt. Noch ist er eiskalt. Hoffentlich ändert sich das in den nächsten acht Stunden noch.

Das Minguet Quartett bei „The Long Now“ © Camille Blake

19:41 Uhr – JETZT!

Seit einer knappen Stunde schon bin ich auf Ebene 8, wo das Minguet Quartett Morton Feldmans Streichquartett Nr. 2 spielt – fünf Stunden lang. Durch etwa ein Drittel haben sich die tapferen Musiker bereits durchgestrichen. Im Publikum ist es still, die Zuhörer wirken gebannt, fast in einer Art meditativer Trance. Ob der hypnotische Effekt nur von der Musik herrührt oder auch ein wenig von der im Hintergrund rauschenden Lüftung, ist für den Moment nicht zu klären.

20:58 Uhr – JETZT!

Zwischendurch habe ich mich mit einem der Pulled Pork Sandwiches von Big Stuff Smoked BBQ gestärkt, die ihren Street-Food-Bus in der unteren Ebene des Kraftwerks geparkt haben und für morgen früh auch einen Frühstücksteller versprechen. Bei einem Rundblick zeigte sich dann, dass die unten aufgestellten Feldbetten inzwischen nahezu vollständig ihren Weg in die obere Ebene gefunden hatten – und dass meine Vermutung bezüglich des Handtuchprinzips nicht ganz falsch war, denn die Fluktuation auf den einmal belegten Betten hält sich in Grenzen. Ich sichere mir eines der letzten Betten, schleppe es die Treppe herauf und mache es mir bequem für zwei weitere Stunden mit Morton Feldman. Mit einem Rotwein von der Bar.

21:55 Uhr – JETZT!

Eine Weile habe ich mich nicht umgeschaut, sondern mich eher still in der Musik Morton Feldmans versenkt. Irgendwann hebe ich dann den Kopf und stelle fest, dass sich auf der stundenlang in monochromem Blau leuchtenden Leinwand inzwischen etwas bewegt. Eine Art von Wellenbewegung im Blau, aus allen vier Ecken des rechteckigen Screens. Interessant: mit Wellen hatte das Festival vor acht Tagen auch begonnen – mit einer kollektiven Lesung aus Virginia Woolfs „The Waves“, während der partiellen Sonnenfinsternis. Der Text war von allen menschlichen Protagonisten befreit worden, er erzählte aus der Perspektive der Sonne.

„The Long Now“ © Camille Blake

22:52 Uhr – JETZT!

Es ist faszinierend, die Menschen zu beobachten, wenn sie einem fünfstündigen Musikstück zuhören – manche sitzen seit 18 Uhr wie angeklebt auf ihren Stühlen und lauschen konzentriert. Andere liegen mit geschlossenen Augen regungslos auf dem Feldbett. Man weiß nicht recht zu sagen, ob sie komplett versunken sind in den Klängen oder ob sie doch schlichtweg schlafen. Die Farbe auf der Leinwand ging irgendwann zwischendurch von Blau in ein psychedelisch waberndes Pink über. Die Musiker auf der zweiten Bühne sitzen bereit, um zu übernehmen. Ich bin gespannt auf den sich ankündigenden Tempowechsel.

23:19 Uhr – JETZT!

Es scheint, es regnet draußen. Irgendetwas prasselt, laut vernehmlich, auf das Metalldach des Kraftwerks. Das lässt sich von hier schwerlich überprüfen – außer, vielleicht, auf dem Smartphone per WetterOnline. Zu abgeschottet sind wir alle hier drin. Spannend auch, wie sich die Zeitwahrnehmung auf der Stelle verschiebt, wenn man sich auf so eine lang andauernde Veranstaltung einlässt. Seit vier Stunden stehe, sitze, liege ich hier und lausche den minimalistischen, langsamen Tönen von Morton Feldmans Streichquartett. Da ich aber weiß, dass noch viele Stunden folgen werden, fühle ich mich genau so: wie nach einem Vorspiel. (Der Tempowechsel hat sich noch nicht ereignet, das Minguet Quartett streicht weiter.)

23:37 Uhr – JETZT!

Inzwischen spielen Stromgitarren, Pierluigi Billone. Licht-, Stimmungs-, Tempo-, auch: Publikumswechsel. Es wird etwas luftiger, wer noch keine hatte, ergattert sich jetzt eine Sitz- oder Liegegelegenheit. Der Kollege Jonas ist zwischenzeitlich erschienen, im Charlie-Brown-T-Shirt. Passt; die Atmosphäre hat etwas von Ferienlager.

Phill Niblocks Performance „Music and The Movement of People Working“ bei „The Long Now“ © Camille Blake

01:08 Uhr – JETZT!

Seit einer guten Stunde: große, flächige Bässe von Phill Niblock. Ich liege still auf meinem Feldbett und lasse sie mir durch den ganzen Körper fahren. Wenn ein Stück vorbei ist, klatschen Menschen. Das fühlt sich seltsam an – eben als das: als Zerteilung dieser Flächen in „Stücke“. Dabei klingt die Musik eigentlich, als könne sie immer so sein und nie etwas anfangen oder aufhören. Wenn man mit geschlossenen Augen unter ihr liegt, fühlt es sich an, als hingen schwere Stahlplatten über einem. Inwieweit das an der Location liegt, sei dahingestellt. – Kurzer Gang nach unten, die Jacke, die nun als Kopfkissen benötigt wird, von der Garderobe holen. Eine Kollegin gibt für heute auf, empfiehlt jedoch den Besuch der Schaltzentrale, wo inzwischen Leif Inges „9 Beet Stretch“ zu hören ist. Ich entgegne entspannt: unbedingt, aber dafür sind ja noch 22 Stunden Zeit.

05:46 Uhr – JETZT!

Ich bin auf meinem Feldbett eingeschlafen, während die Drones von Phill Niblock weiter den Raum erfüllen. Nun wache ich auf – inzwischen ist es doch sehr kühl geworden. Um mich herum sehe ich einige Menschen mit silberfarbenen Rettungsdecken aus Aluminium. Ich frage mich durch, wo diese zu bekommen sind – Festivalleiter Berno selbst hat einen ganzen Karton in der Hand und verteilt sie auf Anfrage. Ich wickele mich hinein, sofort wird mir wärmer. Dann schaue ich auf die Uhr, stelle fest, dass ich sie eine Stunde vorstellen muss – Sommerzeit!

Phill Niblocks Performance „Music and The Movement of People Working“ bei „The Long Now“ © Camille Blake

05:51 Uhr – JETZT!

Ich wache erneut auf, inzwischen hat Phill Niblock die Bühne verlassen. Stattdessen bespielen Kassem Mosse und Mix Mup den Raum mit wabernden Elektrosounds und Sprachsamples. Ich frage mich, wie lang ich geschlafen habe – ein Blick auf die Uhr schafft Verwirrung. Es stellt sich heraus, dass ich das Rädchen bei der Zeitumstellung nicht weit genug hereingedrückt habe – meine Uhr ist, inmitten der Zeitblase, stehengeblieben! Wie passend. Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone und synchronisiere meine Armbanduhr, es ist …

10:33 Uhr – JETZT!

 

12:47 Uhr – JETZT!

Der Tag begann entspannt. Im Laufe des Vormittags erhob sich ein Schläfer nach dem Anderen von den Liegen, viele sitzen nun allein oder in Grüppchen und lauschen den Klängen von – erneut: Morton Feldman. Nach dem gestrigen Streichquartett wird nun noch das Klavierkonzert „Triadic Memories“ gespielt, das ist schön. Unten gibt es Frühstück und Filterkaffee, aber das Publikum scheint weiter in einer Art Nachtschwere zu verharren. Beim Weg zum Kaffeeholen fiel kurz ein Lichtstrahl durch die Außentür – ein eigenartiges Gefühl. Auf dem Rückweg habe ich kurz in die Schaltzentrale hineingelauscht, wo Leif Inges 24-stündige Beethoven-Bearbeitung „9 Beet Stretch“ zu hören ist – die sehr niedrigen Temperaturen lassen mich aber bald die Flucht ergreifen. Schade, was ich höre, klingt toll und ich würde gern ein paar Stunden bleiben.

13:52 Uhr – JETZT!

Ich habe meinen Vorsatz, das Kraftwerk während der kompletten 30 Stunden nicht zu verlassen, gebrochen und war doch kurz vor der Tür, um im Späti um die Ecke Schokolade und – ausnahmsweise, ich rauche sonst nicht – Zigaretten zu kaufen. Draußen ist es sehr hell und sehr windig. Ich hatte ein wenig Angst, durch diesen Bruch nicht wieder so recht zurückzufinden in die Zeitblase, aber grundlos. Die Kraft des Ortes, der Klänge, der Atmosphäre unter den Menschen hier ist so stark, dass es sich bereits nach wenigen Minuten, sobald die Augen sich wieder an das Schummerlicht gewöhnt haben, so anfühlt, als wäre ich nie draußen gewesen.

15:16 Uhr – JETZT!

Umbaupause. Das Programm war für eine Weile um etwa eine halbe Stunde dem Zeitplan voraus, zum Auftritt von Thomas Köner ruckelt sich jetzt alles wieder zurecht. Nach gut 20 Stunden kriecht die Müdigkeit langsam doch in Knochen und Augen (nicht aber Ohren!), ich könnte jetzt einen wake-up call gebrauchen. Es darf, nach eher meditativen drei Stunden mit Morton Feldman und Pierluigi Billone, jetzt auch gern mal wieder etwas lauter werden!

16:54 Uhr – JETZT!

Auch das Set von Thomas Köner bleibt im meditativen Modus, schaukelt sich aber nach einer guten Stunde (von dreien) zu beeindruckender Lautstärke hoch. Es wird nach und nach wieder voller im Zuschauerraum hier auf Ebene 8 – das Finale von „The Long Now“ bereitet sich langsam, aber sicher vor.

20:19 Uhr – JETZT!

Gebannt eineinhalb Stunden auf die Leinwand geschaut, wo die Kamera in Burkhard von Harders „Narbe Berlin“ über die ehemalige Grenze zwischen West-Berlin und der DDR flog. Dazu zerschlug FM Einheit Steine, wühlte im Schutt und entlockte Stahlfedern Töne. Am Beginn und am Ende stand David Bowies „Heroes“. Dazwischen: Honecker, Mielke, Ulbricht, Adenauer, Reagan, Brandt und viele weitere historische Tondokumente. Nun beginnt Eric Holms „Barotrauma“, es wird LAUT.

21:40 Uhr – JETZT!

Es füllt sich mehr und mehr, als Mika Vainio das vorletzte Set beginnt. Es ist ein sehr seltsamer Gedanke, dass so viele Menschen jetzt das Kraftwerk betreten, um ihre Abendgestaltung zu beginnen: zuerst eine Stunde Vainio, dann zwei Stunden Actress, dann Abschlussparty, solange, bis alle gegangen sind. Eigentlich ein schlüssiger Abendplan, der aber überaus merkwürdig wirkt, wenn man bereits seit 26 Stunden hier ist und die folgenden Stunden fast schon wie einen Epilog wahrnimmt. Heute Abend sind hier (mindestens) zwei Ebenen des Zeiterlebens parallel geschaltet.

23:13 Uhr – JETZT!

Actress zieht nun, nach den schillernden, klirrenden, flirrenden, oszillierenden, pumpenden, kristallinen Klängen von Mika Vainio, das Tempo nochmal deutlich an – in Richtung Abschlussparty. Das mag für die, die seit ein paar Stunden hier sind, auch funktionieren – es ist sicher die größte Annäherung, die sich „The Long Now“ an so etwas wie kontemporäre Clubmusik erlaubt. Aber es bewegen sich in der Tat gerade zwei Chronosphären nebeneinander im Kraftwerk – ich kann nicht mehr so ohne Weiteres in den Tanzmusikmodus umschalten nach 28 Stunden Dehnübungen mit meiner Zeitwahrnehmung. Ich beschließe, den Schlussakt mit einem letzten Plastikbecher Bier auf meinem inzwischen sehr liebgewonnenen Feldbett anzuhören, tanzen sollen die Anderen.

„The Long Now“ © Camille Blake

23:44 Uhr – JETZT!

Die Musik wird immer clubbiger, immer tanzbarer, aber ich widerstehe. Ich strecke mich lang aus – und fühle mich jetzt wirklich, als würde ich mich mitten im Trubel eines Nachtclubs schlafen legen. Ich falte meine Aludecke zusammen und stecke sie ein. Vielleicht werde ich sie irgendwann wieder verwenden und mich, wenn ich genug vom Trubel um mich herum zu haben meine, mitten im Berghain in meine Decke wickeln und mich irgendwo am Rande der Tanzfläche schlafen legen. Soll die Zeit der Anderen doch weiterlaufen, ich stelle meine auf Pause. Deklariere mein eigenes „Long Now“.

00:54 Uhr – JETZT!

Aus. Der letzte Ton verklungen, das Licht an. Es gibt noch eine Afterparty im OHM, im Erdgeschoss des Kraftwerks, ich schaue kurz rein, aber das ist jetzt nicht mehr für mich. In 27 Minuten fährt der erste Nachtbus, ich stehe noch ein paar Minuten drinnen, dann ein paar Minuten draußen herum. Zurückgeworfen in die gewohnte Zeittaktung. Morgen wird ein seltsamer Tag werden, die knapp 30 Stunden in der Zeitblase von „The Long Now“ werden einige bleibende Erinnerungen geschaffen haben. Was kann man eigentlich Schöneres über ein Festivalerlebnis sagen?

„The Long Now“ fand vom 28. März 2015, 18:00 Uhr bis zum 30. März 2015, 00:54 Uhr im Kraftwerk Berlin statt und beendete die erste Ausgabe von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen.