Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

Berliner Festspiele | MaerzMusik 2016 "The News Blues", Nicholas Bussmann Haus der Berliner Festspiele, 12.03.2016

„The News Blues“, Nicholas Bussmann, Haus der Berliner Festspiele, 12.03.2016 (c) Camille Blake

 

Der Uhr im Haus der Berliner Festspiele hat kaum 19 Uhr geschlagen, da höre ich bereits Gemurmel aus dem Kassenfoyer. Nicht ungeordnet, aber auch nicht lebendig wie das einer beliebigen Menschenmenge. Vielmehr wirkt es neutral, kühl, beinahe steif. Um den Stimmen auf die Spur zu kommen, betrete ich schnell das Festspielhaus und erblicke rechterhand die sieben Interpreten des Ensembles Cottbusser Chor, die auf einer Treppe sitzend aus Zeitungen vorlesen und hiermit die Installation „The New Blues“ von Nicholas Bussmann bilden.

Mäßig crescendierend laufen sich ihre Stimmen warm und erreichen die Lautstärke, die Ihnen zu Autorität im mäßig gefüllten Foyer verhilft, das durch seine Funktion als Café auch andere Nebengeräusche produziert. Aus den Zeitungen werden aktuelle Nachrichten auf Deutsch, Spanisch, Italienisch, Französisch und einigen Sprachen, derer ich nicht mächtig bin, vorgelesen. Dadurch, dass meistens gleichzeitig gesprochen wird, sind sie schwer zu identifizieren. Wobei ganz gleichzeitig auch nicht korrekt ist. Vielmehr gibt es eine Lead-Stimme, die Phrasen – bestehend aus einzelnen Worten – vorsingt und von den übrigen beinahe nachgeäfft wird. In leicht unterschiedlichem Akzent, veränderten Längen und einem Akkord-Cluster, was breit gefächert, aber dennoch bei der Anzahl der Stimmen durchaus durchsichtig und schimmernd wirkt: Gediegene Bässe und obertonhaltige Frauenstimmen schaffen eine Harmonie der Sprache, obgleich sie stehend wirken. Ich versuche, Bezüge herzustellen, um zu ergründen, was mit dieser Kunst bloß gemeint sein könnte.

Eigentlich entspringt das Konzept der angenehm beruhigenden Abendbeschäftigung, sich vorlesen zu lassen. In dieser Dichte allerdings wirkt das überfordernd. Häufig schweife ich ab, frage mich, was wohl hinter den verlesenden Nachrichten steht. Sie werden so beiläufig vorgetragen – dabei geht es um Entscheidungen und Schicksale. Die Dame ganz oben liest die Nachrichten vom Handy ab; entgegen der Altertümlichkeit von Zeitungen bietet sich dadurch ein merkwürdiger Kontrast. Ein schnelles Gerät zwischen den toten Blättern, die aber doch wie Laub so bunt und farbenfroh erglänzen, wenn sie durcheinander wirbelnd in den Zuschauerraum gehaucht werden. Einer spielt sogar kurz Mundharmonika, auch mal nett, ein wenig Abwechslung. Bei MaerzMusik weiß man wie gewohnt nicht, was auf einen zukommt und wieviel davon. Dies zu erspüren, seine Gedanken treiben zu lassen ist für mich ein edles Ziel jeglicher Musik.

Offensichtlich gibt es ein System hinter dem Monotonen in „The New Blues“, das ich jedoch nicht entschlüssle. Wer hier wem gerade nachsingt, ist nicht leicht herauszubekommen. Es hat wohl unter anderem zu tun mit dem Umblättern, einer Art quantitativer Gedankenunterbrechung. Was bedeutet eigentlich Nachsingen in diesem Fall auf der Metaebene? Es gibt nie eine Dopplung, nichts was schon da war. Es gibt keine Objektivität. Das, was geschrieben steht, das Wort, ist so kostbar und doch so vergänglich und in zahlreichen Facetten aufsaugbar. Ich kann mich trotz Monotonie nicht langweilen und gehe immer weiteren Assoziationen nach, um das Vorgetragene für mich greifbar und bedeutsam werden zu lassen.

Ist das Gesang? Es scheint Willkür mit System zu sein, die hier genau diese Faszination auslöst; dass man doch dran bleibt, entdecken und verstehen will.

An den Outfits der Sänger finde ich nur wenig inspirierend, mehr passte das Design einigermaßen zur Nationalität der Stimmen. Keiner versteht wohl all die wohlklingend-deutlich geformten Worte, und doch sprechen alle sie einfach nach – eine attraktive und zugleich fragwürdige Mischung aus Plappern und bewusst sagen, aus Gleichschaltung und Einheit. Mal wirkt es, als gebe es Konsens im Überfluss, dann wieder, als strömten leere und blasse Fluten der Eintönigkeit auf einen nieder. Ich höre Zeitungsartikel über das Verbot exzessiver Trinkkultur auf Mallorca und die Offenbarung eines Dopingmissbrauchs heraus – beides Neuigkeiten, von denen ich wirklich gehört hatte, mit denen ich mich aber dennoch nicht tiefer auseinander gesetzt hätte und auch hier nicht die Möglichkeit dazu bekomme, da alles so eintönig und abgehackt ist.

Der große Themenkomplex des Abends ist wohl Kommunikation, Sprache, Verstehen. So kommt mir das biblische Babel in den Sinn, diese schon so lautmalerisch klingende Metropole der ergrauten Erzväter, die sinnbildlich der Ursprung der Sprachenvielfalt gewesen ist. Wie schön müsste es davor gewesen sein, als jeder jeden verstehen konnte. Wie die Sprachbarrieren ganze Schluchten zwischen Kulturen nur noch tiefer klaffen lässt, merken wir gerade hier in diesen Tagen. Der Zuschauer wird in der differenzierten Vielfalt erneuert und genießt es, den anderen Sprachen des Cottbusser Chors zu lauschen, sie zu akzeptieren und nicht immer alles verstehen zu müssen. Man versteht nicht alles, geschweige denn kann man alles im ureigentlichen Sinne genießen , aber aus einer Art produktiven Bewusstseins lässt „The New Blues“ Gedanken schöpfen, die ohne das Bühnengeschehen nicht hervorgekrochen wären.

Das Werk kommt mit dem Monolog eines der Interpreten zum Abschluss, in den keiner der anderen einstimmt. Es wirkt wie ein unbedingt notwendiges Innehalten und Nachdenken über all die Informationen , die ständig auf uns einprasseln und die Sicht auf die aktuell notwendigen Dinge manchmal ergrauen lässt wie der klamme Berliner Märznebel, der die Zuschauer draußen erwartet.

 

„The News Blues“ von Nicholas Bussmann wurde am 12. März 2016 bei MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt.