Am 18. März 2016 wird „alif::split in the wall“ im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen uraufgeführt werden. Dafür entwickelt die Bildende Künstlerin Chiharu Shiota eine raumgreifende Installation und die Komponisten Stefan Goldmann und Samir Odeh-Tamimi schaffen Musiken, die sich aus verschiedenen musikalischen Praxen und Erfahrungen speisen und unterschiedliche Wahrnehmungshaltungen ansprechen. Bastian Zimmermann begleitet und dokumentiert die Arbeit am Zusammenwirken von Musik und Bildender Kunst, von Konzert und begehbarem Raum.

Mit roter Flüssigkeit befüllte transparente Klinikschläuche © Bastian Zimmermann

Mit roter Flüssigkeit befüllte transparente Klinikschläuche © Bastian Zimmermann

Alif ist der erste Buchstabe im arabischen Alphabet. Man erzählt sich die Geschichte eines Jungen, der nicht aufhört, nur den einen Buchstaben schreiben zu lernen, während alle anderen das Ende des Alphabet schon erreicht haben. Der Junge verlässt die Schule und kehrt erst Jahre später wieder zurück. Er geht an die Tafel und zeichnet dem Lehrer das Alif in einem einzigen Strich. Tafel wie Wand zerspringen in zwei Teile. Symbolischer geht es kaum: Man hofft, durch Wiederholen und stetiges Ausdifferenzieren wird sich etwas öffnen. Verharren als Befreiung.

Athena Tsantekidou, Assistentin von Chiharu Shiota, beim Befüllen der Schläuche © Bastian Zimmermann

Athena Tsantekidou, Assistentin von Chiharu Shiota, beim Befüllen der Schläuche © Bastian Zimmermann

Allmählich spritzen Chiharu Shiota und ihre Assistentin Athena Tsantekidou das Blut in die Adern, in den Organismus, der im Laufe der Proben zum Leben erweckt werden soll. Das Blut sieht echt aus, ist aber eine rote Flüssigkeit. Die Adern sind transparente Klinikschläuche. In Fahrt gebracht wird das Elixier durch Pumpen, wie man sie auch aus dem Krankenhaus kennt. Kontinuierlich kreisen die zwei Widerstände, die das Blut in Pulsen voranschieben. Ganze 1000 Meter Schlauch und 55 Pumpen verarbeitet Shiota an diesem Tag, befüllt sie mit Flüssigkeit, schließt sie an verschiedene Organismen an.

Chiharu Shiota legt die Schläuche im Raum aus © Bastian Zimmermann

Chiharu Shiota legt die Schläuche im Raum aus © Bastian Zimmermann

Shiota wurde mit ähnlichen Installationen bekannt. Ganze Räume verhüllte sie mit schwarzen Wollfäden, in denen auch musikalische Themen anklingen. In der Installation „In silence“ (2013) ver-wickelte sie einen Flügel und die gesamte Zuschauerbestuhlung mit schwarzen Wollfäden an die Decke des Raumes. Scheinbar vorher unsichtbare Geometrien des sozialen Raumes „Konzert“ treten auf.

 „In Silence“ Centre PasquArt, Biel – Bienne, 2008 © Chiharu Shiota

„In Silence“ Centre PasquArt, Biel – Bienne, 2008 © Chiharu Shiota

Solch ein treffsicherer Kommentar auf die unbewussten Zusammenhänge im Konzert bedarf keiner Musik mehr. Was ist bei „alif“ anders? Hier wird die Analyse des sozialen Raums zugunsten der Schaffung eines neuen Raumes, einer begehbaren Installation aufgegeben. Ein Organismus soll hier in den nächsten Tagen entstehen, auf den man sich als je Einzelner einlassen kann. Eine Vielzahl an Notenständern, viel mehr als es Musiker*innen geben wird, dienen als Auswuchtungen des Bodens, Infusionständern gleich, damit die roten Lebenssäfte auch ihren Weg finden. Hier rast es, da pulsiert es, und dort kommt es kaum voran. Doch was soll erklingen? Und wieso? Generieren beispielsweise die Pulse der Installation auch die der Musik?

Der Ideengeber zu dem Projekt, Jeremias Schwarzer, gibt sich mit einer einfachen Dopplung von Bild und Klang nicht zufrieden. Die Differenz finden er und die Konzertdramaturgen Ilka Seifert und Folkert Uhde spannend, die Gleichzeitigkeit verschiedenster Pulse und Impulse – und eine verhältnismäßig lange Dauer von fünf Stunden. Erst dann könne sich die Differenz in den Wiederholungen entwickeln. Abwechselnd wird daher die elektronisch pulsierende Musik von Stefan Goldmann und die impulsive Ensemble-Musik von Samir Odeh-Tamimi erklingen, performativ wie klanglich verbunden durch die Gesangsolistin Salome Kammer und die Musiker*innen des Zafraan Ensemble. Räumlich begrenzt werden soll die Installation mit Videowänden, auf die von Folkert Uhde Filme des Kameramanns Andreas Höfer projiziert werden. Doch so weit ist es noch lange nicht. Noch schlägt nur der Puls der alif-Installation von Shiota. In tiefster innerer Ruhe und als wüsste sie schon immer, was sie hier bauen möchte, legt sie Schlauch für Schlauch auf Notenständer und Boden, stundenlang und schaltet schließlich die alif-Installation mit einem Knopfdruck an.

„alif::split in the wall“ wird am 18. und 19. März jeweils von 19:00 – 24:00 Uhr im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen im Radialsystem V zu erleben sein. Die Installation „alif“ von Chiharu Shiota ist außerdem am 19. und 20. März von 12:00 – 18:00 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich.