„Vergine giurata“ © Berlinale 2015

Noch ein Favorit mit einer späten Coming-of-Age-Geschichte:„Vergine giurata“ („Sworn Virgin“) von Laura Bispuri. Eine Freundin sagte nach dem Film noch im Foyer:„Der wird den Preis gewinnen: Frauenthema, perfekt gemacht, politisches Thema, Ausland, gute Botschaft, ein schmerzliches Gelingen, was soll da schief gehen?“ – „Sworn Virgin“ erzählt stilsicher seine stille Geschichte mit langen Takes, wenig Worten und noch weniger Schnitten innerhalb der Szenen. Ich bin, wie bei meiner Albanienreise vor einigen Monaten, von der Andersweltlichkeit des Landes eingenommen – obwohl so ziemlich alles, was in dem Film für die archaische Welt der Dörfer in den nördlichen Bergen Albaniens steht, in Südtirol gedreht wurde, und das auch noch mit zwei deutschen Schauspielern, die makellos Italienisch oder Albanisch sprechen. „Sworn Virgin“ ist das Portrait einer Heldin, die sich selbst noch einmal zur Welt bringen muss. Sie verwandelte sich als Waisenkind in ihrer Pflegefamilie vom Mädchen zu einem Jungen, was einer speziellen Tradition Albaniens entspricht und erlaubt, dass ein Mädchen, das seinem Geschlecht abschwört, in die archaische Männerwelt der Bergdörfer wechseln darf. Diese Jungfrau aus Entschluss entscheidet sich im Erwachsenenalter, nach dem Tod ihrer Eltern, in der Wendezeit nach der Auflösung des Bunkersozialismus Albaniens, zum Besuch ihrer Pflegeschwester in einer italienischen Großstadt. Dort wird sie als Mark und männlicher Verwandter in die vergleichsweise moderne Familie aufgenommen und entwickelt sich in dieser neuen Umwelt Schritt für Schritt zurück zur Frau. „Danke, dass du mich in dein Haus aufgenommen hast, als ich nichts war“, sagt sie am Ende ihrer Schwester, und da ist sie wieder Hanna, und dieser Satz bleibt hängen. Genauso wie sich das scheinbar opake, wie von innen leuchtende Gesicht der italienisch-deutschen Hauptdarstellerin Alba Rohrwacher in einer der letzten Einstellungen für immer bei mir einprägt, weil es sie im Moment der Ankunft in ihrem eigenen Leben, in der Freude ihres Daseins zeigt, gemäldegleich, 15 Meter hoch, wie eine XL-Ikone von Franz Gertsch. Die Regisseurin hat die gesamte Wiedergeburt der Frau mit großer Ruhe auf diesen Punkt, dieses Bild hin inszeniert, die Kamera folgte zuvor dem Weg der Darsteller wie ein Freund dem anderen, der ihm bei all seinen Verrichtungen zuschaut und nicht eingreift, weil er im Zustand des vollkommenen Vertrauens ist. Das riesige, hyperreale Gesicht der Hauptdarstellerin stand im Berlinale-Palast so plastisch im Raum wir ein profanes Heiligenbild, ein unvergesslicher Anblick, Augen groß und dunkel wie eine Baumkrone; ein Film der, einfache Dinge zeigt, Tische mit Geschirr, ein Bild auf der Tapete, Schneelicht, das durch Fenster ohne Vorhang fällt, eine abstrakte Simplizität der Alltagsobjekte wie auf den Bildern von Morandi – armes Kino, reiches Kino, und es bewegt uns doch.