Der niederländische Komponist Louis Andriessen feiert 2019 seinen 80zigsten Geburtstag. Das Musikfest Berlin würdigt das Schaffen dieses Komponisten in drei Veranstaltungen. Auftakt des Andriessen-Schwerpunkts bildet die deutsche Erstaufführung der Komposition „Mysteriën“ durch das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam – ein Werk, das eng mit der Geschichte dieses Orchesters verbunden ist. Am 4. September bildet Andriessens „De Stjil“ neben Werken von Olga Neuwirth und Edgard Varèse den musikalischen Beitrag des Musikfest Berlin zum Bauhausjahr. „De Stijl“ ist der gleichnamigen Künstlerbewegung gewidmet, die sich dem Bauhaus und seinen Ideen nahe fühlte. Die Aufführung übernimmt das Ensemble Modern unter der Leitung von Brad Lubman. Das BBC Symphony Orchestra mit seinem Chefdirigenten Sakari Oramo bringt eine Premiere mit nach Berlin: die Europäische Erstaufführung des neuen Werkes „The Only One“ (2019) für Stimme und Orchester mit der Sängerin Nora Fischer als Solistin. Welche Bedeutung Louis Andriessen für die zeitgenössische Musik hat und was seine Kompositionen auszeichnet, davon handelt der Essay von Dirk Wieschollek.

 

Arbeiter restaurieren die Harfe auf dem dach des Concertgebouw Amsterdam

 

 

„Wahrheit in der Kunst ist etwas, das es nur in Anführungszeichen gibt … Ich halte beide Begriffe, sowohl Schönheit als auch Wahrheit, in Bezug auf Kunst für Paradox. Und ich denke, der einzige Maßstab dafür, was gut ist oder nicht, ist diejenige Schönheit, die uns zu einer Neuinterpretation der Kunst verhilft.“

Was Louis Andriessen hier vor circa zehn Jahren im Gespräch mit Armin Köhler, dem langjährigen Leiter der Donaueschinger Musiktage, auf den Punkt brachte, klingt aktueller denn je. Und markiert eine wesentliche Voraussetzung der Musik des heute bedeutendsten und einflussreichsten niederländischen Komponisten: die frühe Unabhängigkeit von ästhetischen Ideologien und bürgerlichen Konventionen gleichermaßen, die einen polystilistischen Zugriff auf das Material forcierte und Ausdruckssphären erschloss, die stets verbunden waren mit einer gesellschaftlich bezogenen „Inhaltlichkeit“. Dies vor allem mag der Grund gewesen sein, dass Andriessen von der europäischen, insbesondere deutschsprachigen Neue Musik-Berichterstattung jahrzehntelang ignoriert und in der Regel als ‚Minimal-Epigone’ abgetan wurde.
Die niederländische Kompositionsszene der 1970er Jahre zeigte sich unbestreitbar stark beeinflusst von der Minimal Music amerikanischer Prägung, doch es wäre naiv, Andriessen mit den flachen Exerzitien und flauschigen Wohlfühlteppichen eines Simeon ten Holt gleich zu setzen (der mit „Canto Ostinato“ 1979 in den Niederlanden einen ‚Klassik-Hit’ landete). Zwar integrieren Andriessens frühe Stücke wie „De Vollharding“ (1972) oder „De Staat“ (1976) Organisationsprinzipien, die klar auf Terry Riley und Steve Reich zurückzuführen sind, aber die oft ausgeprägt dissonante Harmonik (meilenweit entfernt von der molligen Dreiklangsmelancholie eines Philip Glass), ein schroffer Blechbläser-Sound, dramatische Brüche und eine weniger abstrakt als existentiell vorwärtstreibende Motorik bringen bei Andriessen einen ganz anderen, oft abgründigen Ton in die scheinbar vertrauten Wiederholungsmuster.

Die Einflüsse von Louis Andriessen, der entscheidende Anregungen von Luciano Berio empfing, waren von Beginn an vielfältig: Igor Strawinsky war für ihn ebenso wichtig wie Anton Webern, die Musik von Steve Reich genauso prägend wie der Jazz, die Musik der französischen Romantik und frühen Moderne faszinierte Andriessen nicht minder stark wie Spielarten von Pop, Rock, Rhythm’ and Blues. Die Idee des musikalischen Fortschritts, lange Zeit Katalysator der Avantgarde Darmstädter Prägung, war Andriessen schon zu Zeiten eigener serieller Anfänge suspekt. Andriessens künstlerische Entwicklung war stark von den soziopolitischen Umbrüchen der späten 1960er Jahre geprägt. Die allgemeine Politisierung des Kunst- und Musiklebens führte in den Niederlanden (noch viel stärker als in Deutschland) bei einer jüngeren Künstler*innen-Generation zur Ablehnung bürgerlicher Musik-Infrastruktur. Kompositorisch fand das seinen plakativsten Niederschlag in der marxistisch gefärbten Kollektivoper „Reconstructie“ (1969), die mit fünf beteiligten Komponist*innen und diversen Ensembles auf der Folie von Mozarts „Don Giovanni“ Che Guevara huldigte. Legendär geworden ist Andriessens Störaktion zusammen mit den damaligen Gesinnungsgenossen Reinbert de Leeuw und Misha Mengelberg während eines Haitink-Dirigates im Concertgebouw, die nach intensiver Benutzung von Rasseln, Pfeifen und Megaphonen im Rauswurf endete. In den 1970er Jahren hatte Andriessen großen Anteil an der Begründung einer neuen Ensemblekultur, die eher an Praktiken der Jazz- und Rockmusik angelehnt war als an die Gepflogenheiten des bürgerlichen Konzertsaales. Ähnlich wie seine amerikanischen Kollegen Reich und Glass kultivierte auch Andriessen seine Musik in eigenen Ensembles, zunächst mit De Volharding (Die Beharrlichkeit), ab 1977 dann in Hoketus. Damit verbunden war eine Instrumentationspraxis, die schon früh auch in der Avantgarde eher gemiedene Insignien der Rockmusik integrierte: E-Gitarre, E-Bass, Keyboard, Schlagzeug.

Noch 2009 schien Andriessens Skepsis gegenüber dem traditionellen Orchesterapparat als adäquatem Vermittlungsmedium seiner Klangvorstellungen ungebrochen: „Jedes Jahr kommt der Intendant des Concertgebouw-Orchesters … weil er ein Stück für Orchester haben will. Und ich versuche ihm immer wieder zu erklären, dass das nie funktionieren wird.“ Andriessens hartnäckige Vorbehalte wurden schließlich doch ad acta gelegt: Zur 125-Jahr-Feier des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam bekam Mariss Jansons vom einstigen Verächter symphonischer Emphase (der vibratogesättigte Streicherpassagen bis heute verabscheut) eine großdimensionierte und sehr persönliche Orchesterpartitur in Erinnerung an seinen Vater (Andriessen stammt aus einer Komponisten-Familie und schon Vater Hendrik schrieb für das Concertgebouw!): „Mysteriën“ (2013) nach sechs Kapiteln aus „De imitatione Christi“ des Mystikers Thomas von Kempen, eines der Lieblingsbücher seines Vaters. Kantige, dissonanzgesättigte Akkordsäulen der Bläser, mikrotonal irisierende Streicherflächen und massive Verdichtungen konstituieren dramatische Klangbilder zu den spirituellen Grundfragen menschlicher Existenz, die in ihrer expressiven Unmittelbarkeit überraschen. Bei aller Zugänglichkeit ihrer Sprach- und Organisationsformen ist Andriessens Musik eines jedoch nie gewesen: gefällig. Die kraftvolle Energetik seiner heterogenen Klangprozesse, oft von einer ausgesprochen unkomfortablen Physiognomie gekennzeichnet, trägt das Ungenügen an der Welt, in der sie erklingen, hörbar mit sich.

Die geflissen übersehene Bedeutung der Musik Andriessens wurde hierzulande mit einen Schlag evident als Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale 2014 „De Materie“ (1984 – 1988) aus der Versenkung holte – ein musiktheatralischer Wurf und markantes Beispiel für Andriessen Gabe, von prägnant reduzierten Ausgangsmaterialien her enorme Kräfte freizusetzen und dabei kompositorische Zeit- und Raumverhältnisse mit historischer Komplexität aufzuladen. Andriessens „musikalischer Essay“ für Sopran, Tenor, zwei Sprecher, Chor und großes Ensemble reflektiert in vier Teilen „das Verhältnis von Geist und Materie“ und rekrutiert dabei eine Vielzahl von (zuvorderst niederländischen) Textquellen aus mehreren Jahrhunderten: Anleitungen zum Schiffsbau ebenso wie religiöse „Visionen“ aus dem 13. Jahrhundert, mathematische Theorien und Erinnerungen an Piet Mondrian (so in „De Stijl“) genauso wie Sonette des spätromantischen Dichters Willem Kloos oder Tagebuchfragmente der Nobelpreisträgerin Marie Curie. So bezeichnend vielschichtig die Textmaterie, so disparat die Musik: Sie verbindet Elemente aus Jazz und Sakralmusik, Renaissance, Barock und Moderne in einer minutiös durchkonstruierten und doch höchst energetischen Musik. Sollte es die musikalische Postmoderne jemals gegeben haben, hätte De Materie zum musikalischen Prototyp getaugt.

Andriessens schon immer ganz und gar entspanntes Verhältnis zur Pop-Musik bezeugt sein aktueller Zyklus „The Only One“ (2019). Die Gesänge für Stimme und Orchester auf Gedichte von Delphine Lecompte flirten mit der Tradition des amerikanischen Songwritings und sind Nora Fischer auf den Leib geschrieben, deren charismatisch minimalistische Fusionierungen von Pop, Jazz und Alter Musik Andriessen beeindruckt haben. Materielle Hierarchien besitzen für den Pionier kompositorischer Polystilistik heute noch weniger Gültigkeit als ehedem:

„Die wirklich revolutionären Entwicklungen im Komponieren haben überhaupt nicht viel mit dem Material zu tun, sondern mit dem Umgang mit der Welt.“

Kompositionen von Louis Andriessen werden in folgenden Konzerten aufgeführt: Am 2. September„Mysteriën“ vom Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam in Philharmonie; am 4. September „De Stijl“ vom Ensemble Modern und dem Chorwerk Ruht mit Catherine Milliken als Sprecherin und am 5. September im Rahmen des Konzerts des BBC Symphony Orchestra mit der europäischen Erstaufführung von Louis Andriessens Werl „The Only One“ mit der Sängerin Nora Fischer als Solistin.