Dennis Pohl

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Ein starkes Gefühl? – Terre Thaemlitz‘ Lovebomb
Terre Thaemlitz, Lovebomb, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Uff. What a ride. Terre Thaemlitz hat die letzte ihrer drei MaerzMusik-Auftritte über die Bühne gebracht. Und auch bei „Lovebomb“ haben wieder reihenweise Besucher*innen den Saal verlassen. Das ist okay, oftmals verständlich – und trotzdem schade: Denn bei dem bereits 2004 entstandenen Stück wird wie bei keinem anderen deutlich, wie Thaemlitz ihre Kunst versteht. Nicht als lineare Erzählung, klar. Aber dennoch als in sich geschlossenes Werk mit Spannungsbogen, klarem Anfang und Ende. Benutzerfreundlich, könnte man fast sagen. Oder präziser: Thaemlitz schreibt audiovisuelle Essays zu bestimmten Themen, die jedoch auf rein suggestiver Ebene funktionieren. Das heißt, dass man die zusammenhängenden Sätze zwischen den Bildern und dem Klang jeweils selbst bilden muss. Dass es also keine einheitliche Deutung geben kann, ist dabei selbstverständlich – und essentiell. Das gilt besonders für „Lovebomb“. Schließlich geht es dabei mal wieder um nichts Geringeres, als die (sprichwörtliche und buchstäbliche) Wurst. Genauer: um die Liebe. „Nach engerem und verbreitetem Verständnis ist Liebe ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt“, definiert das Menschheitsgehirn Wikipedia die Sache. Ein starkes Gefühl? Sicher, kennen wir alle. Für Terre Thaemlitz ist Liebe jedoch mehr. Eine soziale Gleichung, eine Übereinkunft, dass in einem bestimmten Kontext bestimmte Verhaltensmuster okay sind. Nicht nur das Händchenhalten, versteht sich. Sondern auch vielfältige Arten von Gewalt. Und in der Tat ist es erschreckend, wie viel Gewalt in Geschichte und Gegenwart im Namen eines diffusen Liebesbegriffes ausgeübt wurde und wird. Erst 1997 wurde beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand erklärt. Ein Großteil der weltweiten Gewaltverbrechen wird von Tätern begangen, die ihren Opfern nahestehen. „Ein Schlüsselelement der Liebe ist die Rechtfertigung von Gewalt“, schreibt Terre Thaemlitz ganz direkt im Begleittext zu „Lovebomb“. Und nimmt dabei auch die von Liebesmotiven durchzogene Popkultur ins Visier. Nicht zu Unrecht: Wie genau sah nochmal ein leidenschaftlicher Kuss im Kino bis vor wenigen Jahrzehnten aus? Wie ein Kampf, oder? Und was machte jemanden wie Marlon Brando zum Leinwandheld? Subtile Gewalt. Terre Thaemlitz, Lovebomb, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Die wichtigere Liebesfrage wirft „Lovebomb“ jedoch an anderer Stelle auf: Das Stück wurde von Thaemlitz als eine Art zerrissene Gegenrede zur popkulturellen Überstrapazierung des Begriffs Liebe entworfen. Da hat sie einen Punkt. Halten Sie doch mal bei der nächsten Fahrt ins Büro Augen und Ohren offen: „Ich liebe es“? Meint Burger. „Weil wir dich lieben“? Sagt die Bahn. Und eine Wagenladung Singles hat sich jeden Tag schon vor dem ersten Umsteigen verliebt. Überhaupt: Wir sollen uns selbst lieben, andere sowieso, unseren Job, das Leben! Ach ja, und natürlich auch noch unsere Heimat, was auch immer das ist und wie auch immer das gehen soll. Fast scheint es, als wäre Liebe als Begrifflichkeit hauptsächlich dazu da, uns von der Unvollkommenheit der eigenen Existenz zu überzeugen. Mit kapitalistischem Blick betrachtet ist das nur logisch: Heilung verspricht meist nur der Konsum. Wir lieben ja Lebensmittel, das Fliegen und es frisch, oder? Aber greift Thaemlitz‘ Liebeskritik nicht trotzdem zu kurz? Begeht sie nicht denselben Fehler, den sie eigentlich offenlegen will? Dass die Gesellschaft willentlich verengte, was Liebe sein kann, weil andere Konzepte nicht ins System passen? Ist im Umkehrschluss Liebe nicht auch mehr, als ein massenweiser Imperativ und eine akzeptierte Entschuldigung für Gewalt jeglicher Couleur? Ist Liebe letztendlich nicht alles und nichts gleichzeitig? Höchst individuell, nicht zwingend sexuell oder besitzergreifend? Und damit im Kern ganz weit weg von “Love Is In The Air“ und „All You Need Is Love“? Vielleicht sogar der einzige Kitt, der in einer schrecklichen Welt noch irgendwie Sinn ergibt? Aber keine Sorge, Terre. Wir lieben dich trotzdem.
Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele
Eine Zurückweisung – Terre Thaemlitz‘ „Deproduction“
Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Seien wir an dieser Stelle mal ganz offen: „Deproduction“ ist nervtötend. Wirklich. Hundertfache Wiederholung, kryptisches Stimmengewirr, zielloser Lärm, schwer auszuhalten. Das audiovisuelle, erneut auf einer SD-Karte veröffentlichte Album feierte vergangenen Sommer im Rahmen der documenta 14 in Athen Premiere. Und rückblickend ist es nicht ohne Ironie, dass Thaemlitz genau dieses eigentlich längst in Altersteilzeit operierende Format wichtig ist. „Deproduction“ sei für „den Konsum zu Hause“ gemacht und nur sekundär für die Ausstellungshäuser dieser Welt. Ein ganz normales Album eben. Schon klar. Wie gut das funktioniert, sah man am Montag im Haus der Berliner Festspiele. Reihenweise verließen zahlende Besucher die Vorstellung lange vor deren Ende. Einen Vorwurf kann man niemandem von ihnen machen. Spätestens nach den ersten zehn Wiederholungen des zentralen Topos hatte man schließlich verstanden, um was es geht: „So these people are very religious / And then apparently, they’re very anti-gay / Excuse me, they’re very pro traditional family / Which is under attack by gay people just being around / Hahahaha.“ Die Botschaft würden wohl die meisten unterschreiben. In Endlosschleife wurde die Losung jedoch schnell zur Folter. Auch, weil, gähn, so wenig passierte. Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele #gallery-1 { margin: auto; } #gallery-1 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 33%; } #gallery-1 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-1 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Man kann Terre Thaemlitz allerdings ebensowenig einen Vorwurf machen. Wer Geld für eine ihrer Performances ausgibt, sollte keine Unterhaltung erwarten. Im Gegenteil. Es gehört zum Konzept von „Deproduction“, mit dieser Erwartungshaltung zu spielen. Oder besser: sie mit Nachdruck in die Tonne zu treten. „Es geht darum, Performativität zu unterwandern“, sagte sie selbst einmal. Kurz: Den Play-Knopf zu drücken und, ganz im Geiste der Musique Concrete, den Rest den Maschinen zu überlassen ist für Thaemlitz eine subversive Geste – in der es im Kern um gängige Bilder transsexueller Bühnenpräsenz geht: „Sich als Trans-Person ein oder zwei Stunden still vor ein Publikum zu setzen, ist meine Art die typische Transgender-Bühne zurückzuweisen“, so Thaemlitz. Das Gegenteil von flamboyantem Drag sozusagen. Und im Grunde ist auch die restliche Performance am Rande der Erträglichkeit nur logisch. Zur Erinnerung: „Deproduction“ greift offen das Konzept von Familie und Reproduktion als erstrebenswertes Ziel an. Und damit eine Hausnummer, die über die womöglich größte Lobby der Welt verfügt: den Kapitalismus, sämtliche Kirchen und obendrein auch noch den ganzen Werbezirkus. Dass sie dabei die Frage ins Zentrum stellt, ob die queere Community mit ihrem oft vertretenen Wunsch nach ebensolchen Strukturen nicht freiwillig dieselben normativen Strukturen wählt, die sie einst traumatisiert hat, gibt dem Stück zusätzliche Brisanz. Wie will man sich da Gehör verschaffen, außer über eine Performance, die radikal an die Grenzen geht? Mit den eingespielten Versatzstücken aus japanischer Inszest-Pornografie und angedeuteten häuslichen Gewaltszenen etwa? Lockt doch längst niemanden mehr aus der Reserve. Deshalb muss man Terre Thaemlitz am Ende schlicht zu einem aus ihrer Sicht gelungenen Abend beglückwünschen. Oder wann haben Sie zum letzten Mal derart beißende Kunst gesehen? Ob man Thaemlitz Standpunkt teilt, ist nämlich sekundär. Wichtig ist, dass weiterhin Raum für solche kontroversen Fragen bleibt. Und für Kunst, die einen so wütend macht, dass man den Saal verlassen muss. Und seien wir auch an dieser Stelle ganz offen: Wem das nicht passt, sollte bitte seinen Standpunkt überdenken.
Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele
Wider die Monokulturen - Terre Thaemlitz' Soulnessless
Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Kreppsohlen schmatzen auf Steinboden wie Störgeräusche, Ledersohlen liefern sanfte Percussion, härtere Absätze beißen sich wie Snare-Drums in den Raum. In der Nacht von Samstag auf Sonntag entwickelt sich Terre Thaemlitz‘ mit etwas mehr als 32 Stunden immer noch den offiziellen Weltrekord des längsten Albums der Welt haltende Improvisationswerk „Soulnessless“ mit jeder Minute weiter von der eigentlichen Musik weg. Während Thaemlitz am Samstagnachmittag noch persönlich vor dem leicht versetzt in der Mitte des Lichthofs des Gropius Bau stehenden Flügel sitzt und in sedierenden Abständen Akkorde in den weitläufigen Raum setzt, driftet man als Besucher nämlich sukzessive ab. Auf Matratzen liegend beobachtet man abwechselnd die neoklassizistische Architektur des Baus, die in ihrer dezenten Angeberei dieser Performance diametral entgegenzustehen scheint, und die ankommenden und gehenden Menschen – oder vielmehr das, was jeder von ihnen dem Abend hinzufügt. Live wandelt sich „Soulnessless“ zu einer subtilen Sinfonie der übersehenen und überhörten Details: Dem Schlüssel, der in der Jackentasche unabsichtlich im Takt klimpert, dem Rascheln von Wolle auf Polyester, dem knackenden Knöchel, den verschiedenen Symptomen der allgegenwärtigen Erkältung, die dieser Tage wie eine innere Résistance die Menschen punktuell aus dem gleichförmigen Wertschöpfungskreislauf wirft. Die Details gehen eine seltsame Symbiose mit den Kargen Akkorden ein. Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Das alles hat etwas Meditatives, was ziemlich komisch ist. Schließlich verabscheut Terre Thaemlitz Meditation. Sie wissen schon, Spiritualität und so. Allerdings bewegt sich „Soulnessless“ weit außerhalb einer Suche nach Erkenntnis. Die endlosen Stunden bieten vielmehr den passenden Zwangsrahmen, um mal über gewisse Dinge nachzudenken. Nachdem man die wöchentlichen To-Do-Listen abgehakt hat, landet man schnell bei der dem Marathon-Album zugrunde liegenden Frage: Warum gilt eigentlich das 30- bis 45-minütige Album weiterhin als state of the art im Musikgeschäft? Ursprünglich war diese Länge schließlich reine Notwenigkeit – mehr passt kaum auf eine Vinyl-Platte. Die CD veränderte mit ihrem größeren Fassungsvermögen diesen Rahmen, 70 bis 80 Minuten wurden in den späten Achtzigerjahren zum Standart. Durchgesetzt hat sich jedoch das kurze, leicht verdauliche A-und-B-Seiten-Narrativ. Zugegeben, in letzter Zeit brachen zunehmend erfolgreiche Künstler*innen die alte Formel auf. Rapper wie Drake aus Toronto oder die von Migos aus Atlanta veröffentlichten Alben, die mehr lose Mixtapes waren, als in sich geschlossene Kunstwerke. Weit über 20 Tracks und Spielfilmlänge inklusive. Das ist im Grunde nur logisch. Migos jüngstes Album „Culture 2“ wurde von ihrem Label Quality Control gleich dreimal beim Streamingdienst Spotify hochgeladen, was der länge eines Wintertages entspricht – und allerhand Streams verspricht. Die Superstars wissen also längst, was im Turbokapitalismus gefragt ist: Musik, die man anklickt und vergisst, während sie läuft. Nebenbei spült sie so auch noch reichlich Geld in die Kassen. Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner In der Breite lebt die Musikwelt aber in der Vergangenheit. Bei Labels, Agenturen und Promotern schreibt man weiterhin das Jahr 1965, weswegen Neuerungen meist keine Chance haben. Übel nehmen kann man das niemandem, schließlich hängen an den Strukturen Jobs – und an den Jobs Familien. Trotzdem ist es gefährlich: Während sich die Gegenwart mit Algorithmen und ihren künstlichen neuronalen Netzen rasend schnell in Richtung einer neuen Realität bewegt, in der theoretisch und teilweise bereits praktisch Musik autark von Computern generiert werden kann, in der die Empfehlungsfunktionen der Streaming-Giganten das Mittelmaß fördern und gerade in der Musik Monokulturen drohen, klammert sich die Industrie an alte Gewissheiten. Und wiederholt eisern einen Duktus: Die neue Technik ist böse. Punkt. Das schließt jede produktive Diskussion über die Zukunft pauschal aus – ein schwerwiegender Fehler. Die Zukunft ist schließlich längst da. Noch können wir sie formen, doch müssen wir unseren Platz im exklusiven Gesprächskreis einfordern. Über unreflektierte Ablehnung und retrofuturistische Endzeitfantasien lachen sich die großen Tech-Firmen bloß kaputt. Man wird ziemlich abrupt in die Gegenwart zurückgeholt, die Sinfonie der Kleinigkeiten mündet in ein Crescendo. Die Besucher bewegen sich in Richtung eines Ausstellungsraums am Kopfende, aus dem ein drohender Klang kommt. DJ Sprinkles, Terre Thaemlitz männliches DJ-Alter-Ego, beginnt sein Set. Mit Funk-betonendem House zeichnet er eine musikalische Gegenwart, die zumindest für den Moment sicher scheint. Ob man Antworten gefunden hat? Nein. Aber Fragen – die sind ohnehin viel wichtiger. DJ Sprinkles, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner  
Von innen Gegenrede leisten
Terre Thaemlitz – ein Portrait