Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an.

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve

Mit einer fast chronologischen Folge von Klavierstücken stellen uns Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich einen Abend lang Pierre Boulez vor. Am Anfang steht das Werk eines Musikstudenten, erklärt uns Aimard, man höre in den „Douze Notations“ noch andere Komponisten wie Varèse und Debussy. Das Stück, es besteht aus genau zwölf mal zwölf Takten, ist sehr beeindruckend, denn die Atmosphäre wechselt in rasendem Tempo. Der Wechsel zwischen einzelnen, schwebenden Noten und schweren Akkorden geschieht fliegend, sodass sich hier zum ersten Mal das abendbestimmende Wort „Weltenwechsel“ in meinen Kopf bildet. Das Wort beschreibt ein Gefühl, das ich an diesem Abend noch genauer kennenlernen werde. Die erste Sonate zeigt sich schon als durch und durch boulezisch. Aimard erklärt uns, wie man an diesem Stück erkennen kann, dass Boulez ein Pianist war, er könne die Unterschiede zwischen Resonanz- und Perkussionsklängen auf eine außergewöhnliche Weise herausarbeiten. Und tatsächlich bestimmen diese Unterschiede das Stück, auch hier könnte man von Weltenwechsel sprechen.

Zu Beginn der zweiten Sonate stellt uns Tamara Stefanovich die beiden Themen vor, die vor allem den ersten Satz der „Deuzième Sonate“ prägen, ich muss allerdings zugeben, dass ich sie während des Stücks kaum mehr wiedererkennen konnte. Die nächsten beiden Sätze beschreibt Stefanovich mit malerischen Umschreibungen, wie „einzelne Sterne“, „ein Fenster, das auf und zu geht“, oder „eine Wolke“. Bei dem letzten Satz warnt sie uns vor den bedrohlichen Trillern. Während des Stücks werde ich vollkommen in den Bann gezogen, von der unglaublichen Intensität. In dem regungslose Moment zwischen dem Ende des Stücks und dem Beifall klingt wohl allen das Stück in den Ohren nach. Ich glaube Pierre Boulez hat hier sein Ziel einer „kollektiven Hochspannung“ erreicht.

Nach der Pause geht es mit der dritten Sonate weiter, Pierre-Laurent Aimard erzählt uns, dass Boulez in dieser Zeit mehr auf Regeln in Akustik und Form geachtet habe. Der erste Teil „Formant 3“ bestehe aus zwei Spuren, die parallel verlaufen und die man eigentlich auf ein riesiges Blatt kleben müsste. Er habe sich seinen Weg aber schon im Vorfeld zurechtgeklebt. Die beiden Spuren verschmelzen und überkreuzen sich allerdings so, dass man sie als Zuhörer kaum noch unterscheiden kann. Den zweiten Teil „Formant 2“ beschreibt Aimard zurecht als Wörter oder einzelne Silben, die wiederholt oder verzerrt werden. Genau so klingt es, wie eine scheinbar unendlich große Vielfalt von wenigen Wörtern. Mit den beiden folgenden Stücken machen wir einen riesigen Zeitsprung von fast 50 Jahren, auch hier ändert sich die Welt komplett. Die Virtuosität übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen, jeder Versuch das Gehörte in eine Ordnung zu bringen scheitert, also beschließe ich, mich einfach von der Musik überwältigen zu lassen. Bei dem Stück „Incises“, Tamara Stefanovich bezeichnet es scherzhaft als „leichtes Stück“, frage ich mich, warum ihr dabei nicht die Finger verknoten, doch diese fliegen wie magisch über die Tasten.

Der krönende Abschluss wird von dem einzigen Duo des Abends gebildet. Die beiden sagen uns schon vorher lächelnd, dass sie selber noch nicht so genau wissen, wer von ihnen den Abend beendet. Denn auch dieses Stück besteht aus zwei Spuren, deren Ablauf nicht genau vorgeschrieben ist. Wie zwei Welten, die abwechselnd ihre Meinung preisgeben und ab und zu miteinander verschmelzen. Während des Stücks geben sich Stefanovich und Aimard Handzeichen. Es ist wie ein Gespräch, bei dem alle gespannt darauf warten, endlich zu erfahren, wer gewinnt. Bis zum Ende kann man es nicht erahnen, immer wieder glaube ich zu wissen, dass das Ende naht – und dann ist es doch noch nicht da. Als wir tatsächlich am Ende angelangt sind, verharren alle sekundenlang in Stille, ehrfurchtsvoll, wie um dem großen Meister den gebührenden Respekt zu erweisen.

Das Konzert von Pierre-Laurent Aimard & Tamara Stefanovich fand im Rahmen des Musikfest Berlin 2016 statt.