Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Veranstaltungen und schreiben darüber.

Daniel Kötter und Hannes Seidl © Kötter/Seidl

Eine Bühne voller skurriler Installationen, aber ohne Musiker. Eine Leinwand, die von einem bewaldeten Hügel den Blick auf Frankfurt am Main präsentiert. Die Vorstellung von „Ökonomien des Handelns 1: KREDIT“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl beginnt. Während ich wie durch ein Fenster Frankfurt erwachen sehe, füllt sich der Bühne des HAU2 peu à peu mit den „Tonträgern“ oder Ton-Tragenden. Sie knipsen ihre Lampen über den Arbeitstischen an und beginnen die Bilder zu beleben. Mit elektronischen Hilfsmitteln, aber auch, und vor allem, handgemacht: mit ihren Stimmen und vollem Körpereinsatz. Synchron zum Film werden Schritte auf der Stelle gelaufen, mit Schlüsselbunden geklappert und Gläsern angestoßen. Telefongespräche werden durch das Sprechen in Plastikbecher suggeriert. Ich weiß, dass mir gerade ein Stummfilm präsentiert wird. Aber bald vergesse ich, dass die dort auf der Bühne produzierten Töne nicht aus den Lautsprechern kommen. Die Klangwelt verschmilzt mit dem Bild. Das Bild verschmilzt mit meinen Augen. Als würde ich selbst durch den Wald gehen, die Straße entlang fahren und das Bürogebäude betreten, tauche ich in den Alltag eines Bankers ein. Mit feinfühliger Ironie vermittelt „KREDIT“ ein authentisches Bild der heutigen Finanzwelt als Spiegel unserer zukunftsorientierten Handel(n)sweisen. Was Sprecher, Geräuschmacher und Chorsänger auf der Bühne vollbringen, ist jedoch so spannend, dass es mir oft schwer fällt, meinen Blick wieder auf den Film zu lenken. Ich werde mir der Bedeutung des Tons für die Wirkung eines Films bewusst. Manchmal geschieht so viel zur gleichen Zeit, dass ich nicht alle Aspekte aufnehmen kann. Die Dialoge sind schnell und kompliziert.

Dort, wo „KREDIT“ aufhört, fängt der Film „RECHT“ an. Mit einem Flugzeug über den Wolken. Nur das Szenario auf der Bühne ist nun ein anderes. Sieben apathisch wirkende Musiker des Nadar Ensembles stehen nebeneinander und bespielen Konservendosen. Bis sich einer nach dem anderen aus der Formation löst. Die Stimmung lockert sich. Im HAU2 „schwimmt“ eine Bühneninsel aus Holzplanken. Während des diesmal mit Ton laufenden Films beginnen die Ensemblemitglieder, die Notenständer aufzubauen, ihre Instrumente auszupacken. Eine entspannte Atmosphäre breitet sich aus.

Den beiden Regisseuren geht es um die Grenzen des Rechts. Die Hauptfiguren sind Profis. Ihr Auftrag? Nun, der ist ihnen zwar bewusst, aber nicht klar. Irgendwie sollen sie das Recht (neu) definieren. Irgendwie sollen sie zu einem Ergebnis kommen. Innerhalb von 24 Stunden. Aber zunächst müssen sie sich selbst auf ihrer Insel in der Mosel orientieren. Eine Tagesplanung entwerfen. Freiräume schaffen. Die Musik genießen. Einzelne Musiker des Ensembles begleiten das Projekt von Daniel Kötter und Hannes Seidl bereits während der Drehphase – spielen auf der Wiese und am Lagerfeuer. Die Filmdarsteller applaudieren – aber diesmal für die Musiker im HAU. Diese wiederum musizieren – für ein lauschendes Publikum auf der Leinwand. Das Geschehen ist eng miteinander verknüpft, die Inszenierung gelungen. Einzelne Schlüsselelemente tauchen auf beiden Seiten auf: das Radio, Feuerrauch, das geheimnisvolle rote Buch, welches der Zuschauer schon aus dem ersten Film kennt und nicht zuletzt ein gemütliches Bier zur Musik; wie ein roter Faden, der sich auch durch „KREDIT“ gezogen hat. Detailverliebt, könnte man sagen. Oder detailgetreu. Auf jeden Fall wirkungsvoll. Und während im Film klare Grenzen gezogen werden müssen, verschwimmen sie im HAU immer mehr. Am Schluss schwimmt auch die Kamera davon. Von der Insel, an einer Mauer entlang, bis auch diese verschwindet und nur noch Wasser das Bild umgibt. Das Ensemble ist zur einträchtigen Konservendosenszene zurückgekehrt, und mit einem letzten gemeinsamen Schlag endet die Vorstellung.

Die Autorin Tabea Gesche besuchte „KREDIT“ und „RECHT“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2015.