Als selbsternannter Außenseiter trat Frank Witzel bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Buchpreises an, doch der 12. Oktober 2015 wurde für ihn zum Triumph. Sein mehr als 800 Seiten starker Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde mit dem Hauptpreis ausgezeichnet – ein vorläufiger Höhe- und Kulminationspunkt in einer Traditionslinie literarischer und filmischer Arbeiten, die von einer anhaltenden Faszination der Pop(ulär)kultur für den Terrorismus zeugen. Eine Reihe dieser Romane, Erzählungen, Dramen und Filme möchte ich vorstellen.

„Zuerst das Fitnessstudio, Sekunden später The Gap, sofort danach birst das Starbucks und dann schließlich McDonalds.“

Buchcover

Bret Easton Ellis: „Glamorama“ (1998) © Engels

Am Beginn der 1990er-Jahre hat Bret Easton Ellis mit seinem Roman „American Psycho“ eine ultimative Grabrede auf das vorhergehende Jahrzehnt, seine glänzenden Oberflächen und seinen Wall-Street-Wahn verfasst. Sieben Jahre später brachte er in „Glamorama“ Popkultur und exzessive Gewalt ein weiteres Mal, aber auf andere Weise zusammen. Hinter einer Clique bisexueller Supermodels verbirgt sich in „Glamorama“ eine skrupellose Terrorbande, die Bomben in Prada-Taschen versteckt, eine verheerende Anschlagsserie in – ausgerechnet – Paris in die Tat umsetzt und so den Terrorismus, als ungerichteten, ergo eher dem Amok verwandten Gewaltakt, als Lifestyle-Accessoire inszeniert. Der Einfluss dieses Romans auf eine ganze Reihe von Autoren insbesondere aus der deutschen Popliteratur kann kaum überschätzt werden.

Buchcover

Joachim Bessing: „Tristesse Royale“ (1999) © List

Zu den umstrittensten Veröffentlichungen in der Popliteraturdebatte um die Jahrtausendwende zählte der von Joachim Bessing herausgegebene Band „Tristesse Royale”. Das „popkulturelle Quintett“, bestehend aus den fünf Schriftstellern Christian Kracht, Joachim Bessing, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre, fand sich drei Tage lang im Berliner Hotel Adlon zusammen, um den Status quo zu diskutieren und die Ergebnisse in Form eines angeblich dokumentarischen Gesprächsbandes zu publizieren. Tatsächlich glich der Text, der 2001 dann auch als Bühneninszenierung Premiere feierte, beim nicht nur oberflächlichen Hinsehen von vornherein einem absurden Theaterstück – mit „Glamorama“ als eindeutigem literarischem Bezugspunkt: „Wer ist eher zu beneiden? Die Prada-Rucksackverschicker mit den Bomben, die wissen, daß nichts danach kommt, oder die RAF-Leute, die ein Glühen in den Augen haben, zumindest für ein paar Jahre ihres Lebens? Die eben an etwas glauben können. Das bedeutete ja auch zutiefst gläubig sein. Es funktionierte wie eine Religion.“ Am Ende zieht es die Protagonisten aus Berlin heraus und ins kamboschanische Phnom Penh, auf den Spuren des Schreckensregimes von Pol Pot. Terror und existenzielle Erschütterung als letzter verbliebener Fluchtpunkt vor der scheinbar endlosen Langeweile.

Christian Kracht (Hg.): „Mesopotamia. Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends“ (1999) © DVA

Christian Kracht (Hg.): „Mesopotamia. Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends“ (1999) © DVA

Im Interview mit einem verständnislosen „Tagesspiegel“ schildert Kracht, auch Teil der „Tristesse Royale“-Runde, im Juni 2000 seine Vision einer erschütterten Gesellschaft wie folgt: „Ich muss wohl eine Art Auslöschung gemeint haben, die Ausrufung eines Ausnahmezustandes: Zusammengekauerte Gestalten sitzen nackt am Straßenrand und ritzen sich beschämt mit Tonscherben die Arme auf, andere Menschen stolpern durch Städte auf der Suche nach Salz, das Kilo Rindfleisch kostet bei Spar in Berlin-Mitte 600 Mark.“ Überhaupt durchzieht die Faszination für Krieg, Bürgerkrieg und Krise sein gesamtes Werk – am deutlichsten wohl im Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, einer parallelhistorischen Erzählung vom immerwährenden Krieg in der Schweizer Sowjetrepublik. Dem Terrorismus nähert er sich freilich bereits 1999 in seiner in der Anthologie „Mesopotamia. Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends“ veröffentlichten Erzählung „Der Gesang des Zauberers“ an, die vor dem Hintergrund der Vorbereitungen zu den Tokioter U-Bahn-Anschlägen 1995 in eine poetisch überhöhte Hymne auf das dort verwendete Giftgas Sarin mündet:

In der friedlichen Nacht von Matsumo City
Können Menschen getötet werden, selbst mit
Unseren eigenen Händen,
Überall liegen Tote
Dort! Atme ein! Sarin, Sarin,
Bereite Sarin! Bereite Sarin!
Sprühe! Sprühe! Sarin, stolzes Sarin!

Buchcover

Leander Scholz: „Rosenfest“ (2001) © Hanser

„Manchmal tauschten wir ein wenig verstohlen unsere Peace-Sticker gegen RAF-Embleme aus“, so schilderte der 1969 geborene und in den 1980er Jahren friedensbewegte Leander Scholz einmal seine Faszination für den Mythos der Roten Armee Fraktion – eine kindliche Erfahrungswelt, und dennoch diametral zu der von Frank Witzel, der sich von den Terroristen noch um seinen Summer of Love betrogen fühlte. Im Gegensatz zum 14 Jahre älteren Witzel war Scholz noch gar nicht auf der Welt, als sich jene Urszene zutrug, mit der er sein Romandebüt „Rosenfest“ beginnt – dem Mord an Benno Ohnesorg. Im Zeichen einer merkwürdigen, sehr bewusst ahistorischen Romantisierung steht dann auch sein Roman, der bereits auf seinen ersten Seiten drei Erzählweisen, drei Formen der Welterfahrung verknüpft. Andreas Baader ist Hänsel, Gudrun Ensslin ist Gretel, und während vor der Deutschen Oper die Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des persischen Schah Mohammad Reza Pahlavi tobten, lauscht man in der Oper der „Hochzeit des Figaro“. Was folgt, ist eine durchaus prätentiöse lovers on the run-Erzählung, mehr Bonnie & Clyde als Baader & Ensslin. Eine Hinwendung zum Artifiziellen, aber gleichzeitig auch zum ganz konkret Körperlichen, denn, so heißt es einmal:

„Schießen kann wie Ficken sein.“

Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce würde diese These später ebenfalls aufgreifen und recht explizit weiterführen.

Filmplakat

„Baader“ (D 2002, Regie: Christopher Roth) © Prokino

Im Wettbewerb der ersten Kosslick-Berlinale im Februar 2002 feierte Christopher Roths Film über Andreas Baader Premiere – und war hochumstritten. Dass Roths Film sich an historische Fakten wenig bis gar nicht gebunden fühlte, das wurde spätestens im stilisierten Showdown klar, der Baader im Stile eines Westerners den Tod in Kugelhagel und Zeitlupe finden ließ. Going down in flames statt Suizid in Stammheim. Baader, das ist hier eine mit allen ästhetischen Mitteln romantisierte, aber in seiner brachialen Obszönität – „Was denn hier los, Fotzenaufstand?“ – dann doch alles andere als romantische Figur. Glamourterrorist, ja, aber keine Identifikationsfigur, sondern am Ende bloß das mickrige bisschen Projektionsfläche für revolutionäre Impulse, das die Geschichte der BRD eben zu bieten hat. An dieser mitunter diffizilen Unterscheidung scheiterte auch die zeitgenössische Rezeption weitgehend. Das Drehbuch zu „Baader“ schrieb Roth gemeinsam mit Moritz von Uslar, der zunächst im erweiterten popliterarischen Umfeld um Christian Kracht publizierte, bevor er sich mit dem Buch- und Filmprojekt „Deutschboden“ einer anderen Untersuchungsform bundesdeutscher Befindlichkeiten zuwandte.

Filmplakat © GMfilms

„The Raspberry Reich“ (D/CAN 2004, Regie: Bruce LaBruce) © GMfilms

„The revolution is my boyfriend!“ – Eine fiktive „6. Generation“ der RAF imaginiert der queere kanadische Underground-Filmemacher Bruce LaBruce in „The Raspberry Reich“, und diese Generation unter der Führung einer gewissen „Gudrun“ – history repeating? – widmet sich nunmehr vor allem den libidinösen Aspekten der kommenden Revolution. Denn, so einer der zahlreichen Agitprop-Slogans, die LaBruce in plakativ-satirischer Absicht immer wieder einblendet: „There is no revolution without sexual revolution!“ Und: „There is no sexual revolution without homosexual revolution!“ Der terroristische Akt selbst erinnert dann stark an eine schwule Camp-Variation auf die Geschichte von Patty Hearst, die sich im Anschluss an ihre Entführung durch die linksradikale Symbionese Liberation Army dieser Organisation anschloss und ein Jahr später bei einem Bankraub verhaftet wurde – ebenfalls eine Biografie, die in der Popkultur ihre Spuren hinterlassen hat, etwa durch einen Song der Berliner Band Stereo Total.

„Ein Tag mit … Frank Witzel“ findet am 24. Januar 2016 ab 16:00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele statt.