Dieser Artikel ist in der englischen Originalfassung im Magazin zum Jazzfest Berlin 2018 nachzulesen, das am 1.–4. November im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten stattfindet.

The original English-language version of this article was published in the magazine of Jazzfest Berlin 2018, which will take place at Haus der Berliner Festspiele and other venues from 1–4 November.

Jaimie Branch © Peter Gannushkin

Jaimie Branch © Peter Gannushkin

 

Auch wenn New Orleans als Geburtsort des Jazz gefeiert wird, ist Chicago der Ort, an dem diese Musik heranwuchs. Im frühen 20. Jahrhundert zogen viele Schwarze aus dem Süden auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten in den Norden und unter denjenigen, die dem Lauf des Mississippis in Richtung Chicago folgten, waren zahlreiche Musiker*innen. In den 1920ern spielten dort Legenden wie Louis Armstrong, King Oliver und Jelly Roll Morton und nahmen eine Vielzahl von Einspielungen auf. Sie begründeten eine reiche Tradition, die ein ganzes Jahrhundert überdauerte und noch immer zu spüren ist. Chicago brachte eine große Anzahl meisterhafter Jazzmusiker*innen hervor, zum Beispiel den Sänger Nat „King“ Cole oder die Tenorsaxofonisten Gene Ammons und Johnny Griffin. Der einzigartige Pianist und Bandleader Sun Ra kam 1945 nach Chicago und gründete in den 1950ern dort sein bahnbrechendes Arkestra.

Chicago hat den Ruf einer Arbeiterstadt, wo die Menschen schwer schuften und Glanz und Glitzer Seltenheitswert haben. 1965 gründete eine Gruppe ehrgeiziger  afro-amerikanischer Musiker*innen, die es satt hatten, dass ihre Branche sich hauptsächlich um den Absatz von Alkohol bemühte und allen musikalischen Experimenten mit Ablehnung begegnete, die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM). Diese Gruppe visionärer Neuerer nahm die Dinge in die eigenen Hände: Sie organisierten und bewarben ihre Konzerte selbst, beauftragten Originalkompositionen, erhoben Beiträge zur Finanzierung ihrer Aktivitäten und gründeten eine Schule für kommende Generationen. Unter den Gründern der AACM waren Anthony Braxton, Muhal Richard Abrams (beides Mitglieder des Art Ensemble of Chicago), Leroy Jenkins und Henry Threadgill. Sie alle blickten weit über die bestehenden Jazztraditionen hinaus und machten sich Ideen aus der zeitgenössischen klassischen Musik sowie zahllose internationale Stilrichtungen zu eigen, um einen neuen Sound zu schmieden, der vom improvisatorischen Ethos des Jazz geprägt, jedoch von seinen Einschränkungen weitgehend befreit sein sollte. Ihre Arbeit entsprach dem „New Thing“, das gerade in New York entstand, aber weit entfernt vom Zentrum der Branche baute die AACM etwas wirklich Einzigartiges auf – einen Sound, der in den kommenden Jahrzehnten globale Auswirkungen haben sollte.

Zu Beginn der 1970er-Jahre verließen viele der AACM-Musiker*innen Chicago auf der Suche nach besseren Auftrittsmöglichkeiten und schließlich wurde eine Niederlassung in New York gegründet. Diese Musiker*innen verrieten jedoch nie ihre Wurzeln in Chicago und kehrten regelmäßig zu Konzerten zurück in die Stadt. Der philosophische und praktische Einfluss der AACM ist seit dieser Zeit in Chicago spürbar, und dies galt ganz besonders, als in den 1990ern eine neue Generation talentierter Künstler*innen Furore machte. Die Flötistin Nicole Mitchell zog 1990 in die Stadt und sorgte für neue Vitalität in der AACM: Sie wurde schließlich als erste Frau Co-Präsidentin der Organisation. Ungefähr zur gleichen Zeit fanden der Saxophonist und Klarinettist Ken Vandermark und der Kornettist Rob Mazurek ihre ganz eigenen Stimmen. Ihre Entwicklung nahm zwar andere Wege als die von Mitchell und der AACM, ihre Bewunderung für die Ziele und Selbstbestimmung der Organisation waren jedoch in allem zu spüren, was sie taten.

Die Szene reifte und entwickelte sich, gab dabei aber ihre Verbindungen in die Vergangenheit nicht auf. Der Tenorsaxophonist Fred Anderson war mit seinem kräftigen Ton eine auf größte Unabhängigkeit bedachte Ikone und ein Gründungsmitglied der AACM, beschäftigte sich aber vor allem damit, eine Reihe von Bars zu betreiben und seine Kunst abseits des New Yorker Rampenlichts zu entwickeln. In den 1990ern wurde sein Spiel von einer jungen Generation wiederentdeckt, vor allem durch seine Auftritte mit seinem größten Protegé,  dem Schlagzeuger Hamid Drake. Aber auch das hielt ihn nicht davon ab, in seinen Bars Gäste zu bedienen und Eintrittsgelder in seiner Velvet Lounge einzunehmen, einem Mekka für freien Ausdruck,  das als Nexus für bahnbrechende Jazzveteranen wie Steve Lacey, Peter Kowald, Peter Brötzmann und Mischa Mengelberg ebenso wie für AACM-Größen wie George Lewis,  Roscoe Mitchell (Gründungsmitglied des Art Ensemble of Chicago), Fred Hopkins und Douglas Ewert diente. Kaum ein anderer verschaffte der Szene so viel Unterstützung und Bestärkung – und nicht zuletzt eine Auftrittsmöglichkeit – wie Anderson.  Die Velvet Lounge war einer unter mehreren lebhaften Spielorten, wo die junge Generation ihre Stimme erproben durfte, aber kein anderer war so entscheidend und direkt mit den Wurzeln von Chicagos Avant-Garde verbunden.

Im Laufe der 1990er-Jahre kamen und gingen die Auftrittsorte, aber es entstand eine organische Verbindung zwischen den Improvisatoren und den Vertretern der boomenden Szenen von Experimental Rock, Noise und zeitgenössischer klassischer Musik. Diese Künstler*innen begannen, zusammenzuarbeiten und Ressourcen miteinander zu teilen, genau wie junge Talente mit Szeneveteranen wie Anderson, dem Saxophonisten Ari Brown und dem Schlagzeuger Robert Barry (Alumnus des Sun Ra Arkestra) arbeiteten. Eine Reihe spannender Experimental Rock-Bands wie Tortoise (bei der zuletzt auch der Meistergitarrist Jeff Parker, ein regelmäßiger Partner Mazureks mitspielte) oder Gastr del Sol (mit dem Universaltalent Jim O’Rourke) teilten sich regelmäßig Bühnen (und Musiker*innen). Der Komponist Gene Coleman organisierte Konzerte mit Avantgarde-Komponisten aus Europa, darunter Luc Ferrari und Helmut Lachenmann, bei denen Musiker*innen des gesamten stilistischen Spektrums Chicagos mitwirkten. Die 90er waren ein aufregendes Jahrzehnt und die Zusammenarbeit von Künstler*innen verschiedenster Disziplinen war ebenso beliebt wie notwendig.

Mit der Zeit gewannen die verschiedenen Elemente des 1990er-Jahre-Undergrounds, vor allem die Jazzszene und die Improvisationsmusik, an Kraft und Autonomie und diese Entwicklung schaffte Raum für größere Kompositionsvorhaben und weltweite Kooperationen. Die Musik des Kornettisten Mazurek wuchs sich von den geschmeidigen Post-Bop-Experimenten seiner lange bewährten Gruppe Chicago Underground mit dem Schlagzeuger Chad Taylor zum orchestralen Imperativ des Exploding Star Orchestras aus, eines Ensembles, mit dem er ursprünglich Akteure des gesamten Szene-Spektrums in einer einzigen Gruppe zusammenbringen wollte. AACM-Größen wie Mitchell und Trompeter Corey Wilkes, Tortoise-Mitglieder wie Parker und Perkussionisten wie John McEntire und John Herndon stellten gemeinsam mit Nachwuchstalenten wie dem Schlagzeuger Mike Reed, dem Saxophonisten Matt Bauder und dem Vibraphonisten Jason Adasiewicz unter dem vereinigenden Taktstock von Mazurek einen triumphalen Zusammenprall grundverschiedener Stile und Ansätze dar. Später setzte Mazurek das Ensemble bei Kollaborationen mit einigen der wichtigsten Vertreter des Free Jazz ein, darunter Trompeter Bill Dixon und Blattblasinstrumentalist Roscoe Mitchell. Er lebte lange in Brasilien und ist derzeit in der florierenden Musikszene des texanischen Marfa ansässig, aber seine Verbindungen nach Chicago sind noch immer sehr eng, sowohl in Bezug auf seine Partner*innen als auch auf sein musikalisches Denken.

Ken Vandermark schärfte sein musikalisches Profil vor allem durch internationale Kooperationen; er tourte ausgiebig durch Europa und unterstützte Peter Brötzmann bei der Gründung des Chicago Tentet, einer späten Karrierewendung für den deutschen Klarinettisten und Saxophonisten. Außerdem stellte Vandermark eigene große Ensembles zusammen und festigte damit den kombinierten Sound inspirierter Musiker*innen aus Chicago  (wie etwa Posaunist Jeb Bishop, Pianist Jim Baker und Noise-Musiker*innen wie Kevin Drumm) mit ihren europäischen Gegenübern, wie dem Trompeter Axel Dörner, Schlagzeuger Paul Lytton und Blattbläser Frederik Ljungkvist.

Nachdem sie über weite Teile der 2000er-Jahre ihr großartiges Black Earth Ensemble geleitet hatte, dem unter anderem die aufstrebende Cellistin Tomeka Reid angehörte, begann Nicole Mitchell, Konzept-Suiten zu komponieren und aufzuführen, so zum Beispiel die „Xenogenesis Suite“ für die afrofuturistische Romanautorin Octavia Butler oder ein der Musikerin Alice Coltrane gewidmetes Werk. Mitchell verließ Chicago im Jahr 2011, um eine Lehrtätigkeit an der University of California-Irvine anzutreten, und hat seitdem den Kreis ihrer musikalischen Partner*innen um die Pianist*innen Craig Taborn, Myra Melford und Aruan Ortiz, die Bassist*innen Joëlle Léandre und Mark Dresser sowie die Sängerin Fay Victor erweitert. Trotzdem pflegt Mitchell enge Verbindungen nach Chicago: Sie hält sich häufig in der Stadt auf und ihre gefeierte Suite „Mandorla Awakening“ konnte nur unter Mitarbeit von Kolleg*innen aus Chicago wie Reid – die  mittlerweile in New York lebt, aber weiterhin eine große Nähe zu Chicago pflegt – der Violinistin Renee Baker, der Perkussionistin JoVia Armstrong und dem Vokalisten Avery R. Young zustandekommen.

Unter dem Einfluss von Vandermark, Mazurek und Nicole Mitchell traten inzwischen Vertreter*innen einer jüngeren Generation hervor, wie etwa die bemerkenswerte Trompeterin Jaimie Branch. Sie entwickelte ihre Musik jahrelang in ihrer Heimatstadt Chicago, bevor sie zunächst nach Baltimore und dann nach New York umsiedelte. 2017 erschien ihr gefeiertes Debütalbum „Fly or Die“, auf dem verschiedene Musiker*innen mitwirkten, die ursprünglich aus Chicago stammen, so Schlagzeuger Chad Taylor und Bassist Jason Ajemian. Als Roscoe Mitchell seine Arbeit mit dem Art Ensemble of Chicago wieder aufnahm, lud er bald die viel jüngere Tomeka Reid und ihre italienische Partnerin Silvia Bolognesi ein, sich dem Ensemble anzuschließen. Von je her war die Jazzszene Chicagos weniger ein geographisches Phänomen als vielmehr eine geistige Einstellung, basierend auf Gemeinschaft, Selbstlosigkeit und seelischer Größe und es ist diese Einstellung, die die Musiker*innen in ständig wechselnder Besetzung miteinander zusammenbringt – was beim diesjährigen Jazzfest Berlin aufs Schönste demonstriert wird.

 

Übersetzung: Elena Krüskemper

Chicago steht nicht nur für einen geografischen Herkunftsort von Musiker* innen, Chicago steht vor allem auch für ein offenes künstlerisches Gemeinschaftsklima, das auf gegenseitiger Unterstützung beruht, wichtige musikalische Entwicklungen angestoßen und hervorgebracht und diese auch an andere Orte getragen hat – wie das Jazzfest Berlin 2018.

Chicago is not just the geographic origins of a group of musicians, Chicago also stands for an open atmosphere in the artistic community, based on mutual support, which has sparked and yielded important developments in music and carried them to other locations – such as the Jazzfest Berlin 2018.