Wer Foreign Affairs 2015 in Gedanken Revue passieren lässt, wird an einer wahrhaft monumentalen Performance nicht vorbeikommen: Am ersten Festivalwochenende nahm Jan Fabres Compagnie Troubleyn das gesamte Festspielhaus in Besitz: Die Bornemann Bar wurde zur Taverne, der Getränkekeller zum Hades, der Garten zum Zeltplatz für übernächtigte Zuschauer*innen und die Bühne zum Schauplatz für 24 Stunden exzessives, grandioses Antikentheater in „Mount Olympus“. Aber nicht nur hier und im angekoppelten Symposium „Zeitverschwendung“ stand die Zeit mitsamt ihrer Dehnungs- und Repetitionsformen im Mittelpunkt. Eine ganze Reihe von Arbeiten im Festivalprogramm widmete sich unterschiedlichen Formen radikaler Zeitinszenierung und ungewöhnlichen Zeiterlebens.

Das begann am Eröffnungstag mit drei Produktionen, die sich über die gesamte Festivaldauer erstreckten und sich in der Verknappung und der Ausdehnung gleichermaßen realisierten. Tino Sehgal lud in „This Progress“ zum Spaziergang und zum Gespräch ein – beginnend im Foyer des Festspielhauses, dann auf verschlungenen Wegen um das Haus herum und zum Vordereingang wieder hinein. Das dauerte vielleicht eine Viertelstunde im Einzelnen und dehnte sich doch, vier Stunden täglich, über eineinhalb ganze Festivalwochen aus, während der wiederholte Wechsel der Performer*innen die Spanne eines Menschenlebens vom Kindes- bis zum Rentenalter vermaß. Eine Art Verfertigung der Gedanken im Gehen setzte bald ein: „Was ist Fortschritt?“, mit dieser Frage wurde ich von einem sehr jungen Mädchen im Foyer in Empfang genommen, und im Fortschreiten entwickelten sich Gedankengänge, wurden fortgesponnen – und immer wieder auch abrupt unterbrochen und an anderer Stelle neu aufgegriffen. Mehr noch als für die Arbeiten, die noch bis zum 8. August in der großen Werkschau im Martin-Gropius-Bau zu erleben sind, gilt in dieser Arbeit, die mich in immer neue Zwiegespräche und Gedankengebäude hineindrängt: Tino Sehgal fordert mich heraus, ganz buchstäblich in seine Arbeiten einzutreten, mit ihnen zu interagieren und sie somit erst, momenthaft, existieren zu lassen.

Holzinger/Riebeek: „Gonzo. The Making-of“ © Christopher Hewitt

Eine halbe Stunde täglich stellten Riebeek/Holzinger ihr work in progress „Gonzo. The Making-of“ unter dem Parkdeck hinter dem Festspielhaus vor, auch dies ein relativ kleines Stück Zeit, für sich betrachtet – und doch auch immer nur ein Einblick in einen größeren Prozess des Schaffens und Performens, der sich über alle zehn Spieltage von Foreign Affairs ausdehnte.

The 35–45 minutes of each performance makes them delicate, fragile – temporal objects which weigh little when considered alone. But spread out across nine days, in serial form, the sequence makes a different imprint.
Tim Etchells

Gäbe es aber einen festivalinternen Wettbewerb darum, den Kontrast zwischen Pointiertheit und Flächigkeit auf die vielfältigsten Ebenen zu spiegeln, hätten ihn wohl Tim Etchells und Forced Entertainment mit ihrem Zyklus „Complete Works: Table Top Shakespeare“ für sich entschieden. In 36 Uraufführungen – vier pro Spieltag – brachten sechs Performer*innen jeweils in Einzelperformances Shakespeares gesammelte dramatische Werke auf eine Tischplatte und reduzierten sie auf eine Erzählung von je knapp 40 Minuten und ein paar Regale voller Alltagsgegenstände. Man konnte die „Complete Works“ auf dreierlei Weise sehen: als Teil eines kleinen Publikums in intimem Setting in der Kassenhalle des  Festspielhauses, vor dem Laptop als Livestream und als Live-Übertragung im Rangfoyer, während ringsumher der Festivaltrubel tobte. Die meisten Stücke sah ich im Rangfoyer, auf einen Kissenstapel gebettet und mit Kopfhörern ausgerüstet auf einer Art Rampe liegend. Dass ich mich trotz der ungewöhnlichen Verknappung der eigentlich auf die ganz große Bühne hin ausgerichteten Stücke immer wieder in einen eigentümlichen Bann geschlagen wiederfand, spricht für die Arrangements von Forced Entertainment, die im paradoxen Zusammenspiel von Reduktion und epischem Atem die „Complete Works“, perfektionistisch und frei gleichermaßen, miteinander zum Tanzen oder Taumeln bringt.

Georgia Sagri: „my first science fiction book, Religion“ © Christopher Hewitt

Drei weitere Produktionen im Rahmen von Foreign Affairs 2015 führten ihre Experimente mit der Zeit über die Form der langen Dauer. So lud die griechische Performance-Künstlerin Georgia Sagri 15 Berliner Musiker*innen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ein, im Studiolo der KW Institute for Contemporary Art rituelle Musiken ihrer jeweiligen religiösen Traditionen zu spielen, während sie selbst performativ und auf ungemein körperlich-kraftvolle Weise mit religiös konnotiertem Bewegungsinventar arbeitet, dieses fragmentiert, de- und rekontextualisiert und so zur multireligiösen Polyphonie dieses ungewöhnlichen Orchesters Brücken zwischen unterschiedlichen Traditionen zu schlagen sucht. Der Tag, an dem die Performance stattfand, war freilich mit fast 40 Grad der bisher heißeste des Jahres, und so wurde „my first science fiction book, Religion“ auch für die Zuschauer*innen zur körperlichen Belastungsprobe. Es herrschte ein Kommen und Gehen, manch eine*r hielt es nur wenige Minuten in dem kleinen, nur notdürftig klimatisierten und bereits mit den 16 Beteiligten des Projektes gut gefüllten Raum aus. Wer aber, so wie ich, lange blieb, der geriet irgendwo zwischen Sturzbächen von Schweiß und kritisch anmutendem Sauerstoffmangel in eine eigentümliche Ekstase, die vielleicht einem archaischen religiösen Ritual gar nicht so unverwandt ist.

Ragnar Kjartansson & The National: „A Lot of Sorrow“ © Christopher Hewitt

Gleich zwei Arbeiten mit einer Länge von sechs beziehungsweise acht Stunden präsentierte der isländische Künstler Ragnar Kjartansson. Die Filmaufzeichnung einer Performance im New Yorker MoMA PS1 ist noch bis zum 23. August 2015 in der eindrucksvollen brutalistischen Architektur der KÖNIG GALERIE in ST. AGNES zu sehen. Die amerikanische Indie-Band The National spielte am 5. Mai 2013 sechs Stunden lang immer und immer wieder denselben Song – ihren eigenen Hit „Sorrow“. Man sieht ihnen dabei zu, ein ums andere Mal, eine Stunde nach der anderen, sieht sie desintegrieren und sich mühsam wieder zusammenraffen, hört den Song beginnen und enden und – nein, im Grunde hört man ihn nur beginnen und immer weiter fortschreiten. Die eigentümliche Sogwirkung entfaltet sich aus einem inhärenten Modus der Popmusik heraus, deren Strophe-Refrain-Strophe-Rhythmus sich als grundsätzlich ins Unendliche fortsetzbar erweist. „Sorrow“ ist ein sehr eingängiges Lied, und aus seiner beharrlichen Repetition entwickelt sich eine Art fortwährendes Fließen, das das zuvor festgelegte (knappe) Zeitmaß der (Pop-)Musik transgrediert und ihrem ephemeren Grundcharakter ein „Gewicht“ verleiht.

Ragnar Kjartansson: „The Fall“ © Christopher Hewitt

Kjartansson selbst benennt ein Grundprinzip seiner Arbeit im Bestreben, Momente, die ihm gefallen, skulptural zu machen, und in dieser Definition schreibt sich eine Tendenz zur Grenzauflösung ein, die die Grauzonen zwischen den Künsten zu einem faszinierenden Spielfeld der Gegenwart macht – die Raumkünste streben der Verzeitlichung zu und die Zeitkünste der Verräumlichung, wenn man so will. Auch Kjartanssons zweite Arbeit bei Foreign Affairs 2015 ist im Kontext dieser Dynamik zu betrachten. Als eine „kinetische Skulptur für das Theater“ bezeichnet der Künstler „The Fall“, eine Installation für die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele. Die Dauer, die Kjartansson für diese Arbeit beansprucht, ist mit acht Stunden beträchtlich, das Geschehen jedoch denkbar minimal. Schummriges Licht glimmt auf, als eine große blaue Sportmatte mit deutlich vernehmbarem „Fluff“ auf die Bühne des Festspielhauses fällt. Das Licht verlöscht. Mehrere Bühnentechniker betreten die Bühne, befestigen die Matte an den heruntergefahrenen Seilzügen, dann wird sie wieder heraufgezogen. Nur um erneut zu fallen. Drei Minuten dauert das Ganze etwa, es gibt keine Schauspieler*innen, keine Kulissen, keine Erzählung. Es gibt ausschließlich diese Matte und ihren stets wiederholten und doch immer wieder schockhaften Fall. Weiter kann man das Theatrale wohl kaum noch abstrahieren, konsequenter kann man es der Sphäre der bildenden Kunst kaum annähern.