William Kentridge: More Sweetly Play the Dance, 2015, 8-Kanal-Videoprojektion, Farbe, Ton, Megaphone, Film Still © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge: More Sweetly Play the Dance, 2015, 8-Kanal-Videoprojektion, Farbe, Ton, Megaphone, Film Still © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

Wenn ich einmal nach dem Weg fragen müsse, riet mir der Taxifahrer bei meiner Ankunft in Kapstadt, dann niemals Menschen auf der Straße, sondern in einem Geschäft. Abends, in der Stadthalle, nach der Vorstellung von „Refuse the Hour“, stand ich mit William Kentridge und seinem Bruder auf dem Balkon, von dem aus Nelson Mandela seine erste Rede gehalten hat, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Später, in einem Geschäft, fragten zwei Franzosen den Verkäufer über Trickbetrüger aus, die sich am Geldautomaten ihre Karte ausborgen wollten. Es war seltsam in einer Stadt zu sein, in der keiner dem anderen traut, und alle sagen, sie sei ein sicherer Ort. Verglichen mit Johannesburg, wo William Kentridge lebt und arbeitet, ist Kapstadt das auch. Aber „Uncertainty“, Unsicherheit, begegnet einem in Südafrika überall – sie ist keine bloß philosophische Kategorie im Schaffen und Denken des Künstlers. Es war eine kluge Geste der Kuratoren, diesen Begriff als Gegenpol zu „Enlightenment“, Aufklärung, aus Kentridges Schriften herauszulösen und ins Zentrum dieser Präsentation zu rücken. Ich hoffe, dass William Kentridge uns später ein wenig erzählt von der spielerischen Unsicherheit, die sogar im Titel dieser Ausstellung „NO IT IS !“ mitschwingt, der auf einem alltäglichen, und doch ungewöhnlichen, plastischen Sprachgebrauch dortzulande beruht.

In Kapstadt habe ich erlebt, dass William Kentridge ein Popstar ist. Wirklich jeder – auf der Straße, im Saal, im Lokal, einfach überall – kannte ihn. Das war, als wäre ich 1989 mit Heiner Müller durch Ostberlin gelaufen. Und dieses Wiedererkennen ist auch nicht schwer, denn William Kentridge sieht ja genauso aus wie der Mann auf seinen Bildern und in seinen Filmen. Weißes Hemd, schwarze Hose, Brille am Faden, gerne mit Hut. William Kentridge ist sich und uns immer mehr zur Figur geworden. Das war nicht von Anfang an so. Seine Filme, sagt er, sind „Selbstportraits in der dritten Person“, und er hofft und genießt es, dass diese Figur, die er zwischen Leinwand, Papier und Bühne wandern lässt, nicht er ist, sondern nur ein scheinbares alter ego, mit dem er spielen und die Welt anders betrachten kann.

Alles in seinem Werk ist in diesem Sinne Prozess. Das Grundprinzip seiner Arbeit ist die Session. In ihr kommt Disparates –Bilder, Fundstücke, Fantasien –wie im Reagenzglas zusammen, reagiert aufeinander und schafft etwas Neues. Was „fest“ ist –die Zeichnung, die Skulptur, die Worte –verflüssigt sich in den Filmen und Performances, und so entwickelte Kentridge sich auch selber vom Zeichner zum Regisseur und Universalkünstler.

Die sonst eher verborgenen Orte dieser Sessions wurden in dieser Ausstellung die beiden hier präsentierten „Wunderkammern“ –jene Studios inmitten der Ausstellungsräume, die uns in die Alchemistenküche des William Kentridge schauen lassen. Hier ereignen sich die magisch verrückten, zeiten- und weltenverkehrenden Animationen, die diese Ausstellung versammelt, und genauso sind auch die Performances von William Kentridge Animationen von Bildern und narrativen Partikeln, Tanz und Objektkunst. Sie bringen sich gegenseitig hervor und voran: Die Zeichnung, die Film wird, die Skulptur, die Bewegung, Gesang, Geschichte wird. Alles hängt zusammen mit allem in diesem Kentridge-Kosmos, und wir sind glücklich, dieses Werk in den nächsten Monaten in beiden Häusern der Festspiele entfalten zu dürfen.

In jeder dieser Arbeiten schaut man William Kentridge beim Denken zu. Wir sehen ihn beim Verfertigen von Verbindungen: Das fertige Buch, Bild oder Stück ist, so scheint mir, nur der Container für einen Prozess, der in immer anderen Formen aufbewahrt und in Gang gehalten wird. Wenn William Kentridge eine Oper vorbereitet oder Modelle baut, so führt diese szenische Arbeit immer auch zu einer bildnerischen und vice versa – er veröffentlicht den Prozess und zeigt Objekte, die wiederum auf den Prozess verweisen. Deshalb passt das Œuvre dieses Künstlers gut zu den Festspielen und es war die Idee von Beginn an, unsere beiden Häuser durch ihn zu bespielen.

Dass dies so gelungen ist, dafür möchte ich beiden Kuratoren danken – Professor Wulf Herzogenrath für diese Ausstellung, die ja auch ein Ort der Aufführungen, des Studios, der Begegnung wird, und Matthias von Hartz, der über Monate hinweg mit William Kentridge daran gearbeitet hat, mit ihm als Schamanen durch unser Theater zu gehen und diesem Haus so alle Geister einzutreiben, die in William Kentridges Performances und Lectures ihr wildes Treiben zeigen. So wird ein schönes Hin- und Herwandern der Erfahrungen und Formen stattfinden, der Werke und hoffentlich auch des Publikums – innerhalb dieser Räume, aber auch der Häuser. Danke William Kentridge, danke Gereon Sievernich und den Mitarbeitern des Martin-Gropius-Baus für die Realisierung dieses ungewöhnlichen Projekts, danke Susanne Rockweiler für das sehr besondere Vermittlungsprogramm, danke Caroline Hochleichter und den Mitarbeitern im Festspielhaus für das ungewöhnliche und doch so werkimmanente und fruchtbare Zusammenwachsen all dessen, was bei William Kentridge einfach zusammengehört.

Now it is!

Die Ausstellung „NO IT IS ! William Kentridge“ ist vom 12. Mai bis 21. August 2016 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Im Rahmen von Foreign Affairs 2016 sind Performances, Lectures und Installationen von William Kentridge im Haus der Berliner Festspiele und dem Martin-Gropius-Bau zu erleben.