„Atme falsch, sing es falsch!“, drängt Marino Formenti von der Kinoleinwand herab. Was die Aufforderung zu musikalischen Regelverstößen sein könnte, ist jedoch eine Hilfe für alle, die sich von den eigenen Ansprüchen nicht animieren, sondern behindern lassen. „Das war daneben, daneben ist schön“, beruhigt er sanft und bestimmt jene Menschen, die sich darauf eingelassen haben, mit ihm Lieder von Franz Schubert einzustudieren – ganz ohne klassische Gesangsausbildung, nur mit ihrer vorhandenen, entwickelbaren Musikalität, vor allem aber mit ihrem ureigenen persönlichen Hintergrund, mit all den Brüchen, Verwerfungen und auch Wunden ihres Lebens.

Diese Szene sagt viel aus über Marino Formenti und ist es wert, so ausführlich erzählt zu werden. Sie stammt aus dem bewegenden Film „Schubert und ich“ (Regie: Bruno Moll, 2014), der eines jener ungewöhnlichen Projekte dokumentiert, die der Pianist in jüngster Zeit realisiert hat. Statt nach Schönheit und Perfektion sucht Formenti lieber nach der Wahrheit – hier eben gemeinsam mit neugierigen Laiensängern. Wenn dann zwischen schräger Intonation, Textirrtümern und rhythmischen Unsicherheiten plötzlich emotionale Kostbarkeiten zutage gefördert werden, die sonst kaum wo zu finden sind, dann ist Formenti glücklich. Weil so – fast nebenbei und mit stiller Rücksicht auf Schubert selbst – viel an Seele freigelegt wird.

Musik als intime Begegnung

Bei der Arbeit die Glacéhandschuhe der Hochkultur abzustreifen und auch mal „schmutzig“ zu werden, das hat Formenti nie gestört, im Gegenteil. Jahrelang setzte der aus Italien stammende Wahlwiener als Pianist im Klangforum Wien die komplexesten Partituren um, bevor er eigene Wege einschlug, immer öfter selbst zum Taktstock griff und der Musik und ihrer Kraft in teils radikal zugespitzten Situationen nachspürte. Bei der Performance „nowhere“ etwa stand er in einem Kubus mit Klavier unter direkter und digitaler Beobachtung und spielte dabei viel Feldman – beim Steirischen Herbst 2010 eine Woche, 2012 bei den Berliner Festspielen dann gar drei Wochen lang.

Oder er saß in Rodgrigo Garcías skandalträchtigem Stück „Gólgota Picnic“ (2011) bei Haydns „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ nackt am Flügel – übrigens für ihn selbst ein kleiner letzter Schritt künstlerischer Selbstentblößung, der aber, von Protesten rechtskatholischer Kreise in Frankreich und Polen einmal abgesehen, auch verblüffende Wirkung zeigte: „Vorderhand war es einfach ein Teil der Inszenierung. Doch sobald man zu spielen beginnt, vergisst man das Nacktsein – außer es zieht so, dass du zitterst. Die Nacktheit macht dich fragiler und zugleich wieder stärker.“

Zuletzt arbeitete Formenti mit Ann Liv Young beim Projekt „2 become 1“ zusammen, einer Serie von intimen Zweierbegegnungen, bei denen sich die übliche Masse der Zuhörer auf einen einzigen unbekannten Menschen reduziert: Der Interpret und sein Publikum können unter vier Augen eins werden – und jedes Treffen ist einzigartig. „Ich finde es enorm berührend, wenn ich zum Beispiel etwas Bach für eine Frau spiele, die mir gerade von ihrem Leben erzählt hat, und dann singt sie eine Beatles-Nummer mit mir. Manche Menschen sind offener, manche verschlossener, aber alle sind auf ihre Weise dankbar. Die Verschwisterung, die Hinterfragung der Distanz fasziniert mich.“

Aber woher kommt dieser ehrliche Drang nach einem anderen Erleben von Musik und Musizieren? Und was ist an der herkömmlichen Konzertsituation so schlimm, dass sie unbedingt aufgebrochen werden müsste? Formenti schmunzelt. „Ich glaube nicht, dass diese Darbietungsform an ihrem historischen Ende angelangt ist, und spiele selbst noch gern Konzerte. Aber ich leide ein bisschen darunter, dass der Musikbetrieb in vielen seiner Bereiche so festgefahren ist. Bei mir war die Angst vor der Routine immer sehr stark. Ich hatte das Gefühl, Gefahr zu laufen, meine Lust am Musizieren zu verlieren, wenn ich nicht ein anderes, kommunikativeres Setup probiere. Mein Ziel ist nicht, die Welt zu retten – ich bin weder so naiv noch so größenwahnsinnig. Ich wollte nie etwas um jeden Preis anders machen oder die Musik sonst wo hinbringen, sondern nur meine eigene Liebe zu ihr am Leben halten.“

Im Klangforum Wien hatte Formenti überaus anspruchsvolle zeitgenössische Partituren zu bewältigen und musste dafür viele Stunden allein für die prämusikalische Arbeit aufwenden: technische Fragen beantworten, Fingersätze finden, komplexe rhythmische Strukturen entziffern – alles noch vor dem eigentlichen Üben und Musizieren. Damals keimte in ihm die Sehnsucht nach einer „Retourkutsche“ auf: „Wenn ich drei Wochen nur mit Fingersätzen verbringe, dann will ich auch drei Wochen nur mit Musik verleben können“ – der erste Gedanke in Richtung „nowhere“.

Außerdem störte ihn die „fast schon Fast-Foodmäßige Schnelligkeit, die auch im zeitgenössischen Bereich das Musikleben erfasst hat. Manchmal ist man bereits froh, wenn man das Stück bei der Uraufführung halbwegs zusammenhalten kann.“ Selbst bei Spitzenensembles sei die Situation manchmal in der vorgegebenen Probenzeit so nur dorthin zu gelangen, wo man eigentlich erst anfangen möchte. „Das ist ein generelles Problem, dem man freilich auch nicht bloß dadurch entkommt, dass man in einer Fabrik spielt statt im Konzertsaal.“

Wider die „Öligkeit“

Dennoch war für ihn die logische Konsequenz daraus, das Ensemble zu verlassen. Die erlangte Freiheit bot zwei Optionen: „Ich hätte Spezialist für zeitgenössische Musik werden können, einer jener typischen Pianisten, die von Festival zu Festival reisen und Uraufführungen von gerade gehypten Komponisten spielen.“ Das aber hätte bedeutet, vom Regen in die Traufe zu kommen – also erst recht wieder eine vorgegebene Rolle im Business zu erfüllen. Die Alternative war: sein eigener Weg.

Auf diesem ist Marino Formenti, ein lebensfroher Sinnenmensch und zugleich reflektierender Skeptiker, zu einer undogmatisch-entspannten Variante kritischer Distanz fortgeschritten. Den herkömmlichen Typus des Festivals für (ausschließlich) zeitgenössische Musik findet er obsolet: durch die stilistische Einengung, den Uraufführungszwang, die Befriedigung der Interessen von Verlagen und Subventionsgebern. „Für mich ist alles auf YouTube zeitgenössisch, auch Gregorianik – weil wir es heute hören. Da bin ich ganz bei Bernd Alois Zimmermanns ‚Kugelgestalt der Zeit‘.“

Auch die äußere Form des Neue-Musik-Betriebs erscheint ihm erstarrt: „Aus der Vogelperspektive ähnelt das stark dem Klassik-Betrieb: in den Ritualen, im Instrumentarium, im Aufbau, letztlich auch in der Art des bürgerlichen Publikums.“ Dabei sei der Hörer von heute oft viel eklektischer als die Veranstalter und Intendanten. „Und diese sind daheim sicher auch viel eklektischer, als sie glauben, arbeiten zu müssen.“ Das sagt einer, der gern einmal Musik von Helmut Lachenmann und Udo Jürgens („oder wenigstens von Nirvana“) miteinander konfrontieren würde – und der zugleich dafür sorgt, dass sein Eklektizismus nicht mit Anything goes verwechselt wird.

„Ich bin ein Feind von Crossover und habe meine Projekte, die man in dieser Richtung hätte missverstehen können, immer ‚Crossunder‘ genannt.“

Im Prätentiösen erblickt Formenti eine große Gefahr für seine Zunft. „Wenn wir davon ausgehen, etwas Hohes, Wichtiges zu tun, sind wir fast schon am Scheitern. Widme ich einen Raum nur der heiligen Musik – also sagen wir: Bach, Brian Eno und John Cage –, dann laufe ich Gefahr, in einer salbungsvollen Priesterhaftigkeit zu landen, in einer ‚Öligkeit‘ (Alma Mahler hat Bruno Walter den „Öligen“ genannt), in einer aufgesetzten Seriosität, die mit echtem Ernst nichts zu tun hat.“ Aber: „Mozart und Shakespeare haben geblödelt, gewitzelt, waren doof, dumm – und zugleich ungemein clever und tiefsinnig. So wie die Welt. So wie Menschen einfach sind.“

Die klassische Konzertsituation empfindet Formenti vor diesem Hintergrund oft künstlich – aber er kann sich in ihr als Künstler genauso zurecht finden, weiß ihre Vorzüge zu nützen und verdankt ihr auch als Zuhörer tiefe Eindrücke. Etwa von Sviatoslav Richter, einem der pianistischen „Götter“ eines Pianisten, der selbst eigentlich keine Götter hat. Und von seinem Lehrer Oleg Maisenberg. Oder von Alfred Brendel. „Auch sie hatten bessere und schlechtere Tage. Aber wenn man die Götter als die Menschen sieht, die sie eigentlich sind, werden sie umso großartiger. Das gilt selbstverständlich auch für Komponisten.“

„time to gather“

Das Unprätentiöse, gewissermaßen eine neue Demut des Musizierens will Marino Formenti nun auch bei der Eröffnung der MaerzMusik 2016 in einem den herkömmlichen Rahmen sprengenden Format neu entdecken – für sich und seine Zuhörer, die freilich zu Mitwirkenden werden können. „time to gather“ ist der schlichte Titel eines Settings, bei dem die unsichtbare Wand zwischen Publikum und Interpret eingerissen, die Kommunikation angeregt werden soll – ohne strikt vorgegebenes Programm, ohne zeitlichen Rahmen, ohne den Zwang zum Stillsitzen und Schweigen.

Jeder im Publikum kann wählen, ob und wie er damit umgeht, welche Rolle(n) er einnehmen will, wie er ins Geschehen eingreift. „Den Pianisten herumkommandieren ist erlaubt“, stellt Formenti mit jenem Augenzwinkern klar, das dennoch die Ernsthaftigkeit seiner Anliegen untermauert. „Vermutlich wird es Stücke zu hören geben, die sagen: Hör mir zu – und andere, zum Beispiel von Feldman oder Cage, die jedem erlauben, sich zu langweilen, einzuschlafen oder was auch immer.“ Zentral ist eines: „Wir wissen nicht, was passieren wird.“

Wer in Formenti deshalb einen Adrenalinjunkie erblickt, der nach dem nächsten, noch größeren Kick sucht, der irrt: Ganz im Gegenteil hatte er schon als junger Künstler erhebliche Probleme mit Lampenfieber, fühlte schon lange vor einem Auftritt das Herz bis zum Hals schlagen und lernte erst mit wachsender Erfahrung, besser mit dem Phänomen umzugehen. Zu überwinden ist es nicht. „Ängste habe ich immer gehabt. Das Spielen war nie eine g’mahte Wiesen“, gesteht er in einer im Klang italienisch gefärbten Wiener Phrase. „Aber irgendwann beginnt man zu begreifen, dass gerade solche Fragilitäten die eigenen Stärken ausmachen – als Kehrseite der Medaille. Dass man Oktaven nicht so treffsicher donnern kann wie Lang Lang, dafür aber vielleicht anderswo eine Sensibilität besitzt, die er nicht hat. Will ich mit ihm tauschen? Nein. I am what I am.“

Der Artikel wurde erstmals veröffentlicht in der Beilage zur „taz. Die Tageszeitung“ am 27. Februar 2016.

MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 findet vom 11. bis 20. März 2016 statt.

Marino Formenti eröffnet das Festival am 11. März 2016 ab 20:00 Uhr mit dem Klavierabend „time to gather“ im Haus der Berliner Festspiele.