Mazen Kerbaj © Stewart Mostofsky

„It’s awful to live in“: Zwei Zellen sind auf der Zeichnung zu sehen: „Pre-War“ und „Post-War“. In der einen steht ein großer, dünner Mann und weint. Es könnte der Zeichner selbst sein, Mazen Kerbaj. Der echte Kerbaj sieht auf den ersten Blick nicht traurig aus, nur dünn. Im Juli 2015 kam der 40-jährige Comiczeichner, Autor und Musiker aus Beirut auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD für ein Jahr nach Berlin – und fühlt sich hier nicht fremd. „Beirut war geteilt, so wie Berlin, und genauso heruntergekommen vom Krieg. Und wie Berlin ist auch Beirut mittlerweile neu aufgebaut und ganz anders geworden. Es gibt zwischen den beiden Städten eine Verbindung.“ Kerbaj genießt Berlin, trifft Musiker, liest, zeichnet. Es ist sein erster Auslandsaufenthalt: „Mit 20 wollte ich nach Frankreich gehen, um Comiczeichnen zu studieren, daraus wurde nichts. Jetzt fühle ich mich wie ein junger Student.“

Die Kunst war und ist für Mazen Kerbaj ein Lebenselixir, sie hält ihn am Leben. 1975 in Beirut geboren und aufgewachsen, erlebte er den Bürgerkrieg im Libanon, als Erwachsener den Krieg mit Israel im Jahr 2006. Dennoch: „Beirut hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin: Im Libanon leben wir in der Ungewissheit. Wir planen nicht, leben von einem Tag zum anderen. Ich bin nicht optimistisch.” Er stellt nur fest, bewertet selten. „In Beirut wird man mit der Zeit belastbarer. Wenn etwas passiert, wird es verdrängt.“ Die Politik trägt zum Vergessen bei. „Nach 15 Jahren Bürgerkrieg gab es keine gesellschaftliche Aufarbeitung. Sie sagten, der Krieg sei vorbei. Dann kamen dieselben Kriminellen wieder.“ Einen Halt in dieser unsicheren Situation gibt Kerbaj seit seiner Kindheit das Lesen. „Es ist eine einsame Sache, man kann es nicht teilen.“ Er liest viele Comics, auch Graphic Novels, die er aber nicht so nennen will. Und er zeichnet, was ihn täglich bewegt. Den Libanonkrieg 2006 hat er bereits als Comic verarbeitet.

Für MaerzMusik stellt er sich diesem Thema nun in einem gänzlich anderen Medium – in einer in situ Klanginstallation. Als Jugendlicher begann Mazen Kerbaj, Trompete zu spielen. Mit dem Lehrer verstand er sich nicht, die arabische Musikkultur interessierte ihn nur mäßig. Er hörte vor allem Jazz: „Eine Musik ohne Wörter kommt auch ohne die Herrschaft der Wörter aus.” Mit seinem Freund, dem Gitarristen Sharif Sehnaoui, improvisiert er frei. „Als wir begannen, sagten manche, das sei Mist. Andere meinten, dass wir eine neue Musik erfunden hätten. Wir waren erstaunt, der Free Jazz ist schließlich schon über 60 Jahre alt.“ Und er lacht: „Mit meinen vierzig Jahren gelte ich heute als Großvater der neuen Musik im Libanon.“ Während der 33 Tage des Libanonkriegs 2006 machte Mazen Kerbaj immer wieder Tonaufnahmen in seiner Wohnung, in Summe sind es zwölf Stunden Material. „Manchmal gab es Duette zwischen meiner Trompete und israelischen Flugzeugen, die ihre Bomben über Beirut abwarfen. Ich habe mir die Aufnahmen danach nie mehr angehört. Aber nun ist es zehn Jahre her, das nehme ich als Anlass.“ Seine Gefühle zu diesem Tonmaterial sind gespalten. „Einerseits ist es vorbei, andererseits fühlt es sich an wie gestern. Ich weiß genau, wann und wo ich was aufgenommen habe.“ Während des Kriegs arbeitete er viel. Die Depression kam danach. „Heute erinnere ich mich, dass diese Zeit die Hölle war.“

Der Artikel wurde erstmals veröffentlicht in der Beilage zur „taz. Die Tageszeitung“ am 27. Februar 2016.

MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 findet vom 11. bis 20. März 2016 statt.

Mazen Kerbajs Klanginstallation „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war.“ ist vom 13. bis 16. März 2016 in der Bundesallee 53 zu erleben.