Für seine Komposition „MICHAELs REISE UM DIE ERDE“, am 18. und 19. September 2015 im Rahmen des Musikfest Berlin vom Ensemble Musikfabrik und seinem Solotrompeter Marco Blaauw im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt, machte sich Karlheinz Stockhausen gewissermaßen den Raum als ein weiteres Instrument zunutze. Ich hatte die Chance, der Generalprobe beizuwohnen und dem sympathischen und offenen Klangregisseur Paul Jeukendrup ein paar Fragen zu stellen.

Wo wurde das Stück uraufgeführt? Ist die Technik die gleiche wie damals?

Die Uraufführung war damals in Mailand, 1972. Die Technik heute ist nicht die gleiche, aber wir versuchen es ziemlich ähnlich zu machen. Natürlich ist es nicht mehr das alte Mischpult. Wir arbeiten ja jetzt mit digitalen Mischpulten, und früher waren das ja eher analoge. Da kann man dann sagen, dass das vielleicht nicht genau wie in der Uraufführung ist, aber die Funktionen von den Mischpulten sind im Prinzip die gleichen. Wir benutzen diese neue Technik, um die technischen Sachen einfacher zu machen, sodass man sich dann mehr um die Musik kümmern kann.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Stockhausen?

Ich habe ihn 1995 kennengelernt. Damals habe ich bei der Uraufführung seines Helikopterstreichquartetts die Technik gemacht. Ein ganz spannendes, tolles Projekt. Dort habe ich die Ehre gehabt, mit ihm selbst zu arbeiten.

Das ist doch das Stück, das alle Streicher hassen, weil die Musiker in den Helikoptern sitzen und ihnen dann immer schlecht wird.

Jaja, das sind dann tatsächlich immer vier Helikopter. Also wir hatten damals fünf. Die fliegen dann einfach weg vom Konzertsaal. Das Publikum sitzt dann weiter unten und sieht und hört alles über Videodisplays und Lautsprecher.

Wie war das denn, mit Stockhausen zusammenzuarbeiten? Hatte er immer eine genaue Vorstellung von dem Ganzen?

Ja, das war unglaublich. Er hatte immer eine extrem genaue Vorstellung. Er hat immer, bevor das Stück geschrieben war, genau gewusst, wie das klingen soll, und manchmal war das dann bei den Proben schwierig, wenn die Leute dann nicht perfekt nach seinen Vorstellungen spielten. Die Proben waren aber immer sehr konzentriert, und er schreibt auch immer in die Partituren, wie viel man proben soll und das ist „nicht für nichts“. Am Anfang des Stücks braucht man ja immer erstmal ein paar Proben, um das Stück richtig kennenzulernen. Er fordert aber außergewöhnlich viel Zeit zum Proben, damit das Stück bei der ersten Aufführung auch richtig gespielt wird. Und er hat alles gehört, jeden Viertelton. Das ist echt unglaublich.

Das ist dann wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass wir aus einer Oper nur einen Akt hören, weil man doch sonst gar nicht mit dem Proben fertig werden würde.

Naja, man kann die Stücke alle einzeln aufführen. Man braucht nicht den ganzen Opernzyklus „LICHT“ aufzuführen oder den ganzen einzelnen „Tag“ daraus aufzuführen. 2011 haben wir in Köln einen ganzen Tag als komplette Oper aufgeführt, aber dann kauft man sich ein Ticket und hat 9 Stunden Musik. Es fängt morgens an, hat natürlich auch ein paar Pausen, aber es sind halt trotzdem 9 Stunden Musik.

Welche Rolle spielt denn die Elektronik in diesem Stück?

Also, das Orchester ist natürlich auf der Bühne. Aber das, was Stockhausen wollte, ist, dass das Publikum die Komposition nicht nur von einer Seite hört, sondern von allen Seiten. Dafür hat er vorgeschrieben, dass es sechs Lautsprechergruppen geben soll, welche sich auf verschiedenen Positionen um das Publikum herum aufgestellt befinden. Dann hat er ganz detailliert vorgeschrieben, wo jedes einzelne Instrument sitzt. Die Instrumente sind ganz genau räumlich verteilt, das erinnert vielleicht ein wenig an das Surround Sound System. Das ist bei Filmen ja ziemlich interessant, wenn man dann die Dialoge von vorne hört und andere Sachen von hinten, aber man muss bedenken, dass das Stück geschrieben wurde, bevor man überhaupt etwas von Surround Sound gehört hat. Und die Raumverteilung macht musikalisch richtig Sinn. Das ist das Spannende an dem Stück. Er nennt das „Raumpolyphonie“. Die Räumlichkeit ist eine eigene Stimme in dem Stück.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, also die Harfe zum Beispiel sehe ich als Zuschauer dort vorne. Aber sie klingt nicht von der Bühne, sondern von irgendwo her (zeigt auf einen der Lautsprecher). Und diese Stimme kommt von hier und diese kommt von da. Und das macht daraus eine total interessante Komposition. Stockhausen hat immer gewollt, dass die Räumlichkeit mit integriert ist.

Als ich gehört habe, dass es sich hierbei um ein elektronisches Stück handelt, habe ich eher etwas anderes erwartet, aber jetzt macht das Sinn.

Stockhausen hat eigentlich immer sehr viel Elektronik benutzt. Hier sind jetzt halt keine synthetischen Sounds mit dabei. Hier geht’s wirklich nur um die Projektion im Raum, aber er hat viele andere Stücke geschrieben, wo er im Studio mit Synthesizern und anderen elektronischen Geräten Musik produziert hat. Da gibt es zum Beispiel das Stück „Gesang der Jünglinge“, ein sehr berühmtes Stück von ihm. Aber das Stück kann man nicht live abspielen. Er hat dieses Stück auf ein Band aufgenommen. Ein vierspuriges Band, welches dann im Raum auf vier Lautsprecher verteilt ist. Man kann das Band für ein Publikum abspielen, aber es kann nicht live durch Instrumente reproduziert werden. Das wäre zu kompliziert.

„MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ von Karlheinz Stockhausen war in der Aufführung von Ensemble Musikfabrik mit Marco Blaauw am 18. und 19. September 2015 im Rahmen des Musikfest Berlin im Haus der Berliner Festspiele zu erleben.