Jeder, der schon einmal von einer Hausratsversicherung Gebrauch machen musste, wird mit dem versicherungstechnischen Terminus des „Zeitwerts“ vertraut sein. Im Gegensatz zum
„Wiederbeschaffungswert“ taxiert er den Wert des Gegenstands zum Zeitpunkt des Verlusts. Hat der Zimmerbrand also beispielsweise den einwandfreien, jedoch längst veralteten Fernseher erwischt, dürfte die erstattete Summe gering ausfallen und kaum für eine Neuanschaffung ausreichen. Mit der Kunst, insbesondere mit öffentlicher Kunst, verhält es sich oft genau andersherum: Die Werke und Bilder, die Künstler in den Alltag unserer Städte einfügen, gewinnen ihren Wert erst mit der Zeit. Das Umfeld, persönliche Erfahrungen und historische Ereignisse schreiben sich in die Arbeiten ein, lassen sie zu den individuellen Erinnerungsorten werden, die auch eine Stadt ausmachen.

Interessante Kunst bietet vielfältige Möglichkeiten einer Interpretation und persönlichen Bindung. Deshalb funktioniert sie auch so gut als Informationsträger für den Einzelnen oder als Vehikel für groß angelegte Marketingkampagnen, ganz gleich, ob diese nun einen Turnschuh, eine Punkband oder eine ganze Stadt bewerben. Ein Wandgemälde wie das von Blu in der Cuvrystraße fängt im besten Fall den Zeitgeist ein, reift als Zeuge von Ereignissen und auch durch seine unfreiwillige Verwertung. Man könnte sogar annehmen, dass die Kunst – im Zeitalter ihrer immateriellen visuellen Verwertbarkeit – mit dem Zeitwert sogar eine Art Gebrauchswert entwickelt und so etwas wie einen „aesthetic exchange value“.

Die Cuvry-Wandgemälde vor der Übermalung © CC BY-SA 3.0, Foto: Frank M. Rafik

Der Zeitwert der Blu-Gemälde zum Zeitpunkt ihres Verlusts war hoch. Nachdem wir sie 2007 und 2008 unbefangen auf die beiden Brandwände in der Cuvrystraße gepinselt hatten, verselbstständigten sich die Motive ganz unabhängig von der Absicht ihres Schöpfers. Sie wurden zum Sinnbild einer Berliner Ära: Der Künstler als Freiraumpionier, Berlin unter dem Mantra des „arm, aber sexy“, die hitzige Debatte um ein „Recht auf Stadt“, die beinahe ideologisch geführte Diskussion um die Bebauung der Spreeufer, die Entstehung der informellen Siedlung auf der Cuvrybrache, das Verschwinden der Freiräume und das Selbstverdrängen der Künstler, deren Werke die Werbebroschüren der Immobilienunternehmen schmücken – alles ist enthalten.

Die beiden Bilder werden zum Archiv. Die Ereignisse und Vorstellungen eines ganzen Jahrzehnts haben sich in dieser Zeitkapsel gespeichert. Exemplarisch fungieren sie als Momentaufnahme, ja Chiffre einer Epoche.

Die Cuvry-Brache nach der Übermalung der Wandgemälde © CC BY-SA 3.0, Foto: Lienhard Schulz

Auch die Schwärzung ist nun Teil dieser Chiffre. Bereits bei der Entstehung beider Wandgemälde gab es die Absicht, sie wieder zu übermalen oder zu verändern. Die Entscheidung darüber fiel mit Rücksicht auf den Zeitpunkt – gemeinsam mit dem Künstler Blu, aber vor allem mit einer ganzen Gruppe von Akteuren, denen die Übermalung, nach reiflicher Überlegung, ein Anliegen war und als ein Gewinn erschien: fruchtbar als Werkzeug, um die Ereignisse und Prozesse zu veranschaulichen und mit einer breiten Öffentlichkeit zu diskutieren.

Das gemeinsame Nachdenken über diese Zeit und die Fragen, die sie aufwirft, das ist der Kern des Projekts „Precious Time“, das im Rahmen von „Thinking Together“ bei der MaerzMusik stattfindet: Für welche persönlichen und öffentliche Ereignisse standen die Wandgemälde? War das Malen der Bilder ein Fehler? War das Übermalen legitim? Existieren die Motive weiter in der Erinnerung und als Phantomschmerz? Kann der Künstler Kontrolle über sein Werk behalten? Gibt es eine Strategie des künstlerischen Auto-Ikonoklasmus? Welchen Gebrauchswert haben die schwarzen Wände? Können sie helfen, Geschichten zu erzählen oder eine Debatte zu führen?

Aufruf

Die Auseinandersetzung mit den Cuvry-Wandgemälden im Rahmen von MaerzMusik soll die Grundlage für eine Publikation sein. Wir bitten um Zusendung von Geschichten und Fundstücken im Zusammenhang mit den Wandmotiven, von Bildmaterial oder Fragestellungen an: cuvry@artitu.de

Der Text ist zuerst in der MaerzMusik-Festivalbeilage zur taz am 14. März 2015 erschienen. Die komplette Beilage finden Sie auch hier. Vom 23. bis zum 28. März 2015 findet im Rahmen von „Thinking Together“ der Workshop „Kill Your Darlings – Art in the Undead City“ von und mit Lutz Henke statt. Mehr dazu im Gesamtprogramm von „Thinking Together“.