Am 20. September 2019 wurde das 6. Tanztreffen der Jugend eröffnet, für den gleichen Tag hatte die Bewegung Fridays for Future zum Klimastreik aufgerufen. In seinem Beitrag, der bei der Eröffnungsfeier live verlesen wurde, spricht Juror Rudi Nuss über den Zusammenhang von De-Kolonisation und Klimagerechtigkeit, den Rückzug des Individuums in sich selbst hinein und die Notwendigkeit einer Bewegung nach außen.

 

Rudi Nuss

Rudi Nuss © Dave Großmann

 

1 (Die Cecils)

Mit nur 18 Jahren begann Cecil Rhodes 1870 in Südafrika mit dem Diamantenhandel. Das war die Apokalypse. Nicht für Cecil natürlich, aber für die indigene Bevölkerung von Kimberley, Witwatersrand oder Cape Town. Cecil fand den britischen Imperialismus nämlich enorm geil, jeder wolle doch ein britischer Mann sein, seiner Auffassung nach und so beutete er die Mineralvorkommen Südafrikas auf brutalste aus, denn je mehr den Briten von der Welt gehöre, desto besser gehe es der Welt. Den Anderen sei nicht zu trauen.

Wenn wir heute von der Apokalypse sprechen, dann oft so als würde sie erst noch kommen. Wenn der Point of No Return überschritten ist. Wenn alle Systeme gekippt sind. Aber die Apokalypse ist eine Frage der Perspektive und für indigene Gruppen war und ist sie schon längst Realität, Menschen, deren gesamte Existenz negiert, aus der Geschichte gestoßen oder gänzlich ausgelöscht wurde und wird. Lower Brule Sioux Autor Nick Estes schreibt: Indigene Menschen sind post-apokalyptisch. Und: Klimagerechtigkeit kann nur mit De-Kolonisation gedacht werden.

Back to the Cecil: Der war auch als Politiker tätig und Wegbereiter der Apartheid in Südafrika, und wenn das nicht genug an Hässlichkeit in einer Person gebündelt ist: Wir können in ihm auch die Vorform des Neoliberalismus, der Privatisierungspolitik und des wahnhaften Kapitalismus sehen, der die Ökosysteme dieses Planeten auffrisst, bis nichts mehr übrigbleibt als eine viskose, komische Pampe, in der nur noch extrem eklige Würmer, Bärtierchen und Spinnen überleben werden. Und irgendwo dazwischen werden die letzten Menschen sitzen in ihren viskosen Tempeln in völliger Dunkelheit, komplett ummantelt von Schaben, an einem hundert Jahre alten, sehr harten Milky Way leckend.

Und trotz all dem sagte der Cecil am Tage seines Todes: So little done, so much to do.

 

Vorbereitungen für den Klimastreiktag bei den Bundeswettbewerben

© Dave Großmann

 

2 (Die Elons)

Noch nie in der Geschichte waren wir so sehr global einander ausgesetzt, schreibt Achille Mbembe. Aber gegen diese Bewegung nach Außen tritt immer mehr eine Bewegung ins Innere ein – ins Innere der Nation, ins Private, in die neue Finsternis – und mit ihr die Eingrenzung der Bewegungsfreiheit.

Eingeschlossen und perfekt konserviert von Mauern – von Stacheldrahtzaun, Frontex und rassistischer Friss-oder-stirb-Politiken. Raum wird fragmentiert, um zu kontrollieren, wer wer ist, wer wo sein sollte und wer wo nicht sein sollte, schreibt Mbembe – alles im Namen der Sicherheit.

Die Öffentlichkeit wird rauer. Und eine Öffentlichkeit ist nicht einfach so da, sie wird immer gemacht. Die Rauheit ist Produkt der Bewegung ins Innere der Nation und der neoliberalen Bewegung des Individuums in sich selbst hinein – dort wo die Konkurrenz erblüht und Solidarität stirbt.

Desto wichtiger ist die Bewegung ins Außen. Die Bewegung zueinander. Die Bewegung des Körpers auf die Straßen, die physikalische Anwesenheit als »verkörperte Form des Infragestellens der (…) mächtigen Dimension herrschender Vorstellungen des Politischen« , wie JB aka Judith Butler in einem unglaublich umständlichen Satz schreibt.

Man könnte es auch so formulieren: Macht Bünde. Macht Konspirationen. Macht Kollektive. Macht Gangs. So little done, so much to un-do.

Denn: Da wo schon längst ein globaler Plan, eine globale Klima Governance sein sollte im Herzen alle Ökosystem – der Politik – ist nur ein Schwarzes Loch, wie Daniel Falb schreibt. Im Angesicht des Horrors des Anthropozäns können wir nicht auf die Ultra Techno Daddies vertrauen, auf Elon Musk und seine Scheißpläne vom Mars und Computerchips in Hirnen und dass man jetzt Fallout auf einem gottverdammten Tesla zocken kann. Das ist die größte Lüge der Tage: Dass die Techo Daddies uns Erlösung bringen werden. Aber es wird keine Erlösung geben, denn die Apokalypse hat schon längst stattgefunden: Tausende Male. Millionen Male. Bei Standing Rock, im Amazonas, in Südafrika. Das ist die Realität.

Apokalypse heißt wortwörtlich Entschleierung – oder auch Offenbarung. Es ist die Offenbarung der Hässlichkeit der Zustände, der Waldbrände, der Cecils und Elons und der superheißen, superdichten Gegenwart des Todes; die Offenbarung, dass wir in einer Zeit der Diskontinuitäten leben, dass die Zufluchtsorte auf dieser Welt für alle Wesen schwinden können. Die Offenbarung ist aber etwas Gutes: Es ist die Wahrheit, die sich mit Gewalt entblößt. Und was sich entblößt, ist sichtbar. Die Apokalypse ist in diesem Sinne: Licht. Wir wissen zum ersten Mal in der Geschichte, was zu tun ist. So etwas wie Erlösung gibt es nicht – nur die Möglichkeit einer besseren Welt.

Noch nie waren wir einander so ausgesetzt – noch nie war die Welt uns so ausgesetzt – und noch nie waren wir so in der Welt ausgesetzt.

Die Bewegung ins Innere ist eine Bewegung des Misstrauens – Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser – und die Bewegung ins Außen eine Übung in Vertrauen. Eine Übung in Empathie. Die Hinwendung zur Realität.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Bundeswettbewerbe.