199,5 Stunden werden die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop live gespielt haben, wenn die letzte Vorstellung des „Orfeo“ im Berliner Martin-Gropius-Bau im Kontext des Musikfest Berlin im September vorbei ist. Jede Minute davon wird sich von allen anderen unterscheiden, denn die Zusammenstellung der Partituren wird ein Computer-Algorithmus vornehmen. Jeder Ton stammt aus der Feder von Claudio Monteverdi. Doch Kaleidoskop und das Team um die Regisseurin Susanne Kennedy werden die Reise des Sängers in die Unterwelt, zu seiner durch ein Unglück gestorbenen Eurydike, erfahrbar machen wie nie zuvor erlebt. In diesem Logbuch lesen Sie in den kommenden Monaten, wie die Orfeo-Maschine bis zur Premiere auf der Ruhrtriennale am 20. August 2015 erschaffen, gefüttert und perfektioniert wird.

„Midi is one of the worst musicians, because it doesn’t know where the ONE is.“

So fasst der Ingenieur der Orfeo-Maschine Harpo t’Hart das Hauptproblem bei der Entwicklung des Algorithmus zusammen. Der Niederländer sitzt nicht physisch mit am Küchentisch im Büro des Solistenensembles Kaleidoskop, sondern diskutiert per Skype mit den beiden Initiatoren der Orfeo-Maschine, Michael Rauter und Tilman Kanitz. Das „Musical Instrument Digital Interface“, kurz Midi, die digitale Schnittstelle für Musikinstrumente, errechnet Tonhöhen und Tonlängen, aber es versteht weder Zählzeiten noch musikalische Phrasen. Die knapp zwei Stunden dauernde Oper mathematisch zu zerteilen, ist mit einem Knopfdruck möglich. Sie aber musikalisch neu zusammen zu fügen – das ist ein ästhetisches Wagnis. Ein Algorithmus soll dies tun, stufenlos und zufällig. Harpo t’Hart ist in Amsterdam dabei, den Algorithmus zu programmieren.

Michael Rauter, Harpo t’Hart, Tilman Kanitz © Julia Kaiser

Michael Rauter, Harpo t’Hart, Tilman Kanitz © Julia Kaiser

Willkürlich geht das Zerschnippeln der Partitur nicht vonstatten, sondern wird von einem Computer berechnet. Zerteilt wird nicht im musikalischen Zeitmaß, nach Takten und Phrasen, sondern ganz mechanisch nach Sekunden, und zwar der Fibonacci-Reihe folgend: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, usw. Jede natürliche Zahl wird mit der vorherigen in der Fibonacci-Reihe addiert. „Ziel ist, den kleinstmöglichen musikalischen Abschnitt zu finden, der sofort als Monteverdi erkennbar ist, und dann abzubrechen. Wie kurz diese kleinste Einheit sein kann, müssen wir herausfinden. Wir haben zunächst einmal angenommen, fünf Sekunden“, sagt Tilman Kanitz. Die Fibonacci-Reihe bildet unter anderem zufällige Verteilungen in der Natur ab. Etwa die Anordnung von Blättern an einem Baum und deren Überlappung mit dem nächstoberen oder weiter unten wachsenden, so dass jedes Blatt das Optimum an Sonnenlicht erreicht. Michael Rauter weist auch auf die vielfache Verwendung dieser Reihe in der Architektur hin. Die Orfeo-Maschine komme dem nahe: „Wir benutzen ausschließlich musikalisches Material, das schon besteht – und genauso verwenden wir ein Proportionsverhältnis, das bereits existiert.“

Ausgehend von der Original-Partitur des „Orfeo“ werden weitere Partitur-Varianten erstellt, die chronometrisch exakt – der Fibonacci-Reihe folgend – geteilt werden. Die erste Partitur in 5-Sekunden-Module, die nächste in Abschnitte zu 8 Sekunden und so weiter. Der Schnitt erfolgt ganz unmusikalisch, auch mitten in einer Note oder Pause – dadurch entstehen auch kurze Notenschnipsel oder Anschlüsse an das nächste Modul, die für einen Musiker nicht spielbar sind. Für diese Fälle muss der Algorithmus mit ausnehmenden Regeln programmiert werden. Die längsten Module werden zehn Minuten und zehn Sekunden lang sein. „So entsteht eine Matrix“, erklärt Tilman Kanitz, „ein Modulbaukasten, aus dem Teile dem jeweils zugrunde gelegten Zufallsprinzip entsprechend aneinander gesetzt werden.“ Dieses bewusst unübersichtliche Universum von Notentext-Abschnitten wird aus 15 Partituren bestehen. „Wir haben diese vielen Schichten von ,Orfeoʼ-Partituren, die in unterschiedlich lange Stücke geschnitten sind. Dann beginnt man, diese Stücke zu gewichten, vielleicht Teile im Ablauf weiter nach hinten zu schieben, damit man eine Ordnung herstellt, die man beim Hören eben nicht mehr als zufällig empfindet und erhält so diesen unendlichen Raum, die Orfeo-Matrix.“

Der niederländische Komponist und Software-Entwickler Harpo t’Hart schreibt den Algorithmus, der die Partituren nicht nur in kleine Teile rechnet, sondern sich anschließend stufenlos durch die Matrix bewegt und einzelne Teile neu zusammensetzt. Beginnend zum Beispiel in Partitur 2 mit Modul 4, ohne zeitliche Verzögerung weitergehend bei Modul 7 in Partitur 5 usw. So entsteht eine neue Partitur, aus der das Solistenensemble Kaleidoskop dann live spielt. 9,5 Stunden lang jeden Tag.

Tilman Kanitz und Michael Rauter © Julia Kaiser

Tilman Kanitz und Michael Rauter © Julia Kaiser

Momentan allerdings bringt t‘Hart dem Algorithmus erst einmal bei, den Begriff „Spielgeschwindigkeit“ zu verstehen. Manche Sätze haben andere Tempi als die übrigen. „Im Prinzip ist es kein Problem, Tempi im Midi-File unterzubringen. Ich muss nur eine Software schreiben, die Uhrzeit in Midi-Zeit umwandelt. Aber es ist komplizierter, wenn das Tempo innerhalb eines Moduls wechselt“, sagt Harpo t’Harts Stimme aus dem Computerlautsprecher. „Ahaaa!“ antworten Rauter und Kanitz und blicken sich fragend an. „Das ist jetzt alles Software-Ingenieursdenken, ich regle das in den nächsten Tagen.“ In der Zwischenzeit werden die Musiker ihre Wunschtempi für die einzelnen Stücke im „Orfeo“ ausarbeiten und die Zeit bemessen, die in einer herkömmlichen Aufführung zwischen einem und dem nächsten Titel liegen würde – denn auch das sind Rechenzeiten, die der Algorithmus vorab „wissen“ muss. „Wir können das vereinfachen, indem wir sagen, von einem Stück im Original zum nächsten ist der Anschluss entweder attacca, oder es gibt eine kurze Pause, die aber immer exakt gleich lang ist“, schlägt Michael Rauter vor. „Aber manchmal muss man auch eine kurze Atempause am Ende einer Phrase setzen“, gibt Tilman Kanitz zu bedenken.

„Wir wollen nicht einmal unbewusst eine Höranleitung geben.“

„‚Orfeo‘ in einem so schwierig zu bespielenden Raum, mit so vielen Beteiligten, ist schon allein komplex. Die Faktoren, die man beeinflussen kann, wenn man das Stück spielt, sind unendlich. Und wir versuchen das noch zu erweitern, indem wir die Abfolge der Musikabschnitte von außen steuern lassen“, sagt Michael Rauter. Ziel sei ein positiver Kontrollverlust. Dies, so hofften sie, ergänzt Tilman Kanitz, werde sich beim Zuschauer fortsetzen. „Wir wollen nicht einmal unbewusst eine Höranleitung geben.“ Weg von jeder Art der Gebrauchsanweisung, das könnte der Schlüssel sein zur Autonomie des Hörens. Den Anspruch zu haben, immer genau das aussagen zu wollen, was der Betrachtende oder Hörende gerade herausdeutet. Eine Rätselhaftigkeit erzeugen, die sich weigert, entschlüsselt werden zu können. „Es ist der Wunsch unserer Zeit oder auch der Kultur, in der wir leben, immer den Code zu finden, um alles zu verstehen. Dabei entgeht uns die Faszination des Unentschlüsselbaren, Rätselhaften und Mystischen.“ – „Und genau da begegnen wir ‚Orfeo‘“, führt Michael Rauter den Gedanken weiter. „Angenommen, ‚Orfeo‘ ist wirklich eine Oper über die Musik und das Potential, das in ihr liegt, dann geht es genau um dieses Unsagbare. Zu diesem Kern vorzudringen, versuchen wir so unmöglich wie möglich zu machen.“

„Orfeo“ ist an zehn Tagen zwischen dem 18. September und dem 4. Oktober 2015 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.