Mit dem experimentellen Konzertformat „Liquid Room“ eröffnet am 20. März 2015 MaerzMusik – Festival für Zeitfragen unter der neuen künstlerischen Leitung von Berno Odo Polzer.

„Liquid Room“ © Ictus Ensemble

Ein Raum, vier Bühnen, zwei Ensembles, über zwanzig Stücke von ebenso vielen zum Teil völlig verschiedenen Komponisten, und das alles im Verlauf eines einzigen Abends. Und das ist noch nicht alles: Es gibt keine festen Sitzplätze, sondern tragbare Papphocker, die überall in der Spielstätte herumstehen. „Liquid Room“ präsentiert zeitgenössische Musik in einem coolen, rockigen Umfeld: Die Bar bleibt geöffnet und Sie können als Zuhörer hinein- und hinausgehen, wie es Ihnen passt. Sie können sich aussuchen, wo Sie zuhören, wann Sie zuhören (oder auch nicht) und wie Sie zuhören möchten. Sie können analytische Distanz wahren, mit den Augen zuhören (indem Sie die Fingersätze des Pianisten aus nächster Nähe studieren) oder der Musik mit geschlossenen Augen in einer dunklen, einsamen Ecke lauschen. Sie können aufmerksam oder passiv zuhören, konzentriert oder abgelenkt, mit oder ohne Bier in der Hand. „Liquid Room“ ist eine freie Zone für musikalische Grenzgänger.

Wie beeinflusst diese Freiheit unsere Einstellung zum Zuhören, und wie kann sie unsere Einstellung zur Musik verändern, im Vergleich zu der auch in der Welt der zeitgenössischen Musik gängigen ritualisierten und verknöcherten Konzertpraxis, die wir von den Musikliebhabern des 19. Jahrhundert geerbt haben?

Beethoven ist tot

Bei dieser Ausgabe von „Liquid Room“ – bereits der sechsten – handelt es sich in der Tat um eine Deluxe-Ausgabe, um die Vereinigung der Kräfte von Ictus Ensemble und ensemble mosaik. Das Ictus Ensemble hinterfragt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten das traditionelle Konzertformat. „Liquid Room“ geht bei dieser Suche sogar noch einen Schritt weiter. In den 90ern nahmen Ictus eine leicht ironische, didaktische Haltung ein, zum Beispiel in ihrer Serie „ONE.ONLY.ONE“: Das Ensemble spielte ein Stück, anschließend gab es ein Gespräch, bei dem die Musiker erzählten, wie es funktioniert. Sie zerlegten den musikalischen Parameter, öffneten die magische Spieluhr gleichsam mit einem kräftigen Hammerschlag. Danach spielten sie das Stück noch einmal und gaben so Gelegenheit zu einem völlig anderen Hörerlebnis.

Bei „Liquid Room“ geht es weniger darum, etwas zu behaupten, als darum, einen Raum und einen Moment zu schaffen, in dem sich Musiker und Zuhörer begegnen und ein Musikerlebnis teilen können, das nicht im gezwungenen Verhaltenskodex des 19. Jahrhunderts eingebettet ist, oder gar ‚einbalsamiert‘. Die Konzertsituation wird auf das Wesentliche reduziert: Ich biete Musik dar, du bietest dein Zuhören dar und wir tun dies im selben räumlichen und zeitlichen Rahmen.

Jean-Luc Plouvier (der künstlerische Leiter von Ictus) erläutert: „Wir teilen diese Suche nach anderen Formaten mit einer wachsenden Anzahl von Musikern aus den Bereichen der zeitgenössischen und der klassischen Musik. Dabei geht es, wie ich glaube, um ein Engagement dafür, dem Publikum die Musik, die wir spielen, so tiefgehend wie möglich zu vermitteln. Alles begann eigentlich damit, dass uns die Art und Weise, wie zeitgenössische Musik gespielt wurde, und leider immer noch gespielt wird, zu Tode langweilte. Sie wissen schon: Zwölf Musiker spielen drei Stücke von je zwölf Minuten und dazwischen gibt es lange, umständliche Umbauten, zum Beispiel wird eine Marimba auf die Bühne geschleift. Und die zwölf Zuhörer – vier Musiker, vier Musikwissenschaftler und zwei etwas merkwürdig aussehende ältere Paare – schweigen höflich und warten.“

Das hergebrachte Konzertformat ist nichts als ein Relikt. Beethoven ist tot, das 19. Jahrhundert ist vorbei. Und doch ist diese beethovensche Mystifizierung der Musik bis heute sehr lebendig. Es gilt noch immer das beinahe schon religiös gefärbte Dogma vom unermesslichen Geheimnis der Musik und vom Komponisten als Propheten, der verborgene Wahrheiten enthüllt, die nie ganz, oder zumindest nie direkt verstanden werden können. Ictus sucht nach Formaten, die einen klaren Schlussstrich unter diese jahrhundertealte weltliche Religion ziehen, diesen künstlich aufrechterhaltenen Abstand zwischen Publikum und Musik aufheben. „Das Publikum kann selbst entscheiden, wie groß oder klein dieser Abstand sein soll. Es gibt keine verborgene Wahrheit, die Musik ist durchaus ermesslich, auch wenn sie schwierig ist. Wir erweisen der zeitgenössischen Musik keinen Dienst, indem wir den Zaubernebel, der sie umgibt, noch verdichten; indem wir die Leute in eine Konzertsituation wie in einen Kirchgang zwingen: Man sitzt still, lauscht quasi betend und huldigt der Musik in einer Kommunion mit dem Heiligen. „Liquid Room“ ähnelt eher einem hinduistischen Tempel mit ständigem Kommen und Gehen als einem katholischen Hochamt. Oder eigentlich ähnelt es überhaupt keinem Tempel. Es ist einfach ein Ort, wo Menschen Musik entstehen lassen, indem sie sie spielen und ihr zuhören.“

Mehr als ein Gag

Die vier Bühnen sind mehr als ein Gag. Sie sind nicht nur die Antwort auf eine dramaturgische Frage – wie kann man zeitgenössische Musik im 21. Jahrhundert sinnbringend vermitteln? – sondern bieten auch die Lösung eines praktischen Problems: Wie können wir ein Programm aus sehr unterschiedlichen Musikarten für sehr unterschiedliche Ensembles bauen? Wie vereinbaren wir ein Stück für ein Streichtrio mit einem Stück für Elektronik, Fender Rhodes und Perkussion, ohne die zwangsläufigen Bühnenumbauten, die den ‚Flow‘ des Konzerts zerstören?

Die vier Bühnen erlauben eine kontinuierliche Montage von Stücken mit ganz unterschiedlichen Instrumenten und Interpreten. Das Zusammenfügen von Programm und Ablauf gleicht daher einem technischen und dramaturgischen Puzzle. „Man kann nicht alles machen“, erklärt Tom Pauwels, Gitarrist und zweiter künstlerischer Leiter von Ictus. „Liquid Room ist ein technischer Albtraum: alle hundert Kanäle des Tonpults sind im Einsatz, jeder ist mit einem der hundert Mikrofone verbunden, die zu den vier Bühnen abzweigen und dort zu genauso vielen Instrumenten führen. Aber über die Logistik hinaus muss es auch als Ganzes funktionieren, sowohl dramaturgisch als auch intuitiv. Alle Stücke müssen zur offenen und eher formlosen Atmosphäre eines „Liquid Rooms“ passen. Und natürlich muss auch die Gesamtmontage Bedeutung haben. Das soll nicht heißen, dass sie durchweg nahtlos ablaufen soll: komponierte und improvisierte Musik, Elektronik und ‚Akustisches‘, disziplinierter Vortrag und kreischende Bricolage werden überblendet oder krachen mit voller Kraft aufeinander. Man braucht einen fast schon makro-kompositionellen Ansatz, der überraschende Kontinuitäten und interessante Kontraste hervorbringt. Hyperorganisierte Musik gewinnt an Bedeutung, wenn sie zum Beispiel Improvisationen oder einem Game Piece gegenübergestellt wird. Die räumliche Verlagerung von einer Bühne zur anderen erlaubt es dem Publikum, seine Hörmuster neu zu organisieren und seinen visuellen und akustischen ‚Blick‘ neu einzustellen; dabei bleibt die Erfahrung des ‚Konzerts im Fluss‘ intakt. Und schließlich muss auch der dramaturgische Gesamtbogen über den ganzen Abend hinweg einen Sinn ergeben, denn es ist zwar kaum zu glauben, aber die große Mehrzahl des Publikums hört tatsächlich vom Anfang bis ‚zum Ende‘ zu.

Die Paradoxien des Nomadentums

„Liquid Room“ wurde unter anderem vom Mailänder Musikfestival Nuove Sincronie inspiriert. Die großartigen Kuratoren Fausto Romitelli und Riccardo Nova, die dieses Festival wiederbelebten, erklärten die zeitgenössische Musik für tot und im staubigen Mausoleum des bürgerlichen Geschmacks einbalsamiert. Zeitgenössische Musik könne nur überleben und dabei wirklich lebendig sein, wenn sie sich an der Flamme der populären experimentellen Musik (an sich schon eine problematische Beziehung) neu entzünden könne. Romitelli bezog sich auf „die anonyme Gruppe junger Leute mit Computern“. „Liquid Room“ möchte diese Kontaktzone der experimentellen Musik ausnutzen und die Vorstellung dessen, was zeitgenössische Musik ist, dahingehend erweitern, was sie eigentlich bedeuten sollte: Musik, die als sinnvolle musikalisches Angebot an ihre Zeitgenossen gemeint ist. Zeitgenössische Musik als Subkultur neben und in Interaktion mit anderen Subkulturen, verbunden mit sich überschneidenden und flüchtigen Netzwerken.

Aber die Metapher der Flüchtigkeit, der Liquidität hat zwei Seiten. Einerseits konnotiert sie Mobilität, Freiheit und die Emanzipation von repressiven, erstarrenden Strukturen. Andererseits sagt auch der polnische Soziologe Zygmunt Bauman in „Liquid Modernity“ (Flüchtige Moderne, 2000), dass die Vorstellung einer flüchtigen Gesellschaft nahelegt, dass Individuen sich gleichsam wie lose Partikel bewegen; dass sie wie Touristen durch ihre Zeit, ihre Welt und, letztendlich, ihr eigenes Leben reisen. Sie verschieben also gleichsam ihren Wegwerfhocker aus Pappe von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt.

Bauman argumentiert, dass diese existentielle Form der Nicht-Bindung dem Individuum große Verantwortung aufbürdet. In „Liquid Room“ tragen die Interpreten und die Zuhörer diese Verantwortung gemeinsam. Das Ensemble zerfällt und fügt sich zu Sub-Ensembles zusammen, die wieder in kleineren Sub-Sphären spielen. Dieses Nomadentum ist jedoch Bestandteil der Selbstverpflichtung des Ensembles zur Kommunikation. Die Freiheit des Zuhörers, so zuzuhören, wie es ihm Spaß macht, erfordert aktive Entscheidungen. Das Zuhören wird zu einer eigenen Performance. Paradoxerweise entscheiden sich viele Zuhörer, die leicht an Flucht denken, wenn sie bei einem traditionellen Konzert zum Sitzenbleiben gezwungen werden, dafür, auf ihrem Papphocker zu bleiben und mit größter Konzentration zuzuhören. Die Wahrnehmung der Zeit ist relativ, wie wir täglich erleben. Da Musik nichts anderes ist als ausgearbeitete Zeit, nimmt man die Zeit ganz anders wahr, je nachdem ob man gezwungenermaßen auf seinem Platz im Konzertsaal sitzenbleibt, oder sich frei bewegen darf. Die Freiheit, sich autonom durch die Spielstätte bewegen zu können, erleichtert die Entscheidung, die Aufmerksamkeit – zumindest zeitweise – im Zeitablauf verweilen zu lassen.

Vorschaubild: Liquid Room © Ictus Ensemble

Der Text ist zuerst in der MaerzMusik-Festivalbeilage zur taz am 14. März 2015 erschienen. Die komplette Beilage finden Sie auch hier, das Abendprogramm für „Liquid Room“ hier.