Mit seinem John Wilson Orchestra zelebriert der Brite John Wilson die goldene Ära des amerikanischen Filmmusicals, seine großen Melodien und die Träume einer vergangenen Kinoära. Nachdem das John Wilson Orchestra im Jahr 2009 in der Royal Albert Hall zum 75. Jubiläum des Metro-Goldwyn-Mayer Filmmusicals auftrat und seither jährlich mit den BBC Proms zusammenarbeitete, gibt es nun beim Musikfest Berlin 2016 sein Deutschland-Debüt. Wir sprachen mit John Wilson über die fortdauernde Bedeutung des Kinomusicals und die Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion der größtenteils verlorenen Partituren.

Der Text in deutscher Übersetzung zum Nachlesen:

Mein Name ist John Wilson und ich bin leitender Dirigent des John Wilson Orchesters, das ich vor 21 Jahren gegründet habe. Wir haben uns darauf spezialisiert, klassische Filmmusik und Musical-Songs der 30er-, 40er- und 50er-Jahre bis in die frühen 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts zu spielen.

Was repräsentiert die Filmmusik der MGM Studios für Sie?

Die Metro-Goldwyn-Mayer-Filmmusik der 40er- und 50er-Jahre repräsentiert für mich den höchsten Maßstab der Filmmusik. Sie hatten die besten Komponisten, Arrangeure, Orchestermitglieder und Musiker unter Vertrag. Alle großen Stars dieser Zeit haben in diesem einen Studio gearbeitet und spezialisierten sich darauf, Filmmusik zu machen. Dementsprechend hoch war auch das Niveau an Kompetenz in jeder Abteilung. Ich bin mir nicht sicher, ob wir jemals wieder etwas Vergleichbares zu sehen bekommen werden. Die Anzahl der dort geschriebenen Songs, die mittlerweile zu Klassikern, zu Maßstäben geworden sind, ist beeindruckend. Dieses Repertoire ist eine Kostbarkeit.

Welches Notenmaterial steht Ihnen für Ihre Arbeit zur Verfügung?

Leider kann man nicht einfach in einen Musikladen gehen und die Noten kaufen, die wir brauchen, um diese Konzerte spielen zu können. In den späten 60er-Jahren wurden alle Aufzeichnungen der MGM zerstört und unter einem Golfplatz vergraben. Sie wurden als Geländeauffüllung genutzt. Sie existieren also noch irgendwo in Kalifornien, aber ich bezweifle, dass man sie wieder auffinden kann. Meine Arbeit bestand also darin, aus den originalen Aufnahmen, die ich mir anhörte, und unter der Benutzung von jeglichem urheberrechtlichen Material, das überlebt hatte, diese Noten wieder herzustellen. Zum Beispiel aus den Klaviernoten der Dirigenten, die archiviert wurden. Ich habe die letzten 15 Jahre daran gearbeitet und mittlerweile einen Korpus von etwa 250 Filmen aufgestellt. Diese Filme sind die Basis unseres Repertoires, aber es ist ein fortlaufender Prozess. Wir fügen diesem Repertoire stetig etwas hinzu.

Wie genau rekonstruieren Sie die Partituren?

Wenn uns überhaupt kein Material vorlag, was ungefähr die Hälfte der Zeit der Fall war, musste man einfach dasitzen, den Aufnahmen zuhören und schließlich den Soundtrack mit den eigenen Ohren übersetzen. Das ist ein sehr umständlicher Vorgang. Es kann einen ganzen Morgen dauern, sechs oder sieben Sekunden zu transkribieren, weil es eine extrem komplexe Musik ist, die von Menschen mit hervorragender Ausbildung instrumentiert wurde. Natürlich spielten in den Orchestern nur die besten Musiker. Die Stücke waren sehr anspruchsvoll und auf die Leistungsfähigkeiten der Musiker abgestimmt.

Wo kommen die Musiker des John Wilson Orchester her?

Die Musiker wurden aus verschiedenen Orchestern des Vereinigten Königreichs ausgewählt. Wir haben viele Konzertmeister, bei den Violinen haben wir Solokünstler. Es gibt viele Streichquartette. Besonders die Blechbläser müssen sehr versiert sein. Sie müssen alles spielen können, vom „Tom & Jerry“-Cartoon bis hin zu Stücken von Miklós Rózsa, von Congo bis hin zu Fred Astaires Tanzmusik. Sie müssen also sowohl Swing-, als auch Jazz-Motive und traditionelle Symphoniemotive fließend beherrschen. Ich habe diese Musiker alle sehr bedacht ausgewählt. Wir arbeiten jetzt seit 20 Jahren zusammen und viele von ihnen sind bereits von Anfang an dabei.

Was bedeutet Ihnen die Einladung zum Musikfest Berlin?

Wir sind unglaublich aufgeregt nach Berlin zu kommen, besonders da dies die Heimatstadt eines der großartigsten Orchester ist. Wir werden in einer wundervollen Konzerthalle auftreten und ich denke, die Akustik der Berliner Philharmonie wird sehr gut zu unserer Arbeit passen. Insofern freuen wir uns alle sehr darauf. Und: letzte Woche wurde mir mitgeteilt, dass wir den Echo-Klassik- Award für unser Album „Cole Porter in Hollywood“ gewonnen haben, was uns unfassbar freut. Das ist der erste Preis, den wir je erhalten haben. Das ist uns noch nie zuvor passiert. Ich bin vor Freude in die Luft gesprungen, als ich es gehört habe.

Das John Wilson Orchestra präsentiert sein Programm „A Celebration of the MGM Film Musical“ am 4. September 2016 um 19:00 im Rahmen des Musikfest Berlin 2016 in der Philharmonie.