Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichnet. Im Rahmen von „Ein Tag mit … Frank Witzel“ stellen wir das monumentale Werk vor, werfen aber auch manchen Blick in das kollektive Unterbewusste der bundesrepublikanischen Geschichte.

In einem ersten Beitrag stellten wir bereits das Bild der RAF im Dokumentarfilm vor. In einem Beitrag zu Terrorismus und Popkultur besprechen wir u.a. die Filme „Baader“ und „The Raspberry Reich“.

„Todesspiel“ (D 1997, Regie: Heinrich Breloer)

„Todesspiel“ (D 1997, Regie: Heinrich Breloer) © Icestorm Entertainment

Dieser TV-Zweiteiler hätte im Grunde auch auf der Liste der Dokumentarfilme über die RAF erscheinen können, handelt es sich doch um eine von Regisseur Heinrich Breloer entwickelte Mischform aus dokumentarischen Archivaufnahmen, Interviews mit den Beteiligten sowie Spielfilmsequenzen im Stile eines Re-enactments. In diesem Format des „Dokudramas“ schildert Breloer den blutigen Abschluss des Deutschen Herbstes im September und Oktober des Jahres 1977 – von der Entführung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer über die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ durch palästinensische Terroristen bis hin zur Suizidnacht in Stammheim und der folgenden Exekution Schleyers. Bei der Erstausstrahlung im Jahr 1997 begeistert aufgenommen, beeindrucken heute vor allem die Interviewpassagen mit Zeitzeugen vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt bis hin zum damaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock.

„Die Stille nach dem Schuss“ (D 2000, Regie: Volker Schlöndorff)

„Die Stille nach dem Schuss“ (D 2000, Regie: Volker Schlöndorff) © Arthaus

„Am besten lügt man immer noch mit der Wahrheit“, so sagt Martin Wuttke als Stasi-Offizier einmal in Volker Schlöndorffs nichtautorisierter Verfilmung des Lebens der RAF-Terroristin Inge Viett. 1982 tauchte Viett, deren von Bibiana Beglau beeindruckend verkörperte Doppelgängerin hier Rita Vogt heißt, mit Unterstützung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR unter, wo sie unter falschem Namen ein neues Leben begann, das nur bis zur Wiedervereinigung hielt. Nach ihrer Enttarnung und Auslieferung wurde sie zu 13 Jahren Haft verurteilt, im Jahr 1997 dann zur Bewährung aus der Haft entlassen. Von den Aktionen der RAF hat sich Viett nie distanziert, zuletzt wurde sie 2011 wegen Billigung von Straftaten in Form eines Aufrufs zum bewaffneten Widerstand gegen die bundesrepublikanische Rechtsordnung zu einer Geldstrafe verurteilt. Aus Vietts überaus spannender Biografie destilliert Volker Schlöndorff einen zwiespältigen Film. Als Schauspieler*innen- und Ausstattungskino überzeugt „Die Stille nach dem Schuss“ auf beinahe ganzer Linie. Der Blick des Westdeutschen Schlöndorff in die DDR-Gesellschaft bleibt aber stets der des Außenstehenden, von Klischees und allzu durchsichtigen Dialogwechseln geprägt. So bleibt der Eindruck eines nicht uninteressanten Films, der aber vielleicht etwas zu oft zu anderen, besseren Filmen abschweifen lässt.

„Die innere Sicherheit“ (D 2000, Regie: Christian Petzold)

„Die innere Sicherheit“ (D 2000, Regie: Christian Petzold) © Pegasos Film

Der vielleicht beste Film über den linken Terrorismus der RAF interessiert sich nicht für die historische Epoche, in der er stattfand, sondern für die Nachleben derer, die ihn ausübten. Nicht der Selbstmörder von Stammheim, sondern derjenigen, die nie gefasst wurden und seit Jahrzehnten ein Leben auf der Flucht führen. „Gespenster“, so heißt ein späterer Film Christian Petzolds, aber auch Clara und Hans in „Die innere Sicherheit“ sind in gewisser Hinsicht Untote. Der Kampf, den sie führten, ist längst verloren, die einstmals flammenden Überzeugungen verblasst. Für die Gesellschaft sind sie keine Freiheitskämpfer mehr, sondern beliebige Kriminelle. Ihre Tochter Jeanne aber wurde in dieses Leben hineingeboren. Sie ist das Gespenst, das sich in ein echtes, verwurzeltes Leben hineinsehnt, das keine falschen Identitäten mehr an- und ablegen will, sondern ihre eigene sucht und dafür einen Preis bezahlen muss.

Filmplakat „Der Baader Meinhof Komplex“

„Der Baader Meinhof Komplex“ (D/F/CZ 2008, Regie: Uli Edel) © Constantin Film

Im Stile von Historien-Blockbustern wie „Der Untergang“ geht auch „Der Baader Meinhof Komplex“ vor, eine der letzten Großproduktionen des 2011 verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger – und führt dabei wunderbar vor, wie man auf dem vermeintlichen Boden historisch verbriefter Faktizität mit Bildern gleichwohl lügen kann. In Montagesequenzen brennen zuerst die westdeutschen Kaufhäuser, dann Vietnam, und die Angriffe gegen die Jubelperser beim Staatsbesuch des persischen Schah Reza Pahlevi gehen hier zuerst von den demonstrierenden Studenten aus. So werden Aktion und Reaktion austauschbar, echte oder zumindest zur Zeit des Geschehens so formulierte Kausalitäten sind nicht mehr erkennbar.

„Carlos“ (F/D 2010, Regie: Olivier Assayas) © NFP marketing + distribution

„Carlos“ (F/D 2010, Regie: Olivier Assayas) © NFP marketing + distribution

Fünfeinhalb Stunden lang folgt Olivier Assayas – zumindest in der Langfassung seines für die Kinoveröffentlichung auch auf drei Stunden hinuntergekürzten Biopics – den Spuren des internationalen Topterroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“. Dabei gelingt ihm nicht nur das Porträt einer schillernden Persönlichkeit der Verbrecherhistorie des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine überaus komplexe Skizze internationaler Terrornetzwerke. Als „Handlungsreisender in Sachen Terror“ verschlägt es Carlos dabei einmal auch in die Bundesrepublik, wo er auf die RAF-Terroristen Hans-Joachim Klein, Johannes Weinrich, Brigitte Mohnhaupt und Christa Margot Fröhlich trifft – auf langen Gesprächen mit Klein, der sich längst von seinen früheren Taten distanziert hat, sowie auf den künstlerischen Freiheiten eines großen Filmemachers, der nach der Wahrheit sucht statt an der Faktenhuberei kleben zu bleiben, beruht Assayas‘ Film.

„Wer wenn nicht wir“ (D 2011, Regie: Andres Veiel)

„Wer wenn nicht wir“ (D 2011, Regie: Andres Veiel) © Senator Filmverleih

Für den Theater- und Filmemacher Andres Veiel ist der RAF-Terrorismus bereits ein Lebensthema. Nachdem er in seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ sowie der begleitenden Buchpublikation Täter- und Opferbiografien miteinander verschränkte und 2013 aus knapp 1.400 Seiten Interviewmaterial mit 24 ehemaligen Bankvorständen das Dokumentartheaterstück „Das Himbeerreich“ entwickelte – mit dem Ausdruck „Himbeerwelt“ bezeichnete Gudrun Ensslin die moderne Warenwelt –, erzählt Veiel in seinem Spielfilmdebüt „Wer wenn nicht wir“ die Gründung der RAF aus der Perspektive Bernward Vespers, dessen Beziehung mit Ensslin im Zuge ihrer politischen Radikalisierung zerbricht. Leider kommt er über diesen Fokus nicht hinaus: Entscheidende politische Krisenmomente bundesrepublikanischer Geschichte erscheinen hier im Gewand banaler Beziehungskisten. Und: warum kommt eigentlich in keinem der Spielfilme über die RAF Horst Mahler vor?

„Ein Tag mit … Frank Witzel“ findet am 24. Januar 2016 ab 16:00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele statt.