In einer Gesprächsrunde im Rahmen des 53. Jazzfest Berlin präsentiert Siegfried Schmidt-Joos sein Buch „Die Stasi swingt nicht – Ein Jazzfan im Kalten Krieg“. Bevor er sich den Fragen des Journalisten und Filmemachers Manfred Eichel stellt, wird Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, in die Thematik einführen.

In diesem Buch erzählt Siegfried Schmidt-Joos seine Geschichte: als Jazzfan und Vertreter einer Generation, die auf der Suche nach individueller Freiheit jenseits der staatlich verordneten Kultur eine kulturelle Heimat im Jazz der Zeit fand. Dabei entwirft er ein Panorama des gesellschaftlichen Umbruchs und schildert die politischen Verwerfungen, in die Musiker*innen und Künstler*innen – ob sie wollten oder nicht – in der Zeit des Kalten Krieges hineingezogen wurden. Um Lust aufs Lesen zu machen, hat der Autor zwei Leseproben zu zentralen Fragen des Buches ausgesucht.

„Der Fall der Mauer lag gerade einmal zweieinhalb Jahre zurück, da wartete der in Leipzig lebende Jazz-Publizist Bert Noglik, Jahrgang 1948, in der „ZEIT“ mit einem ganzseitigen Rückblick auf die abgeschlossene Szene Ost auf: „Swinging DäDäRä.“ Ich zitiere: „Da bis zum heutigen Tag kein spektakulärer Stasi-Fall in der Jazz-Szene der DDR aufgedeckt wurde, liegt die Vermutung nahe, dass man dieses Bereichs nicht habhaft werden konnte, weil die musikalische Mitteilung zu subtil, die Mentalität zu wenig dingfest zu machen war.“
Das war wohl allzu euphemistisch, wie wir aus den seither zugänglich gewordenen Täter-Akten wissen. Sollte also die Immunisierung durch die Swing-Mentalität, die wir bei den Jazzfans gegenüber der Nazi-Ideologie festgestellt hatten, für die kommunistischen Diktaturen nicht gelten? Oder lag in Bert Nogliks beschönigender Feststellung nicht doch ein wahrer Kern? Hat die Stasi wirklich nicht geswingt? Wenn der Titel dieses Buches aber richtig sein sollte, was hätte dann Jazzfans für den Spitzeldienst beim Ministerium für Staatssicherheit anfällig machen können?“

(Aus dem 17. und vorletzten Kapitel „Nach der Flucht: Der Geheimdienst war immer dabei“, S. 565)

„Die damalige Zeit wurde für mich beim Lesen wach, die geistigen, die politischen, die intellektuellen Auseinandersetzungen leuchteten auf.“
Bert Noglik (Jazz-Publizist und Festival-Kurator)

Alfons Zschockelt (Gitarre, Ost) mit Horst „Flötchen“ Geldmacher (West) 1957 in Moskau. Vorlage für das Buchcover.

„Der Begriff Freiheit, den uns die Amerikaner 1945 beigebracht hatten wie Benny Goodmans Klarinettenchorusse und Glenn Millers Big Band Swing, war für meine Generation das Schlüsselwort. Es hat mich geschmerzt, dass der Begriff bei den nachfolgenden 68ern mit ihrem offenen oder verkappten Antiamerikanismus ebenso aus der Mode kam wie der Jazz. Deshalb habe ich mich bei aller späteren Identifikation mit der Rockmusik auch nie als 68er, sondern immer als 58er definiert.

Siegfried Schmidt-Joos in Halle, DDR, 1957.

„Mochten die Fünfziger,“ so sagt es Marianne Faithfull in ihren „Memories“, „auch einem das Gefühl geben, in Sowjetrussland zu leben, haben sie doch tatsächlich große Kunst und den wildesten und erhabensten Jazz aller Zeiten hervorgebracht. Allein die Vorstellung, einfach losziehen und Coltrane und Dizzy und Bird sehen zu können! Die Kunst war intensiver, reiner in den Fünfzigern, vor dem Unsinn des Post-Modernismus. Auch der Sex war heißer – weil er unterdrückter war!“
In den hektischen Fünfzigerjahren wurden mit der Demonstration von Toleranz, dem Streben nach Rassengleichheit und dem Respekt vor dem Individuum, für die der Jazz stand, die Grundlagen gelegt, von denen aus die 68er ihren weiter gehenden Demokratisierungsversuch starten konnten, der vor allem dort misslang (nämlich bei Baader/Meinhofs kommunistisch und totalitär motivierter Rote Armee Fraktion), wo diese Grundsätze außer Kraft gesetzt worden waren.
In der DDR war die Sehnsucht nach Freiheit unter der Knute der Partei dagegen vierzig Jahre lang uneingeschränkt erhalten geblieben. An die Stelle des Jazz als Soundtrack der akademischen Opposition traten in den Sixties hier wie dort Beat und Rock, Blues und Punk. Das ist eine andere Geschichte. Was in den ersten fünfundzwanzig Jahren meiner Lebenszeit, von den Olympischen Spielen der Nazis in Berlin 1936 bis zum Bau der Berliner Mauer 1961, in zwei deutschen Diktaturen und der frühen Bundesrepublik mit dem Jazz geschah und wie ein Junge aus Gotha dieses erlebte, davon handelt dieses Buch.“

(Aus dem 1. Kapitel „‚Republikflucht‘: Warum ich 1957 wegen Jazz in den Westen ging“, S. 34)

Siegfried Schmidt-Joos 2016

Die Buchpräsentation „Die Stasi swingt nicht – Ein Jazzfan im Kalten Krieg“ findet am 4. November 2016 im Haus der Berliner Festspiele in der Bornemann Bar um 18:00 Uhr statt. Der Eintritt ist frei.