Bisweilen sollte man selbst jene Begriffe, deren Bedeutung man zu kennen meint, auf den Prüfstand ihrer Herkunft stellen. Rivalen etwa galten ursprünglich keineswegs als Konkurrenten und schon gar nicht als Gegenspieler. Rivalen waren Anrainer eines Gewässers, „Bachnachbarn“, wie es so schön hieß, die sich das wertvolle Nass für ihre Wiesen und Felder teilten, diesseits und jenseits des Rinnsals. In diesem Sinne etymologischer Korrektheit hätten wohl auch die drei großen Münchner Symphonieorchester mit Weltgeltung kein Problem, als Rivalen bezeichnet zu werden. Nachbarn – diesseits und jenseits der Isar – sind sie allemal, und einen wertvollen elementaren Besitz, ein natürliches Lebenselixier wie das Wasser, teilen sie sich ebenfalls generös: die Interpretation klassischer Musik auf höchstem Niveau. Aber auch noch auf andere Weise gab es in der traditionsreichen Geschichte der Orchester nachbarschaftliche Beziehungen. Einige Dirigenten haben gleich an zwei Häusern Spitzenpositionen eingenommen, wenn auch naturgemäß nicht zur selben Zeit. So war Rudolf Kempe beispielsweise erst Generalmusikdirektor des Bayerischen Staatsorchesters und gut zehn Jahre später Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Lorin Maazel war ebenfalls im Abstand eines Dezenniums in gleicher Funktion beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und bei den Münchner Philharmonikern, bis zu seinem Tode 2014, tätig.

Im Übrigen aber: Mehr als zwei international hoch angesehene Orchester, das gibt es sonst kaum einmal in einer europäischen Stadt, in Deutschland aber immerhin in Berlin und München; was eben auch die Sonderstellung des Musiklandes Deutschland unterstreicht. Und wo sonst außer in Berlin und London kann man die kontinuierliche Arbeit gleich mit drei Orchesterdirigenten von Rang verfolgen wie in den Konzertsälen und im Nationaltheater der Bayerischen Landeshauptstadt? Verwöhnt wurden die musikalischen Aficionados Münchens eigentlich permanent. Allein seit 1967 haben die Freunde klassischer Musik an der Isar Dirigenten-Troikas erlebt, für die Musikfreunde anderer europäischer oder amerikanischer Metropolen schon einige Flugkilometer investieren mussten. Joseph Keilberth (Bayer. Staatsorchester), Rudolf Kempe (Münchner Philharmoniker) und Rafael Kubelik (Symphonieorchester des BR) konnte man immerhin 1967/68 noch eine Saison lang gemeinsam erleben, die Trias Sir Colin Davis (Symphonieorchester des BR), Sergiu Celibidache (Münchner Philharmoniker) und Wolfgang Sawallisch (Bayer. Staatsorchester) dann ganze dreizehn Jahre lang. Und für das Trio James Levine (Münchner Philharmoniker), Lorin Maazel (Symphonieorchester des BR) und Zubin Mehta (Bayer. Staatsorchester) in München von 1998 bis 2003 in Permanenz zu hören, hätte wohl so mancher amerikanische Musikfreund liebend gerne seinen Wohnsitz nach Europa verlegt. Und wäre vielleicht geblieben: Denn es ging im Grunde so weiter und steht jetzt aktuell bei der musikalischen Dreifaltigkeit aus Valery Gergiev (Münchner Philharmoniker), Mariss Jansons (Symphonieorchester des BR) und Kirill Petrenko (Bayer. Staatsorchester).

Aber natürlich darf man die musikalischen Anrainer der Isar nicht über einen kulturellen Kamm scheren. Das verbietet sich schon aufgrund der unterschiedlichen Historie, der divergierenden Funktion und ihrer Aufgaben: ein Opernorchester mit symphonischen Ambitionen und ein städtisches Orchester, dessen Gründung sich einer privaten Initiative verdankt und das einst von Gustav Mahler dirigiert wurde. Schließlich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit öffentlich-rechtlichem Sendungsbewusstsein, das seit langem schon zu den glänzendsten Tourneeorchestern des internationalen Musiklebens gehört.

Auf die längste Tradition kann das Bayerische Staatsorchester zurückblicken, das in den Ensembles der kurfürstlichen Hofkapelle, dem Orchester des Münchner Hoftheaters und des im achtzehnten Jahrhunderts nach München übersiedelten Mannheimer Orchesters gründet, dabei mehr als vierhundertfünfzig Jahre glanzvolle Münchner Musikgeschichte repräsentiert, in seiner Ahnengalerie als Hofkapellmeister einen Ludwig Senfl und einen Orlando di Lasso vorweisen kann und von Richard Wagner wegen seiner „höchsten künstlerischen Feinheit und Korrektheit des Vortrags“ als „musterhafte Schöpfung“ bezeichnet wurde.

Auf die Frage, wie es komme, dass ein Orchester so lange seine künstlerische Physiognomie behalte, obwohl doch ständig neue Instrumentalisten hinzukommen und die Chefdirigenten häufig wechseln, hat Lorin Maazel etwas Erhellendes bemerkt: „Das Gesicht eines Orchesters wird im Laufe der Jahre durch zwei Elemente geprägt, durch Dirigenten, die die Musikalität der Spieler entwickeln, und durch die Virtuosität der Musiker selbst. Zu den New Yorker Philharmonikern gehörten in den gut einhundertsiebzig Jahren seines Bestehens nicht mehr als etwa zweitausend Musiker. Das heißt, man wird Philharmoniker und bleibt es. Zudem vergisst man immer wieder, dass die Wiener und die Berliner Philharmoniker eben auch so spielen, wie sie spielen, weil große Dirigenten wie Furtwängler und Arthur Nikisch oder Erich Kleiber sie geprägt haben. Sie haben immer mit den größten Dirigenten gearbeitet. Die Physiognomie ist die Frucht langer Zusammenarbeit mit diesen großen Musikern.“ So besehen muss das Staatsorchester nur ein paar Namen aus den letzten einhundertfünfzig Jahren in die Diskussion werfen, um seinen musikalischen Standort zu beglaubigen: Hans von Bülow und Richard Strauss, Bruno Walter, Georg Solti, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Zubin Mehta, Kent Nagano und Kirill Petrenko.

Aber was für das Staatsorchester gilt, trifft auch auf die Münchner Philharmoniker zu, die noch ein paar weitere Dirigenten überragenden Formats anführen können: Felix Weingartner, Hans Rosbaud, James Levine, Christian Thielemann und schließlich Valery Gergiev. Auf Sergiu Celibidache, der von 1979 bis 1996 das Orchester leitete, auf seinen mit dem Orchester geschaffenen „integralen Klang“, bei dem die kompositorischen Details stets in die Waagschale einer großen Form geworfen wurden, konnten seine Nachfolger aufbauen, auch wenn sie die Radikalität des musikalischen Verständnisses wieder in natürlichere Bahnen gelenkt haben. Und mit Valery Gergiev, seit 2015 im Amt, wird künftig wohl die russische Musik einen Schwerpunkt im Repertoire des Orchesters bilden.

Dass sich die Weltklassekünstler beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks seit langem schon die Klinke in die Hand geben, ist bekannt. Seit einigen Jahren gastiert auch Sir Simon Rattle regelmäßig bei dem 1949 gegründeten und von Eugen Jochum aufgebauten Orchester. Mehr noch als die beiden anderen Isar-Anrainer widmet sich das Symphonieorchester neben dem breit angelegten klassisch-romantischen Repertoire, über die Musik von Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler und Schostakowitsch hinaus, der musikalischen Moderne und Avantgarde. Dass dem Klangkörper mit der musica viva eine Konzertreihe zeitgenössischer Musik assoziiert ist, ist ein leuchtendes Alleinstellungsmerkmal unter den renommierten Weltklasseorchestern. Und man kann es nur als folgerichtig ansehen, wenn jetzt Daniel Harding als Gast am Pult des Orchesters das Musikfest Berlin mit Wolfgang Rihms abendfüllendem und monumentalem Poème dansé „Tutuguri“ konzertant eröffnet. Die Aufführung eines solchen, das Publikum packenden Werkes setzt ein esprit de corps voraus, der auch physisch erlebbar werden muss. In den dreizehn Jahren unter der künstlerischen Leitung von Mariss Jansons ist das Symphonieorchester zu einer verschworenen Klanggemeinschaft geworden: „Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks“, so der Maestro in einem kürzlich erschienenen Interview, „ist nicht nur brillant – es hat keinerlei Schwächen. Die Musiker sind ungeheuer enthusiastisch und spontan, sie spielen jedes Konzert so, als wäre es ihr letztes. Sie geben alles, mehr als 100 Prozent. Für mich als Dirigent ist es so, als würde ich einen Rolls-Royce fahren. Dieses Orchester kann einfach alles.“

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnet das Musikfest Berlin 2016 am 3. September mit der Aufführung von Wolfgang Rihms „Tutuguri“.

Die Münchner Philharmoniker spielen am 6. September 2016 Werke von Ustwolskaja und Schostakowitsch.

Das Bayerische Staatsorchester spielt am 14. September 2016 Werke von Ligeti, Bartók und Strauss.