Zum ersten Mal erklingt die grandiose Musik Bernhard Langs in voller Länge in den Gängen des historischen Theaterhauses an der Wien und vermischt sich mit den sachlichen Bildwelten Jonathan Meeses zu einer endgültigen Vision einer zukünftigen Oper. Man darf sagen, dass Richard Wagner endlich wieder beruhigt erwachen kann.

Stellen wir uns vor: Er steigt, etwas steif, aus seiner Gruft, im Garten der Villa Wahnfried, nur wenige hundert Kilometer nördlich von Wien und streicht durch die kleinen Bayreuther Gassen, die so gerne die Welt bedeuten würden, um sie endlich vom Dreck der letzten Jahrzehnte mit einem dicken Besen befreien zu dürfen. Frische Luft pumpt in seine Lungen! Hier gilt’s der Kunst, schreit er lauthals!

Doch wo waren wir eigentlich stehen geblieben … ach ja, genau, bei der Hauptprobe im Wien einer zukünftigen Zeitrechnung. Doch Fragen bleiben offen: Die etwa 400 Blumenmädchen des 2. Aktes sind etwas zu viel Schwarm und erinnern an Speer und Riefenstahl, das ist hier in Österreich nicht gewünscht, denn damit hatte man schon all die Jahre vorher und währenddessen nichts zu tun. So muss die Zahl der Chormädchen noch blitzschnell reduziert werden, sonst wird auch das Gedränge auf der Bühne, in den Gängen und besonders in der unterirdischen Kantine des Theaters an der Wien zu dicht, zu massiv, nicht mehr kontrollierbar. Und Kontrolle sollte sein, denn wo kämen wir hin, wenn niemand mehr irgendetwas kontrollieren würde. Nur schade um die etlichen Arbeitsstunden in den indischen Nähereien auf der anderen Seite der Erdkugel, wo sich mehrere Kinder die Hände wund nähten an den komplizierten Röcken und Oberteilen der Kostüme … Schwund muss sein, denn keine Anstrengung ist zu groß, das zu verteidigen, was wir lieben! Und ist das Stück nicht zu wenig performativ und zu viel Oper? All die Sänger, all die große orchestrale Musik, all die Choristen … Werden die Kritiker nicht enttäuscht sein, die doch eine Performance erwarten. Diese Erwartung ist doch auch ihr gutes Recht, denn Meese ist beteiligt und das Ergebnis sollte doch so sein, wie man es erwartet. Bitte keine Neuerungen, bitte keine plötzlichen Kurven, denn wenn man nicht mehr schreiben kann, was man einfach denkt und keine Bestätigung der Realität mehr erfordert, sondern einfach nur die eigene Erwartung bestätigt, dann ist doch alles für die Katz. Und wenn man diese Meinung vorab nicht mehr scheinbar fundiert (aufgrund von Bildung, Geschmack und evtl. ein klein wenig Erfahrung) äußern kann, dann ist das doch nunmal wirklich blöde. Dann steht man doch hinterher da wie ein Depp. Eine Schande. Da zieht man sich extra ordentlich, stocksteif und radikal traditionell, sagen wir einmal, billige Loden an und schreibt fundiert über Kirche, Religion und Kunst und meinetwegen auch noch über Brahms (etwas wirklich Abwegiges, nur um Spezialistentum auf Stehpartys zu heucheln), um dann doch wieder nur eine kleine Vision zu haben, die auf nichts mehr basiert als auf Geschmack. So fällt man später kläglichst auf die Fresse, oder man hat Glück und fällt nicht direkt darauf, sondern auf seinen Zucht-Teckel, der nebenher watschelt, beim morgendlichen Spaziergang durch die kleinen Vorstadtwälder, in der Hoffnung endlich einmal einen Hirsch und nicht immer nur Ratten zu erlegen …

Doch schnell eine weitere Frage: Kommt die Kanzlerin wirklich zur Premiere, so wie seit diesem Montag angekündigt? Denn auch sie will fort vom ewig Gleichen, auch sie will endlich mal genießen, nicht immer nur repräsentieren!

Der Außenminister war ja schon da, vorgestern, und der Regieassistent erzählte mir, er habe tatsächlich old Wummi Wagner (den alten Wolf Siegfried) in der Kantine getroffen, braun gebrannt, sehr betrunken, aber er soll es gewesen sein.

Beethoven streicht taub durch die Gänge. Verbittert. Sein gutes Recht, denn es war eine andere Zeit, damals …

„MONDPARSIFAL ALPHA 1–8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)“ von Jonathan Meese, Bernhard Lang und Simone Young ist am 4., 6. und 8. Juni 2017 bei den Wiener Festwochen zu sehen.

Am 15., 16. und 18. Oktober 2017 ist „MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM DER AUSZOG, DEN “WAGNERIANERN DES GRAUENS” DAS “GEILSTGRUSELN” ZU ERZLEHREN)“ im Rahmen des Programms Immersion im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.