Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

Annie Dorsen: „Yesterday Tomorrow“ © Maria Baranova

Wie sind sie dazu gekommen, Algorithmen in Ihren Werken zu verwenden?

Ich komme aus dem Theater. Zuerst habe ich nicht mit Algorithmen, sondern mit Chatboxen gearbeitet. Für „Hello Hi There“ habe ich mit dieser Debatte zwischen Foucault und Chomsky aus den frühen 70ern gearbeitet. Diese natürliche Sprachprogrammierung ist eine alte Form künstlicher Intelligenz. Ich wollte gucken, ob es mir gelingt, ein Stück zu schaffen, das wie Theater aussieht, sich wie Theater anfühlt, aber ohne menschliche Beteiligung. Dafür habe ich Chatboxen geschaffen, die abwechselnd Sprache produzieren. Es ist live, aber trotzdem jedes Mal anders, es ist also nicht wie ein Film, den man beliebig zurückspulen könnte. Außerdem gibt es diesen Bruch zwischen Sprache und Bewusstsein. Wenn eine Person spricht, gibt es normalerweise einen Zusammenhang zwischen ihren Gedanken und dem, was sie sagt. Chatboxen hingegen denken nicht, sie erzeugen nur Sprache. Das ist sehr spannend, da das Publikum sich ja viele Gedanken macht, aber die Hauptdarsteller, die Chatboxen, komplett ohne Hintergrundgedanken sprechen. Aus dramaturgischer Sicht war für mich interessant, dass sich Chatboxen nicht ändern, da sie nur zum „Statements produzieren“ programmiert worden sind. Anders als ein Gespräch zwischen zwei Menschen kann sich ein Gespräch zwischen zwei Chatboxen nicht wirklich weiter entwickeln. Menschen sind dazu fähig, irgendwann zu einem Fazit zu kommen, bei Chatboxen gibt es immer nur „Output, Output, Output“.
Während das Stück entstanden ist, wurde es immer konkreter, ich habe mehr übers Programmieren gelernt und verstanden, dass es vor allen Dingen der Algorithmus und nicht die künstliche Intelligenz ist, die mich interessiert, denn schließlich ist der Algorithmus entscheidend für das Stück. Ein Algorithmus ist eine Abfolge von Anweisungen, denen der Computer dann selbstständig folgt. Die Instruktionen sind die „action“ des Algorithmus. So funktioniert auch Theater, denn im Theater dreht sich alles um „action“. Wenn ein Algorithmus „actions“ schaffen kann, so kann ein Algorithmus auch ein Schauspieler sein. So suchte ich nach früher Computerkunst, nach Musik, die von Algorithmen erzeugt wurde, und wollte diese Techniken auf das Theater anwenden und schauen, was passiert. Das erste Stück war dieses Chatboxstück, danach entstand eine Version von „Hamlet“, bei der sprachbasierte Algorithmen aus dem Original einen komplett neuen Text erzeugt haben. „Yesterday Tomorrow“ ist nun ein Musikstück, aber ich würde sagen, dass es gleichzeitig auch Theater ist.

In „A Piece of Work“ haben Sie „Hamlet“ verwendet, in „Yesterday Tomorrow“ verwenden Sie nun moderne Popsongs, nämlich „Yesterday“ von den Beatles und „Tomorrow“ aus dem Musical „Annie“. Warum lassen Sie über diese allgemein bekannten Werke Ihren Algorithmus laufen?

Wenn ich über einen Algorithmus spreche, spreche ich über drei Dinge. Erstens über den Algorithmus selber, also die Anweisungen. Dann braucht der Algorithmus Daten, mit denen er arbeiten kann, und schließlich baucht ein Algorithmus noch eine Schnittstelle, der er die Ausgabe mitteilt, also das Publikum. Hamlet und die Popsongs dienen als Daten, mit denen der Algorithmus arbeiten kann. Natürlich kann man irgendeinen Datensatz verwenden. Mich hat allerdings die Beziehung zwischen dem Algorithmus und diesen berühmten Werken interessiert; wie die Zuschauer reagieren, wenn ein ihnen bekanntes Stück, das ihnen vielleicht auch etwas bedeutet, so verändert wird. Man versteht ansatzweise, was der Algorithmus da macht, und man hat auch den Anspruch, eine neue Version des Originals zu sehen. Gleichzeitig erscheint dann auch das Original in einem ganz anderen Licht. Für mich gibt es auch immer eine Beziehung zwischen dem Algorithmus und den Daten, die ich zusammenbringe. „Hamlet“ hat diese unglaublich schöne und wortreiche Sprache. Shakespeares Theaterstück ist einer der meistanalysierten und meistdiskutierten englischen Texte, da er zahlreiche Bedeutungen hat. Diesen für die englische Sprache geradezu heiligen Text zu verwenden war für mich ein ikonoklastischer Schritt. Der Algorithmus zerstückelt den Text in einer Weise, die nicht viel Sinn macht, doch die Sprache ist so reich, dass das, was ausgegeben wird, immer noch wunderschön ist. Ähnlich verläuft es mit den superbekannten Melodien in „Yesterday Tomorrow“. „Yesterday“ ist dieser sentimentale, nostalgische Song, wohingegen „Tomorrow“ wahrhaft optimistisch ist. Wenn man sie auseinandernimmt, tauchen immer noch Kostproben des Originals auf, die allerdings komplett verändert wurden.

Wie entstehen ihre Algorithmen? Benutzen Sie einen schon existierenden Code oder programmieren Sie selbst?

Ja, wir schreiben all unsere Algorithmen selber. Ich programmiere nicht selber, dafür arbeite ich mit Programmierern zusammen; ich designe, was und wie der Code etwas machen soll. Für „A Piece of Work“ haben wir die sehr berühmte Markow-Kette und den N-Gramm Algorithmus verwendet und angepasst. Der „Yesterday Tomorrow“-Algorithmus wurde speziell für dieses Stück geschrieben.

In „A Piece of Work“ hatte ich eher den Eindruck, dass Menschen und nicht Maschinen miteinander sprechen würden. Wie sehen Sie Maschinen? Haben Maschinen Ihrer Meinung nach eine menschliche Seite?

Sie sind von uns programmiert worden. Ich vermenschliche sie nicht, aber sie können natürlich menschliche Züge annehmen, da sie von Menschen gebaut wurden. Die Logik, die hinter ihren Handlungen steht, wurde von Menschen erfunden und kann von ihnen manipuliert werden. Maschinen wurden entwickelt, um Menschen nützlich zu sein. Der Grund, warum Du vielleicht den Eindruck hattest, dass zwei Menschen miteinander sprechen, ist, dass es meine Absicht war, einen menschlichen Dialog zu schaffen. Der Sinn einer Chatbox ist in erster Linie, den Menschen glauben zu lassen, dass die Maschine denken könne oder intelligent wäre. Wenn die Illusion gut ist, fängt man an zu glauben, dass hinter den Worten der Chatbox Intelligenz, Wünsche und eine Person stehen könnten. Manchmal ist die Illusion nicht so gut, dann merkt das Publikum, dass es nur mit einem Stück Plastik zu tun hat. In „Hello Hi There“ mag ich, dass man, je nachdem wie gut die Illusion gerade ist, dazwischen schwankt, ob es sich hier um richtige Personen handelt oder doch nur um Maschinen.

Würden Sie sich wünschen, dass es eines Tages kreative Maschinen geben wird?

Ich weiß nicht, ob ich mir bezüglich dessen wirklich etwas wünschen würde. Mein Wunsch ist eher, dass nicht nur IT-Experten verstehen, wie diese Sachen funktionieren. Menschen, die einen Computer benutzen, sollten verstehen können, was sie da machen. Wenn man den Fokus auf das Logische legt, können Computer schon kreativ sein. Aber Du musst wissen, was du unter Kreativität verstehst.

Was ist Kreativität für Sie?

Das ist ein vielseitiger Begriff, der eine Menge bedeutet. Mögliche Antworten sind, dass Kreativität ist, eine neue Idee zu haben, die noch nie jemand hatte. Ein Beispiel ist Einstein. Nachdem er seine Relativitätstheorie geäußert hatte, war nichts mehr wie zuvor. Dann gibt es die Art von Kreativität, die jeder Mensch jeden Tag verwendet: sprechen, sich morgens anziehen, Essen vorbereiten. All diese Handlungen benutzen menschliche kreative Kapazitäten. Zwischen einer brandneuen Idee und der Handlung, eine Tasse Kaffee zu machen, gibt es ein breites Feld, auf dem die meistens von uns sich bewegen. Wir sind kreativ zu mehr in der Lage als nur eine Tasse Kaffee zuzubereiten, aber wir sind deutlich weniger kreativ als Darwin. Computer bewegen sich vielleicht auch zwischen diesen beiden Punkten. Eine Form der Kreativität, in der Computer ziemlich gut sind, ist, unfassbar große Datenmengen auf sehr unterschiedliche Weise zu kombinieren.

Glauben Sie, dass Computer eines Tages auch komplett neue Ideen entwickeln können?

Dann musst Du wissen, was Du mit neuer Idee meinst. Neue Idee, im Sinne von einer weltbewegenden neuen Idee …

Dass Maschinen auch irgendwann in der Lage sein werden, selbstständig Daten zu erzeugen.

Möglicherweise. Bisher noch nicht. Viele IT-Spezialisten glauben, dass wir kurz davor stehen, viele denken das nicht. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit, dass wir nicht wissen, ob es einen Moment der Singularität gibt, in dem die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz ablösen wird und Computer zum eigenständigen, komplexen Programmieren in der Lage sein werden. Aber ich denke, dass von Computern ständig neue Ideen ausgehen, schon allein wenn man die kombinatorische Kreativität betrachtet. Es gibt zum Beispiel eine Spalte A und eine Spalte B, und der Computer geht jede mögliche Kombination durch. Menschen könnten das auch machen, aber wenn die Spalten lang sind und man noch weitere if-then-Bedingungen hinzufügt, wird es schnell zu komplex für Menschen. In diesem Sinne kann man sagen, dass alle Probleme, die ein Computer leicht lösen kann, die für Menschen aber zu komplex sind, Computer-Kreativität sind. Dann gibt es aber auch die Art von Problemen, die Computer schwierig, Menschen aber leicht finden. „Hamlet“ zu interpretieren beispielsweise. Das kann nur menschliche Kreativität. Es ist nicht die leichteste Aufgabe, aber wir können es gut schaffen. Für Computer ist es hingegen unmöglich, „Hamlet“ zu interpretieren, da sie mit idiomatischen Ausdrücken, Emotionen, Humor und Nuancen nicht umgehen können. In diesen Punkten sind Menschen fantastisch.

Annie Dorsens „Yesterday Tomorrow“ ist zweimal am 12. März 2016 im Rahmen eines Themenschwerpunkts über algorithmische Komposition bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 zu hören.