Lee Bul, eine der bedeutendsten koreanischen Künstler*innen ihrer Generation, hat für ihr formal erfinderisches und intellektuell provokantes Werk große internationale Anerkennung erfahren. Vom 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 zeigt der Gropius Bau mit Crash ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Die umfassende Werkschau ist die erste von Stephanie Rosenthal kuratierte Ausstellung als neue Direktorin des Gropius Bau.

Ausstellungsansicht Lee Bul: Crash, Gropius Bau, 2018 Foto: Mathias Völzke

Ausstellungsansicht Lee Bul: Crash, Gropius Bau, 2018 Foto: Mathias Völzke

STEPHANIE ROSENTHAL: Ich würde unser Gespräch gern mit den Themen beginnen, die aktuell für deine Arbeit relevant sind, und Bezüge zu deiner Kindheit, Jugend und deinen frühen Arbeiten ansprechen. Sprechen wir doch zunächst über dein Interesse daran, Dinge nach außen zu wenden – und so zu zeigen, was normalerweise verborgen bleibt.

LEE BUL: Das Außen, die äußere Welt, die mich umgibt, die Umgebung, die ein Teil von mir ist, wurde für mich wahrscheinlich zu der Zeit interessant, als ich ein Bewusstsein von mir selbst zu entwickeln begann. Nicht als „Ich gegen die Welt“, sondern eher als „Ich und die Welt“ oder „Ich in der Welt“. Das war der Ausgangspunkt meiner Fragen und Interessen. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass meine Familie, als ich klein war, ständig umzog. Ich fand mich häufig unter fremden Leuten wieder und wurde ständig an die Tatsache erinnert, dass sich mein Leben von dem anderer Menschen unterschied. Aus diesem Grund habe ich ein gewisses Distanzgefühl entwickelt. Die Welt da draußen hatte einen spürbaren Einfluss auf mich, aber ich konnte sie nicht wirklich verstehen, und das, obwohl ich versuchte, einen Sinn in ihr zu erkennen.

Die Probleme in der Welt „da draußen“, beziehen sich diese vor allem auf politische und ethische Aspekte?

Ja, auf politische und ethische Aspekte. Ich wuchs in einer Militärdiktatur auf. Meine Eltern waren gegen diese Ideologie, und so wurde meine Familie von der Regierung beobachtet. Egal, wo wir hinzogen, sie schickten tatsächlich jeden Monat einen Polizisten zu uns nach Hause und ließen bei uns Durchsuchungen durchführen, um zu überprüfen, ob wir verbotene Bücher besaßen. Später wurde mir klar, wie sehr es mich geprägt hat, bei links orientierten Eltern in einem Land aufzuwachsen, das damals linke Ideen nicht billigte. Außerdem habe ich einen ausgefallenen Namen, über den sich andere Kinder lustig machten. Ich war Linkshänderin und immer die Neue, eine Fremde. Ich musste mich an das Ungewohnte, Fremde gewöhnen. Diese Umstände, denen ich ausgesetzt war, waren politischen und ethischen Beweggründen geschuldet. Diese Realitäten durchdrangen mein Leben: Ich war eine Außenseiterin, außen vor, nicht integriert, und trotzdem ein Teil all dessen.

Fiel es dir damals schwer, deine Lebensrealität zu verstehen?

Ich habe die Realität wahrscheinlich nicht infrage gestellt. Ich wurde in eine bestimmte Umgebung hineingesetzt und konnte nichts anderes tun, als zu versuchen, darin zu überleben. Die Bedingungen waren vorgegeben. Aber da mir die Welt widersprüchlich erschien und mir nicht erklärt wurde, investierte ich viel Zeit und Mühen, aus ihr schlau zu werden.

Von den 1960er-Jahren bis in die 1980er herrschte in Südkorea eine Diktatur, die einer starken ideologischen Kontrolle unterlag. Es war nicht möglich, das Land zu verlassen. Personen, die politisch aktiv waren, durften nicht arbeiten, kein Geschäft aufbauen – einfach nur, weil sie andere politische Ansichten vertraten. Meine Mutter war Aktivistin und wir zogen mindestens einmal im Jahr um. Ich erinnere mich noch, dass meine Familie in eine Art Militärdorf zog, als ich etwa elf Jahre alt war. Es war sehr schwer, an einem solchen Ort ganz ohne Kultur zu überleben. Die Siedlung existierte erst seit etwa zwei Jahren und unser Haus fühlte sich beinahe so an, als stünde es auf der Straße: Es gab keine Umzäunung und keinen Garten. Es gab nur ein Zimmer – sehr hässlich. Das war die Umgebung, in der ich aufwuchs. Meine Fragen gingen immer von der Realität aus, aber es war unmöglich, „reale“, tatsächliche Antworten zu finden, und so wurden einige meiner Fragen konzeptueller. Ich denke, das war bereits eine Art Ausbildung.

Im Sinne des Erforschens der eigenen Vergangenheit?

Nein. Ich lernte, mit Widersprüchen zu leben, die Ungereimtheiten zu überleben.

Lange Zeit habe ich gar nicht versucht, mich an meine Kindheit zu erinnern. Das geschah erst, als ich vierzig wurde. Die meisten meiner Kindheitserinnerungen beziehen sich auf Landschaften, aber nicht nur auf Natur – es gab da etwa einen Bunker, einen Vorfall, Staub, ein paar Nachbarn… Ich zeichnete das alles und es sah aus wie eine Karte. Ich merkte, dass meine Interessen stark mit meiner Kindheit und daher mit den 1960er- und 1970er-Jahren verbunden waren, der Zeit der raschen Modernisierung Südkoreas. Mein Leben ist sehr eng mit dem Modernen verknüpft. Ich kartiere immer noch Dinge entsprechend meinen Erinnerungen. Meine Erinnerungen sind visuell.

Ausstellungsansicht Lee Bul: Crash, Gropius Bau, 2018 Foto: Mathias Völzke

Ausstellungsansicht Lee Bul: Crash, Gropius Bau, 2018 Foto: Mathias Völzke

Hast du Geschwister?

Ja, ich habe einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester. Für sie war ich eine Mutterfigur. Als meine Mutter ins Gefängnis kam, musste auch ich für die Familie sorgen. Damals war es politischen Dissidenten nicht erlaubt, sich in Gruppen von mehr als fünf Personen zu versammeln. Sie war mit Freunden unterwegs, und sie waren zufällig mehr als fünf Leute, also wurde sie verhaftet. Sie war 36 Monate lang im Gefängnis, ehe sie nach ihrer Gerichtsverhandlung freigelassen wurde.

Hat deine Mutter dich stark beeinflusst?

Meine Mutter war koreanischer und japanischer Abstammung. Sie schleuste sich als Teenagerin mit ein paar anderen Studierenden aus Japan nach Korea ein, um ihrem eigentlichen Heimatland zu dienen. Es war schwer für sie, das durchzuhalten. Aufgrund ihrer japanischen Wurzeln galt sie als schuldig, weshalb sie in keinem Betrieb Arbeit fand und auch nicht in einer Gruppe mit mehreren Leuten arbeiten konnte. Also verlegte sie sich auf eine Arbeit, die sie von zu Hause aus erledigen konnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie verzierte Taschen mit Perlen und strickte Kleider. Ich war ein kränkliches Kind und kann mich gut daran erinnern, wie ich die Perlen mit ihren leuchtenden Farben und die gestrickte Kleidung um mich herum beobachtete. Ich wuchs damit auf, Frauen beim Verrichten solcher Arbeiten zuzusehen. Halb im Scherz sage ich oft, dass ich mein Gefühl für Farben und Texturen dieser Zeit verdanke. Wegen dieser Erinnerungen verwende ich Perlen in meinen Arbeiten. Menschen halten sie allzu schnell für Verzierung oder Luxusgüter. Für mich stehen sie für harte Arbeit.

Also waren Materialien in gewisser Weise immer wichtig für dich?

Ich wähle sehr sorgfältig aus, womit ich arbeite. Jedes Material hat Konnotationen und Geschichten, und die mache ich mir zunutze. Ich leihe mir die allgemeine Bedeutung, die Materialien haben, und baue sie in meine Arbeiten ein. Oftmals haben Dinge widersprüchliche Bedeutungen oder Bedeutungsebenen. Seide und Haare etwa, oder die Art und Weise, wie Perlmutt entsteht. Ich möchte das offenlegen, oder den Konflikt und die Konfrontation zeigen. Dabei bevorzuge ich komplexe Materialien gegenüber einfachen. Ich lasse sie in meinen Arbeiten aneinandergeraten oder in einen Kontrast treten.

Beispielsweise habe ich mit Leder, Silikon und Polyurethan gearbeitet. Sie weisen Ähnlichkeit zur Beschaffenheit der Haut auf. Meine Wahl fiel außerdem auf Samt, Seide und Perlmutt, weil sie mich an Organismen erinnern. Samt wurde zunächst hergestellt, um ihn statt Haar oder Pelz zu verwenden. Aber er wird mit Seide gemacht, und Seide entsteht wiederum aus den Absonderungen der Seidenraupen – sie kommt also von innen. Und Perlmutt sieht vielleicht wie eine harte Schale aus, es handelt sich dabei aber in Wirklichkeit um ein Organ, um das Innere eines Schalentiers. Es entsteht, wenn ein Schalenfisch eine Wunde heilen möchte. Mich interessieren diese Materialien, die von einem Organismus oder aus dem Inneren kommen.

Meine Umgebung am Stadtrand war staubig und grau. Sie war sehr brutal – typisch für die Modernisierung. Lauter Armeefamilien, alle zogen ständig um, waren ohne Wurzeln oder Heimatstadt. Und es gab viele Fabriken. Das war ein großer Kontrast zu den leuchtenden Perlenarbeiten meiner Mutter. Vielleicht ist das der Grund, warum ich Dinge miteinander vermische – konzeptuell und materiell.

 

Das ganze Interview zwischen Lee Bul und Stephanie Rosenthal – illustriert von Alison Sampson – findet sich in dem Katalog Lee Bul, der anlässlich der Ausstellung im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint.