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Liebe Freund*innen des Theatertreffens, liebes Publikum, liebe Partner*innen und Förderer, liebe Künstler*innen, liebe Theatertreffen-Jury, liebe Menschen da draußen im virtuellen Raum!

Dass sich das Theatertreffen in seiner 57-jährigen Geschichte innerhalb von sechs Wochen nochmals in so radikaler Konsequenz neu erfinden musste, hätte Ende Januar bei der Juryverkündung der 10er Auswahl niemand für möglich gehalten. Hätte doch eigentlich die Auswahl mit sechs Regisseurinnen und fünf Festivalnewcomer*innen diese erste Ausgabe mit Frauenquote prägen sollen. Statt Fragen nach der Geschlechtergerechtigkeit im Theaterbetrieb beschäftigen uns seit Mitte März nun persönlich wie im künstlerischen Kontext die Themen rund um das Coronavirus: Physical Distancing, Absagen, Schließungen, Existenznot von Künstler*innen. Und vor allem die Frage nach der sogenannten Systemrelevanz.

In „Chinchilla Arschloch waswas“ von Helgard Haug heißt es an einer Stelle:

„Wir haben einen Plan, es gibt Verabredungen: Diese beinhalten, dass auch alles anders werden kann.“

Dieses Zitat ist zum Sinnbild für das Theatertreffen 2020 geworden.

Ja, wir hatten einen Plan: Mein Team und ich haben ein Jahr lang ein Theatertreffen im analogen Raum vorbereitet und wir hatten sehr viele Verabredungen – mit Künstler*innen und Expert*innen – auch international, mit Bühnen und Gruppen, mit Theaterhäusern in Berlin, mit Ihnen und mit uns selbst. Dass diese Verabredungen auch beinhalten, dass alles anders werden kann, mussten wir seit der Notwendigkeit der Absage des analogen Festivals jeden Tag neu lernen. Wir haben Alternativen umstritten diskutiert. Was tun? In den Herbst oder Winter verlegen – kam nicht in Frage, da das Festspielhaus saniert wird.

Und so haben wir uns entschieden, das Theatertreffen nicht gänzlich ausfallen zu lassen, sondern diese Ausgabe in den virtuellen Raum zu holen.

Wir möchten mit dem virtuellen Theatertreffen 2020 ein Zeichen setzen – für die Künste und für die Kultur. Gerade jetzt betonen wir: Das Theater, alle Künste, die kulturellen Institutionen genauso wie die freien Strukturen sind unverzichtbar für unsere Gesellschaft!

Zunehmender Druck von rechts, Gefährdung der Demokratien, Verleugnung der Klimakrise, irrsinnige Verschwörungstheorien zur Verbreitung des Virus: Wir spüren doch gerade in diesen Zeiten, dass das Theater demokratie- und systemrelevante Arbeit leistet und ein notwendiges Regulativ für unsere Gesellschaft ist.

Liebe Politik! Denkt bitte an die Künste! Wir sind da, wir sind systemrelevant – auch im virtuellen Raum.

Vom 1.– 9. Mai zeigen wir die Inszenierungen der 10erAuswahl, die sich dafür künstlerisch wie technisch eignen, als Angebote on Demand: Auf der Plattform „Berliner Festspiele on Demand“ und auch bei nachtkritik.de.

Im Bewusstsein, dass wir unser Medium in einen Raum verlegen, für das es nicht entwickelt wurde.
Im Bewusstsein, keinen Ersatz für zwischenmenschliche Begegnungen, für reale Teilhabe und physische Anwesenheit zu schaffen.
In der Hoffnung, dass Sie alle auch finden, die Inszenierungen live in Berlin zu sehen wäre noch schöner gewesen.

Vielleicht ist das Theater in unserer sowieso digitalisierten Zeit einer der wenigen Orte, wo wir Menschen noch hautnah erleben können.
Das geht nun auch noch in der unfreiwilligen Isolation verloren.

Wir möchten diese Special Edition des Theatertreffens als Fallbeispiel und Experiment nutzen, um zu überprüfen, was genau uns verloren geht, aber auch: was wir möglicherweise gewinnen können.

Die Welt wird nach Corona nicht dieselbe sein wie zuvor.
Es liegt an uns Theatermacher*innen, der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft, diesen globalen Transformationsprozess, ausgelöst durch die Krise, mit unseren künstlerischen Möglichkeiten zu reflektieren.
Welche Potenziale setzt eine so umfassende globale Krise frei?
Welche sozialen Klüfte verstärkt oder erschafft sie?
Wer profitiert? Wer verliert? Wo verbindet uns die Krise? Und wo trennt sie?
Wie wird und wie soll die Theaterlandschaft nach Corona aussehen?
Woran müssen und wollen wir arbeiten?

Ich danke unseren langjährigen und auch neuen Förderern und Partner*innen für die Unterstützung, Solidarität und Flexibilität.

Liebe Hortensia Völckers, liebe Kisten Haß – herzlichen Dank für die verlässliche Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes.

Liebe Kolleg*innen von 3sat – Natalie Müller-Elmau, Meike Klingenberg, Mieke Schüller und Wolfgang Horn – Danke dafür und dass Sie es geschafft haben, kurz vor dem Shutdown mit noch eine der drei geplanten Inszenierungen in der Reihe „Starke Stücke“ aufzuzeichnen.

Dank Julia Hanske und dem Goethe-Institut für die kurzfristige englische Untertitelung.

nachtkritik.de hat wie gewohnt über Nacht nach dem Shutdown als erste Plattform einen digitalen Spielplan entworfen, das Theatertreffen ist Teil dieses Spielplans. Ganz besonderen Dank auch an nachtkritik.de für die erstmalige Kooperation im diesem Umfang.

Online Spielpläne, Netz-Formate, digitale Ästhetiken und Technologien: Was für uns Festivals und Bühnen seit den Schließungen nun zum neuen Arbeitsalltag geworden ist, gehört schon lange zur Goldware der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Danke für die inspirierende Kooperation beim Schwerpunkt „UnBoxing Stages“.

Liebe Jury, danke für eure Arbeit! Ich hoffe inständig, dass ihr auch für das Theatertreffen 2021 wieder Hunderte Inszenierungen sichten könnt und dass die Theater nur so lange geschlossen sind, bis sich die Welt da draußen weniger dramatisch anfühlt.

Ich danke ausdrücklich meinem Intendanten Thomas Oberender und allen meinen Kolleg*innen der Berliner Festspiele und vor allem meinem großartigen Theatertreffen-Team, das in sechs Wochen aus dem HomeOffice mit HomeKita ein komplett neues Festival erfunden hat.

Wir werden uns beim Theatertreffen 2021 daran erinnern, wie es war, als wir beim Theatertreffen 2020 eine digitale Quote von 100 Prozent ausprobiert haben.

Aber vor allem werden wir uns hoffentlich abends eng gedrängt an der Bar treffen und darüber nachdenken, wie wir durch diese unwirkliche Zeit gekommen sind und fragen: Wann habe ich mir eigentlich zum letzten Mal die Hände gewaschen?

Um noch mal auf „Chinchilla Arschloch, was was“ zurückzukommen. Diese Verabredung gilt, das ist unser Plan für die Zukunft!

Bis dahin: Das virtuelle Theatertreffen 2020 ist eröffnet!

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Taking a Stand
Opening speech for the virtual Theatertreffen
By Yvonne Büdenhölzer

Dear friends of the Theatertreffen, dear audience, dear partners and sponsors, dear artists, dear Theatertreffen-jury, dear people out there in there in virtual space!

When our jury announced this year’s selection of 10 productions in late January, no one would have dreamed that the Theatertreffen, with its 57-year-long history, would have to reinvent itself so radically within the space of six weeks. Because we thought that this first edition of the festival to implement a female quota was going to be distinguished by its selection of six female directors and five newcomers. But since mid-March, rather than dealing with issues of gender equality in the theatre, both our personal and artistic circumstances forced us to consider topics dictated by the coronavirus: physical distancing, cancellations, closures, the economic deprivation of artists. And, above all, the question of so-called systemic relevance.

In Helgard Haug’s “Chinchilla Arsehole eyey”, one of the protagonists says:

“We have a plan, there are arrangements in place: They include the possibility that everything might turn out completely different.”

This quote has become an allegory for the 2020 Theatertreffen.

Yes, we had a plan: My team and I had spent a year preparing an analogue Theatertreffen and making plenty of arrangements – with artists and experts, both national and international, with theatres and companies, with theatres in Berlin, with you and with ourselves, too. The fact that these arrangements include the possibility that everything might turn out completely different is something that we have learned anew every day since it became necessary to cancel the analogue festival. We had heated discussions about alternative solutions. What was to be done? Postpone the Theatertreffen to the autumn or winter? Impossible, because the Festspielhaus is going to be renovated.

Finally, we decided not to cancel the Theatertreffen entirely but to relocate this edition to the virtual sphere.

With this 2020 virtual Theatertreffen, we want to take a stand – for the arts and for culture. Now is the time to say: The theatre and all the arts, both the cultural institutions and the independent structures are essential to our society!

Increasing pressure from the right, threats to our democracies, denial of the climate crisis, insane conspiracy theories about the spread of the coronavirus: These are the times when we feel more acutely than before how relevant the theatre is for our democracy and our system, and that it is a necessary counterbalance for our society.

I appeal to our politicians! Please remember the arts! We are here, we are relevant to the system – also in the digital sphere.

From 1–9 May, we will present online viewing options for those productions from our selection of 10 that lend themselves to streaming, both from the artistic and technological perspective. These options will be available on our new channel “Berliner Festspiele on Demand” and on nachtkritik.de

In the knowledge that we are relocating our medium into a sphere that it was not created for.
In the knowledge that we cannot compensate for human encounters, actual participation and physical presence.
In the hope that you will all feel that it would have been even better to see these productions live in Berlin.

In our already highly digitalised times, the theatre may be one of the few places where we can experience other people at close range.
And this is something else that we are losing in this involuntary isolation.

We would like to use this special edition of the festival as a case example and experiment to find out what exactly we are losing, but also: What we may in fact be able to gain.

The world will no longer be the same once the corona-crisis has passed.
It is our job as theatre makers to use our artistic potential to communicate the global transformation processes unleashed by the crisis to the politicians, the economic sector, to society as a whole.
Which potential may be released by such an all-encompassing global crisis?
Which social divides does this crisis create or aggravate?
Who will profit? Who will lose? Where does the crisis unite us? And where do we become divided?
What will the theatre scene be like after the coronavirus? What do we want it to be?
What will we have to work on? And what will we want to work on?

I would like to thank both our long-standing and our new sponsors and partners for their support, solidarity and flexibility.

Dear Hortensia Völckers, dear Kirsten Haß – thank you very much for the Federal Cultural Foundation’s reliable funding.

Dear colleagues at 3sat – Natalie Müller-Elmau, Meike Klingenberg, Mieke Schüller and Wolfgang Horn – thank you for agreeing and managing to record “Hamlet”, one of the productions planned for your series “Starke Stücke”, just before the shutdown.

Thank you to Julia Hanske and the Goethe-Institut for providing English surtitles at such short notice.

nachtkritik.de was the first platform to create a digital repertoire overnight following the shutdown; the Theatertreffen is part of this repertoire. A very special thank-you to nachtkritik.de for cooperating with us to this extent for the first time.

Online repertoires, internet formats, digital aesthetics and technologies: These issues have become new aspects of the everyday work of theatres and festivals, but they have long been core issues of the Academy for Theatre and Digitality in Dortmund and the Initiative Digitale Dramaturgie. Thank you very much for your inspiring cooperation in our focus topic “UnBoxing Stages”.

Dear jury members, thank you for your work! I truly hope that you will be able to view hundreds of productions for the 2021 Theatertreffen and that the theatres will only remain closed until the world outside feels less dramatic.

I would like to express my special thanks to my director Thomas Oberender and all my colleagues at Berliner Festspiele and, above all, to my wonderful Theatertreffen-team. Despite working from home and running home day care centres for their kids, they have invented a completely new festival in only six weeks.

At the 2021 Theatertreffen, we will remember testing a digital quota of 100 percent in 2020.

But hopefully, will meet at night at the crowded bar and think about how we ever got through this unreal time. And we will ask ourselves: When was the last time I washed my hands?

To return to “Chinchilla Arsehole eyey” once again: This agreement is in place, this is our plan for the future!

Until then: I declare the virtual 2020 Theatertreffen open!

Das virtuelle Theatertreffen findet vom 1.– 9. Mai 2020 statt. Die Aufzeichnungen der Inszenierungen sowie das Diskursprogramm TT Kontext mit „UnBoxing Stages – digitale Praxis im Theater“, eine Kooperation des Theatertreffens, der Akademie für Theater und Digitalität und der Initiative Digitale Dramaturgie, werden auf der Plattform Berliner Festspiele on Demand und auf auf nachtkritik.de gezeigt. /

The virtual Theatertreffen is taking place from 1– 9 May 2020. The recordings of the productions and the discourse programme TT Context with „UnBoxing Stages – Digitale Practice in the Theatre“, a cooperation of Theatertreffen, the Academy for Theatre and Digitality and Initiative Digitale Dramaturgie, will be shown on the plattform Berliner Festspiele on Demand and on nachtkritik.de.