Im Haus der Berliner Festspiele wird vom 8. bis 10. März 2019 der Palast der Republik symbolisch neu errichtet. Verbunden mit der kritischen Reflexion der ambivalenten Bedeutung dieses Gebäudes nimmt ein „Palast der Gegenerzählungen“ Gestalt an, der die Ereignisse der Wende- und Nachwendejahre neu betrachtet. Künstler*innen, Philosoph*innen, Aktivist*innen, Musiker*innen und Theaterleute bespielen das Haus und gehen gemeinsam auf eine dreitägige Reise.

 

Eine halbe Million Menschen demonstrieren auf dem Alexanderplatz. Am 4. November 1989. Was für eine Masse, was für eine Kraft! Sie wollen eine neue DDR. Ein anderes Land, jenseits von Mauer und Stasi, von Repression und greiser Bevormundung durch das Politbüro. Knapp 30 Redner*innen, Prominenz aus dem Kulturbetrieb, Oppositionelle und Student*innen provozieren ein dröhnendes Wechselbad von Applaus und Pfeifkonzerten. Es dominiert das Gefühl von Aufbruch, Transparente mit Forderungen nach mehr Freiheit werden geschwenkt.

Ein Jahr später. Die Mauer ist längst offen. Die DDR gibt es nicht mehr. Die D-Mark ist eingeführt. Der Zwei-Plus-Vier-Vertrag hat die formale Besatzung durch die Alliierten beendet, die deutsch-deutsche Wiedervereinigung, von der letzten DDR-Volkskammer mit großer Mehrheit beschlossen, ist vollzogen. Und der Einigungsvertrag, mit dem die Vereinigung unter Federführung der bundesdeutschen Regierung als bloßer Beitritt der DDR zur Bundesrepublik festgeschrieben wurde, ist unterzeichnet. So kam zusammen, was zusammen gehörte, aber doch anders, als es viele im Osten dachten. Der Grund und Boden rund um den Ort, auf dem nur wenige Monate zuvor noch die Köpfe der Bürgerbewegungen von einer Alternative, einem Dritten Weg träumten, steht zum Verkauf. Viele der Anrainergebäude des Alexanderplatzes, sozialistischer Modernismus, von den – wie es so schön hieß – Werktätigen des Landes errichtet, wird noch in den ersten Monaten nach der Wende aus dem Staatsbesitz heraus verkauft oder in private Hände übertragen. Das gleiche Schicksal ereilt hunderttausende Wohnungen sowie die Gesamtheit der DDR-Betriebe und Kombinate. Millionen Menschen sind nun frei, aber arbeitslos. Gesamtdeutsche und staatliche Transferzahlungen kompensieren diese in der deutschen Geschichte beispiellose Privatisierung.

Aus heutiger Perspektive steht die Demonstration vom 4. November 1989 für eine kurze Periode der Hoffnung auf einen besseren Sozialismus oder zumindest eine Alternative zum Kapitalismus. Emanzipative Ideen wurden entwickelt in dieser Zeit, als die Bevölkerung der DDR in einem Akt der Selbstermächtigung sagte: „Wir sind das Volk!“, und sich Land und Politik aneignete. Insbesondere an den Runden Tischen wurde die Zukunft des Landes debattiert, über eine behutsame deutsch-deutsche Annäherung auf Augenhöhe. Ein Entwurf für eine neue Verfassung entstand, die vieles beinhalten sollte, was progressiv war und noch heute ist: Frauenrechte, Umweltfragen, Themen der Arbeit und des Wohnens. Gleichzeitig steht der Ort der Demonstrationen am Fuße des Fernsehturms und im Herzen der deutschen Hauptstadt für das Scheitern dieser ursprünglichen Hoffnungen: Kaum eine der Ideen des Runden Tisches wurde im Zuge der Einheit weiter verfolgt oder gar umgesetzt.

Auf der anderen Seite des Fernsehturms gelegen, spielte auch das Gebäude des Palastes der Republik eine bedeutende Rolle in den auf die Demonstrationen und den Sturz der Mauer folgenden politischen Prozessen. Hier hat die letzte und einzig frei gewählte Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik beschlossen. Hier versammelten sich im Mai 1990 Bürgerrechtler*innen im Protest gegen den 1. Staatsvertrag um einen vor dem Gebäude aufgestellten Runden Tisch – eine Kabeltrommel aus dem Kabelwerk Oberspree. Hier wurde, noch kurz vor dem Ende der DDR, im Inneren des Gebäudes Asbest identifiziert, woraufhin die Volkskammer ins ehemalige Staatsratsgebäude auswich. Ausgerechnet dieser Palast – einst Repräsentationsort der SED-Machtelite, aber auch architektonisches Experiment mit hochmodernem Theater und visionären Nutzungskonzepten – wird im Zuge seines Abrisses zu einem polarisierenden und bis heute emotional aufgeladenen Symbol für den revisionistischen städtebaulichen wie historischen Umgang mit dem widersprüchlichen Erbe der DDR.

Jean Baudrillard warnte bereits 1989 vor dem Narrativ eines Sieges des freiheitlichen Westens gegenüber dem Osten. Sibyllinisch schlug er stattdessen die Parabel einer wechselseitigen Krankheitsübertragung vor: „Virus gegen Virus […] Der auseinander gefallene destabilisierte Kommunismus wird in metabolischer Form in die Blutbahnen des Westens eindringen und ihn seinerseits destabilisieren. […] Im Gegenzug hängen wir ihnen unseren liberalen Virus an, […] unseren Medien- und Kommunikationszwang, einen Virus der die bürgerliche Gesellschaft zerstört.“ Vielleicht ist nun, 30 Jahre später, angesichts eines drohenden Zerfalls der EU, dem Gespenst des Nationalismus, dem Abweisen von Geflüchteten, angesichts von neuen Möglichkeiten der Überwachung, dem Abbau des Sozialstaates, der Privatisierung kommunalen Besitzes, von neoliberalen Arbeitsverhältnissen und Enklaven der Armut auch in einstmals reichen westlichen Zentren die Destabilisierungserfahrung angekommen? Während es 1989 allein um den Abbau Ost ging, steht heute auch das Selbstverständnis des Westens selbst zur Diskussion.

Inmitten dieses großen Überganges und ausgehend von der Zwischenzeit Oktober 1989 bis Oktober 1990 eröffnet das Palast-Festival ein „window of opportunity“ für Zukunftsvorstellungen jenseits vergangener und gegenwärtiger Polarisierungen.

Gleich einer Klammer werden am Anfang wie am Ende des „Palastes“ Verfassungsfragen thematisiert. Zunächst wird an die Runden Tische und an einen Verfassungsentwurf erinnert, der Anfang 1990 dort entstand; werden die Ideen der Bürgerrechtsbewegungen rekapituliert. Einige bekannte und weniger bekannte Seiten des Schwarzbuches der Wiedervereinigung werden aufgeschlagen und Aktivist*innen des Widerstands, zum Beispiel gegen Entscheidungen der Treuhand, erhalten eine Plattform. Künstlerische Interventionen und ein Paraparlament, das das Politische im Privaten, das Große im Kleinen, das Öffentliche im Klandestinen sucht, werden von Gesprächen mit Zeitzeug*innen, Künstler*innen und Theoretiker*innen begleitet. Die historischen Dritten Wege in der DDR, in Europa (Jugoslawien) und weltweit (die Blockfreien Staaten) werden rekapituliert und die utopischen Architekturen aufgespürt, die sich etwa im sozialistischen Modernismus zeigen. Das Koordinatensystem eines dekonstruierten Palastes und die versuchte Revision der Revision kulminiert schließlich in ein Parlament der Zukunft, das Elemente einer transnationalen Verfassung zusammenträgt und Gegenwartsallianzen bildet.

 

Sebastian Kaiser für das Kuratorium des Festivals „Palast der Republik“