Bernd Alois Zimmermanns Geburtstag jährt sich 2018 zum 100. Mal. Das Musikfest Berlin widmet sich seiner immer noch viel zu selten aufgeführten Musik in einer Reihe von Konzerten. Nach Werken wie die „Sinfonie in einem Satz“, „Stille und Umkehr“ und „Photoptosis“, die zu Beginn des Musikfest Berlin zu hören waren, spielen nun die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev Zimmermanns letztes Werk „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ am 7. September in der Berliner Philharmonie. Eine „ekklesiastische Aktion“ nannte Zimmermann seine Komposition. Texte aus dem Buch „Prediger“ des „Alten Testamants“ treffen auf die Rede des Großinquisitors aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. Der Bariton Georg Nigl und die beiden Schauspieler Josef Bierbichler und Michael Rotschopf sind die Solisten in dieser Aufführung.

Herr Zender, als junger Generalmusikdirektor in Kiel haben Sie Bernd Alois Zimmermann den Auftrag für das Werk erteilt, das den langen Titel trägt „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“. Bernd Alois Zimmermann hat die Partitur am 5. August 1970, fünf Tage vor seinem Freitod, beendet. Auch in dieser Musik scheint alles an ein Ende zu kommen. Im Rückblick ist es schwer, das alles zu trennen. Wie war Ihr Zugang zu dieser Musik?

Mir war schon während der Entstehungszeit klar, dass dieses Stück in seinem Schaffen von wesentlicher Bedeutung sein würde. Es gehört zu einem Ring von oratorialen Stücken. Darin kommt er immer wieder auf den Prediger aus dem „Alten Testament“ zurück, auf das Buch „Ecclesiasticus“, das auch „Kohelet“ oder „Prediger Salomo“ heißt. Es ist kein Zufall, dass die Ekklesiastische Aktion, wie das Werk im Untertitel heißt, den Schlusspunkt seines kompositorischen Daseins bildet.

Wussten Sie, woran er arbeitete?

Nein, ich wusste ungefähr, mit welchen Themen er sich beschäftigte, niemand hat jedoch ahnen können, wie er sie dann konkretisiert und verwirklicht hat. Vor allem aber darf man die privaten Hintergründe nicht mit dem Werk verwechseln. Der Hörer muss die Hintergründe nicht kennen. „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ ist der Abschluss eines großen, mehrdimensionalen Gesamtwerkes, in dem sich Text und Musik in ganz bestimmten Konstellationen begegnen. Ich erinnere nur an das „Requiem für einen jungen Dichter“, das er kurz vorher geschrieben hat. Darin findet bereits eine sehr starke Auseinandersetzung mit dem Wort statt. Er hat es ein „Lingual“ genannt. Aus diesem Holz ist auch diese letzte Kantate geschnitzt.

 

Bernd Alois Zimmermann, Foto: Schott Music/Hannes Kilian

 

Zimmermann verbindet die Bibeltexte aus dem Buch „Ecclesiasticus“ mit einer „Phantasie“ aus Dostojewskijs Roman „Die Brüder Karamasow“. Dort kommt Jesus im 16. Jahrhundert zurück auf die Erde, wo ihn der Großinquisitor in den Kerker wirft und ihm jedes Recht abspricht, sich in die Belange der Kirche einzumischen. Was für eine Situation entsteht aus der Berührung der beiden Texte, die Zimmermann dem Bassisten und zwei Sprechern überträgt?

Es ist eine Collage. Eine Collage heißt nicht, mehrere Texte zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Sie werden nebeneinander gestellt. Es sind zwei Texte, die sich voneinander abheben. Man muss nicht versuchen, zwischen Dostojewskij und dem biblischen Buch eine Kohärenz herzustellen. Wenn ich sie aufeinander setze, habe ich eher einen Widerspruch, als eine Harmonie. Insofern ist auch die Musik an den Stellen, an denen der Sprecher Dostojewskij zitiert, völlig anders als die Musik, die dem Prediger zugeordnet ist. Die des Predigers ist eine getragene, volltönende, sehr gut komponierte serielle Musik, ein völlig ungebrochener Ton. Den Dostojewskij-Sprecher umgibt eine ganz anders komponierte, zerfurchte Geräuschmusik. Sie ist karg, knapp und asketisch. Zimmermann konfrontiert hier zwei verschiedene Kompositionsstile.

Zugleich ist das Werk keine reine Hörmusik, es ist eine „Aktion“.

Man kann dieses Stück nicht ganz verstehen, wenn man es nur hört. Man muss es sehen, ihm beiwohnen wie einer Aktion. Die Bewegungen der Schauspieler, die Sprünge, die Schreie, die Armbewegungen sind essentiell. Sie sind so wichtig wie die Töne, die in der Partitur stehen. Zimmermann hat die Aktionen der Schauspieler rhythmisch notiert. Das zielt aber nicht auf den optischen Effekt. Es geht im Gegenteil darum, stumme Töne zu schreiben, es sind verdichtete Energiestöße.

Dieser Stummheit setzt Zimmermann ein groß besetztes Orchester entgegen. Es klingt aber über weite Strecken nicht üppig oder groß, sondern ausgesprochen asketisch. Wozu braucht er die vielen Musiker, die oft die schweigende Mehrheit bilden?

Es ist eine Potenz, die gezeigt wird. Diese Potenz sitzt mit versammelter Kraft da. In der Aufführung kann es sehr still werde. Aber manchmal schlägt das Orchester auch kräftig zu. Es gibt diese Extreme. Das Werk ist oft asketisch, aber nicht glanzlos. Zum Teil klingt es auch großartig, gerade in den Streicherpassagen und im Part des Sängers. Es ist eine starke Musik, die im Stil das fortsetzt, was im „Requiem“ oder in Werken wie der Kantate „Omnia tempus habent“ grundgelegt ist, wo der Text ja auch aus dem Buch Prediger Salomo gewählt ist.

War Bernd Alois Zimmermann, der fast alle eine Werke mit dem jesuitischen Wahlspruch O.A.M.D.G (Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes) versah, selbst ein Prediger?

Das war er nicht allein. Er hat ja selbst gesagt: „Ich bin eine Mischung aus Mönch und Dionysos“. Das trifft es genau.

Zum 100. Geburtstag des Rheinländers werden viele seiner Werke wiederentdeckt oder vielleicht erst entdeckt. Und das Publikum ist beeindruckt wie sonst nur selten in solchen Jubiläumsjahren.

Für mich ist es eine große Freude, dass man plötzlich die Dimensionen seiner Kunst versteht. Ich war mit Michael Gielen einer der ersten und wenigen, die vor seinem Tod versucht haben, seine Musik zu vermitteln. Die meisten, die damals über Zimmermann nachdachten, haben seine pluralistische Konzeption nicht verstanden. Ich selbst verdanke ihm in kompositorischer Hinsicht alles. Nach dem akademischen Studium hat er mir den Weg in die Zukunft gezeigt. Er selbst dachte, dass die Musik – vielleicht nicht an einen Endpunkt – aber doch an einen äußersten Krisenpunkt gelangt ist. Er gehört einer Generation an, die im Krieg war. Das größte künstlerische Problem nach dem Krieg, war für die Musiker die ‚Form‘ neu zu definieren. Es geht um den Verlust einer kollektiven Formvorstellung. Dieses Vakuum nach dem Zweiten Weltkrieg zu füllen, war die große Aufgabe seiner Generation.

Zu Lebzeiten hatte Bernd Alois Zimmermann keinen leichten Stand in der Musikszene.

Damals erschien er vielen noch als Nachzügler der Hindemith- oder Strawinsky-Generation, die einen Ausgleich mit dem Erbe der großen Klassik anstrebte. Aus diesem Grund wurde er von der Avantgarde zunächst abgelehnt. Tatsächlich hat er Kunst aber nicht als ewige Harmonie konzipiert. Er hat versucht, die Koexistenz von Widersprüchen zuzulassen und nicht alles glattzurechnen. Er hat sich dem als einer der ersten gestellt. Und das unter großen Qualen. Das ist ein Existenzform, der für ihn lebensbedrohlich wurde.

 

Die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev spielen Bernd Alois Zimmermann „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ am 7. September um 20 Uhr in der Berliner Philharmonie. Weitere Informationen und Tickets unter: berlinerfestspiele.de