Dieser Artikel ist in der englischen Originalfassung im Magazin zum Jazzfest Berlin 2018 nachzulesen, das am 1.–4. November im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten stattfindet.

The original English-language version of this article was published in the magazine of Jazzfest Berlin 2018, which will take place at Haus der Berliner Festspiele and other venues from 1–4 November.

„Wir leben länger
aber ungenauer
und in kürzeren Sätzen.“
(Wisława Szymborska)

Diese Zeilen stammen aus dem Gedicht „Tutaj (Hier)“, einem schmerzlich schönen Dialog zwischen zwei großen Seelen, die nicht mehr unter uns sind: der nobelpreisgekrönten Lyrikerin Wisława Szymborska (1923 – 2018) und dem außergewöhnlichen Trompeter Tomasz Stańko (1942 – 2018). Die atemberaubenden Improvisationen, mit denen die Trompete auf die Lesung der Dichterin antwortet, machen diese Live-Aufnahme von Lyrik und Jazz zu einer Kostbarkeit und erinnern uns daran, dass es letztlich die miteinander geteilten Geschichten sind, die in unseren Herzen bleiben. Was genau bestimmt, wer wir sind? Was sind unsere Werte, unsere Überzeugungen – und aus welchen Erfahrungen setzen sich unsere Lebensgeschichten zusammen? Manche haben die Gabe, sich auszudrücken und zuzuhören, während andere lieber distanziert, schweigsam und unwissend bleiben.

Für alle, die zuhören möchten: Dies ist eine Geschichte aus der finnischen Hauptstadt Helsinki, wo sich meine Beziehung zu Kunstinstitutionen in den letzten Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Erzählt wird sie von einer Produzentin von Kultur, die, wie Paul J. Kuttner es so treffend formuliert, „ein andauernder Prozess der gemeinsamen Herstellung von Bedeutung“ ist.

Im vergangenen November erlebten Helsinki und seine Nachbarstadt Espoo eine historisch bedeutsame Wiedervereinigung. Nach neun Jahren Bauzeit – wobei die ursprünglich geplante Zeit um drei Jahre überzogen wurde – war der Ausbau der Metro-Linie, die die dynamischsten Gebiete der Hauptstadtregion verbinden sollte, endlich abgeschlossen. Die allererste Bahn wurde um 5:09 Uhr morgens im dunkelsten Monat des Jahres von den Bürger*innen mit einer farbenfrohen Feier begrüßt. Lebenslustige Menschen sprangen früh aus den Betten, um diesen Moment zu feiern, den Bahnhof zu bevölkern und den grauen Morgen in einen Karneval zu verwandeln. Die jubelnde Menge empfing den einfahrenden Zug mit Freudenschreien wie einen Retter und feierte mit Champagner – und so benehmen sich die Finn*innen ansonsten wirklich nicht. Pendler*innen traten die Fahrt im Frack an, in glänzenden Kostümen oder mit Hüten. Es gab Reisende in „Star Wars“-Kostümen oder als Mighty Eagle von den „Angry Birds“ verkleidet. Und was haben wir, die Kulturschaffenden, an diesem Morgen getan? Was war unser Beitrag? Es gab keinen! Wir haben weiter geschlafen. Die Kulturinstitutionen der Region haben die Realität des öffentlichen Lebens unbestreitbar schlicht ignoriert. Ich war enttäuscht. Ich hätte mich gefreut, wenn der erste Zug eine Bühne für verschiedenste künstlerische Beiträge gewesen wäre, gemeinsam kuratiert von unterschiedlichen Kunstinstitutionen und vielleicht auch Einzelpersonen, die gelegentlich noch mehr Kreativität zeigen. Was sagt uns diese institutionelle Ignoranz in Finnland, die zweifellos überall in Europa hätte passieren können?

Wir gehen bei unserer gedanklichen Reise von der Annahme aus, dass es die moralische Kernfunktion der Kunst ist, uns Muster erkennen zu lassen, die ohne sie nicht sichtbar würden. Meine Auffassung von Kulturarbeit und Kulturinstitutionen wurde nicht nur durch die Jahre geprägt, die ich als Produzentin und Programmverantwortliche bei der Izmir Foundation for Culture, Arts and Education verbrachte, einer der Vorzeigeinstitutionen der Türkei, sondern formte und entwickelte sich während des finnischen Kapitels meines Lebens weiter. Der Übergang von der türkischen Gesellschaft, die seit vielen Jahren ihre europäische Identität sucht und debattiert, in die finnische, eine harmonisierte Gemeinschaft mit einem funktionierenden demokratischen System und Bürgerrechten, die von stabilen Institutionen gestützt werden, war ein Kulturschock. Dieser Schock hatte seinen Preis. Ich empfand ständig das Bedürfnis nach einem verlässlichen Bezugspunkt, einem Polarstern, der mir bei der Abbildung von Werten eines neuen Ichs in meiner Wahlheimat den richtigen Weg weisen sollte. Als Kulturschaffende war es für mich nur natürlich, Unterschlupf bei den Künsten zu suchen. Aber habe ich den Zufluchtsort, den ich in Finnland suchte, auch gefunden? Der Perspektivwechsel von einer Insiderin zu einer von außen Kommenden zwang mich, die ausgrenzenden Normen zu identifizieren, die tief im Gefüge der Institutionen verwurzelt sind. Ich gehöre zu den 14 Prozent der Bewohner*innen Helsinkis, die weder Finnisch, noch Schwedisch, noch Sami sprechen und muss nun mein Referenzsystem neu definieren, um meine neue Umgebung verstehen, annehmen, ablehnen und einen Beitrag leisten zu können.

Beschäftigen sich die Kulturinstitutionen mit uns? Ist das, was sie darstellen, genauso divers wie die Gesellschaft selbst? Was ist mit der professionellen Diskriminierung im Bereich der Kunst, mit „dem Anderen“ im Bereich der Kunst? Wie gleichberechtigt sind wir, wenn es um Arbeitsmöglichkeiten geht, um künstlerische Entwicklung und die Unterstützung von Künstler*innen anderer Herkunft? In Finnland gibt es Frauenquoten, aber das größte multi-disziplinäre Festival des Landes – das Helsinki Festival – hatte in seiner 50-jährigen Geschichte noch keine einzige weibliche Intendantin und im ganzen Team ist keine nicht-finnische, weibliche Leitungskraft zu finden. Frauenquoten oder das Ausrufen von Top-Down-Reformen zur Förderung von Pluralität scheinen keine effektiven Lösungen darzustellen. Wir müssen unsere Denkweisen ändern.

Hier oben im Norden ringen wir, wie viele andere europäische Länder auch, um Wege, kulturelle Pluralität innerhalb des Paradigmas eines Nationalstaats und angesichts populistischer politischer Diskurse zu verhandeln. Sind Kulturinstitutionen nur Mittel zum Zweck für eine gestaltete Identität und Kultur, die sich um das Totem von Sprache und nationalen Werten formiert? Könnte und würde man eine mono-kulturelle Identität durch kulturelle Pluralität in ein neues Definitionssystem übertragen? Die Notwendigkeit, über die unzulänglichen Konzepte von Integration und Multikultur hinaus weiter nachzudenken, ist unbestreitbar. Wir müssen einen Schritt weitergehen und versuchen, das zu erfassen, was vorgeschriebene Definitionen dominanter Kultur verfehlt haben.

Was bedeutet das alles für ein Jazzfestival in Berlin? Vielleicht beginnen wir damit, uns eine Institution vorzustellen: ein Museum, ein Kunstzentrum oder ein Festivalhaus, wie die Berliner Festspiele. Und dann stellen wir eine einfache Frage: Was heißt das, eine „Institution“? Ist es, wie es bei Duden-Online heißt, eine „bestimmten stabilen Formen folgende Form menschlichen Zusammenlebens“? Oder sind wir es selbst, die tempelähnliche Strukturen entwickeln und sie mit Regeln, Strategien, Traditionen, sich endlos wiederholenden Ideen und Machtspielen füllen? Die ausgeklügelten Techniken, mit denen wir unsere ständigen Machtkämpfe stärken, haben dazu geführt, dass viele Institutionen Schutzorte für eine Schattenmacht geworden sind. Diese Macht ist unsichtbar, sie bleibt im Gefüge der Strukturen verborgen. Sie ist schon seit Ewigkeiten da und niemand denkt wirklich darüber nach, woher sie kommt. Dies könnte einfach eine „normale“ Haltung in der Institution sein. Sie könnte im Gewand von „Erfahrung“ und „Altbewährtheit“ daherkommen. Aber sie hindert uns eindeutig daran, „unorthodoxe“ Entscheidungen zu treffen und baut im schlimmsten Fall eine nicht offen ausgesprochene Mauer des Widerstands gegen „den, die oder das Andersartige*n“. Diese Schattenmacht, die in allen Institutionen und Organisationen lauert, wächst sich zu einem Problem aus, das Veränderung verhindert. Wie können wir in einer Zeit des Übergangs und des Zerfalls aller traditionellen Machtstrukturen Kunst- und Kulturinstitutionen darin bestärken, sich selbst zu hinterfragen? Wir müssen die unsichtbaren Barrieren offenlegen und sie durchbrechen. Um die Gründe für derartige Muster und konservative Haltungen zu entdecken, ist ein kritisches Nachdenken über die Grenzen zwischen Inklusion und Ausgrenzung notwendig. Ich bin sowohl Kulturschaffende als auch eifrige Kulturkonsumentin. Ich habe den Vorteil, dass ich die Kulturinstitutionen mit einem kritischen Blick betrachten kann. Ich gehöre gleichzeitig ins Innen und ins Außen dieser Institutionen.

Was hält also unsere Kolleg*innen in diesen Institutionen – allesamt gut ausgebildete, intelligente, humanistische, kreative Geister – davon ab, die Werte einer inklusiven Gesellschaft neu zu gestalten? Sind die Antennen der Institutionen empfänglich für den Einfluss Außenstehender? Sind wir so wach wie diese selbst-organisierten finnischen Pendler*innen, die in den frühen Morgenstunden ohne jegliche Erwartungen einfach an der Metro-Station erschienen sind? Derzeit neigen Institutionen dazu, ihre Mitarbeiter*innen mit der starken Hand der Schattenmacht festzuhalten und sie nach ihrem Willen zu formen. Dagegen müssen wir Widerstand leisten, indem wir das Konzept der „Institution“ in unseren Köpfen dekonstruieren. Aber wie?

Ich schlage eine unkonventionelle Lösung vor: Das kreative Chaos. Ein Chaos, das zu Veränderung inspiriert. Chaos ist nichts neues, es hat es immer schon gegeben. Wissenschaftler haben seine Beziehung zur Kreativität untersucht. Trotzdem habe ich das starke Gefühl, dass wir es nicht etwa zugelassen, sondern vielmehr alles getan haben, um es uns fernzuhalten. Wir sollten unsere Einstellung verändern, indem wir dem Chaos Eintritt in kreative Prozesse gewähren und die Menschen dazu provozieren, unkonventionelle Aktionen zu starten. Die Zeit ist reif, unsere Schutzschilde gegen jegliche Veränderung abzulegen, mutig unsere Wohlfühlzonen zu verlassen und uns auf Menschen und Ansichten aus anderen Kulturen, Disziplinen und Bezugsrahmen einzulassen. Wir können die weltweiten Probleme nicht lösen oder auch nur angehen, wenn wir immer nur mit Gleichgesinnten zusammenarbeiten. Kunst- und Kulturinstitutionen sollten das kreative Chaos fördern und Provokateur*innen und Andersdenkende willkommen heißen, wenn sie ein Bezugspunkt wie der Polarstern werden wollen. Die Stärkung der Individualität und die Annahme kultureller Pluralität gehören zu den wichtigsten Aufgaben der heutigen Kunstszene.

Lasst uns noch ein paar Stühle an den Tisch stellen, die Sitzordnung ändern und kontroverse Debatten mit längeren Sätzen anregen!