Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie das 36. Theatertreffen der Jugend.

Nach der Aufführung der Aktionist*innen vom Gorki Theater Berlin, die am Samstag ihr Stück „Kritische Masse“, inszeniert von Suna Gürler, präsentierten, schwirrt die feministische Botschaft noch tagelang durch das Haus der Berliner Festspiele. Überall schnappt man Gesprächsfetzen auf, denn das Stück hat viele persönlich berührt und regt zur Diskussion an. Deshalb bin ich froh, als ich Felina und Linda, die Teil des Ensembles sind, im Garten des Festspielhauses über den Weg laufe und Gelegenheit habe, Ihnen meine Fragen zu stellen.

Felina © Dave Großmann

Ihr heißt Aktionist*innen – wo sind die Jungs?

Linda: Im Gorki gab es den Jugendclub Aktionisten, als aber die Intendanz gewechselt hat, war lange Zeit nicht klar, ob dieser weiter bestehen wird. In der Zeit, bis Suna ihn übernommen hat, sind leider einige weggezogen, im Laufe der Abeit sind dann auch einige abgesprungen und irgendwann waren wir eben einfach nur noch Mädchen.

Wie habt ihr gearbeitet und wie schnell war euch klar, dass ihr das Frausein thematisieren möchtet?

Felina: Als ich zum ersten Treffen kam, wusste ich noch gar nicht, dass ich Teil des Ensembles bin. Es wurden einfach die ersten 20 Bewerbungen angenommen. Ich dachte, ich gehe zum Casting. Wir begannen aber gleich damit, Schauspielübungen zu machen.
Linda: Suna hat dann relativ schnell gesagt, dass sie schon immer mal mit jungen Frauen ein Stück machen wollte zum Thema Frausein und zu Frauenkörpern und da konnten wir alle andocken.
Felina: Sie hat uns dann kleine Hausaufgaben gegeben und wir haben Texte geschrieben, zum Beispiel detaillierte Selbstbeschreibungen unserer Körper. Diese Texte haben wir im Stück verwendet. Es ist alles von uns, ergänzt durch Zitate von Bukowski, Laurie Penny und Wikipedia.
Linda: Wir hatten völlige Freiheit, worüber wir schreiben möchten, und weil die Atmosphäre untereinander es erlaubt hat, haben wir über die intimsten Sachen geschrieben. Wir waren sehr ehrlich und rücksichtsvoll miteinander. Ich glaube, das ist auch im Stück zu spüren.
Felina: Suna ist einfach auch eine super Spielleiterin. Sie hat uns einen tollen Umgang damit vermittelt, Dinge einfach im Raum stehen zu lassen. Die gute und produktive Grundstimmung war einfach da.

Bezeichnet ihr euch, im Gegensatz zu eurer Reaktion im Stück, privat als Feministinnen?

Beide: Ja!
Felina: Und das war vor dem Stück noch nicht so. Ich hätte mich nicht so genannt. Ich erinnere mich an eine Gesprächsrunde nach einer unserer Aufführungen, in der ich meinte, dass ich keine Feministin bin, weil das so politisch und radikal klingt. Aber ich lebe das immer mehr. Deshalb sage ich heute: Ja, ich bin Feministin. Aber irgendwie ist das auch einfach ein Prozess, den man durchlaufen muss. Es gibt so viele Diskussionen, in denen man sich erst einmal orientieren muss und Zeit braucht, um sich da positionieren zu können. Es muss erst einmal ein Rahmen entstehen, in dem man die Möglichkeit hat, sich an die Thematik heran zu tasten…
Linda: Es gibt ja auch nicht nur eine Art von Feminismus.
Felina: Genau, man muss erstmal den Input bekommen, um sich damit auseinander zu setzen. Und dann ist es wahrscheinlich einfach eine Entscheidungsfrage, bin ich’s oder bin ich’s nicht. Das Interessante ist für uns eben, dass nach dem Stück solche Fragen kommen und wir wahrscheinlich manchen Zuschauer*innen auch den Input damit geben.

Wie kam es zu den Zitaten, die ihr verwendet habt? Habt ihr alle Laurie Penny gelesen?

Linda: Nee, erst jetzt. Ich weiß noch, dass Palina, die das Stück auch mit einem Zitat eröffnet, immer wieder Zitate in unsere Diskussionen eingeworfen hat. Sie studiert Gender Studies und hat von daher einen ganz guten literarischen Background.
Felina: Rebecca aber auch, die studiert Literatur und ist mit Bukowski angekommen. Einmal stand die Diskussion um Magersucht im Raum, und da hat Suna den Text von Laurie Penny mitgebracht. Nach einer Aufführung ist ein Mann auf uns zugekommen und hat den Part zu Magersucht angesprochen, weil er selber mal betroffen war. Das war sehr rührend.

„Kritische Masse“, rechts: Linda Blümchen © Suna Gürler

Gibt es noch jemanden, der/die Vorbildfunktion in feministischer Hinsicht für euch hat?

Linda: Dafür habe ich mich theoretisch zu wenig damit auseinandergesetzt. Sophie Rois begegnet mir gerade immer wieder.
Felina: Ich habe Politikwissenschaft studiert und bin mittlerweile eher von Theorien abgerückt. Mich inspiriert es mehr, wenn jemand etwas anpackt oder mich beeindruckt in seiner/ihrer Handlungsweise oder Losgelöstheit.
Linda: Mir ist jetzt noch Suna eingefallen! Sie beeindruckt mich sehr im Gespräch.
Felina: Ja! Und sie hat sehr klare Positionen.

Wie waren die Reaktionen in euren Freundeskreisen?

Linda: Meine Freunde fanden es alle geil. Auch die Jungs waren sehr angetan. Viele finden, wir sollten es vor allem an Schulen aufführen.
Felina: Ich habe mich zuerst nicht getraut, jemanden einzuladen, erst spontan. Ich konnte einfach nicht einschätzen, wie es ankommt. Ein Freund von mir fühlte sich angegriffen. Das fand ich auf jeden Fall interessant. Meine Mutter hat gesagt, dass wir da etwas thematisiert haben, was sie schon ihr Leben lang als Frau beschäftigt. Es ist irgendwie so altersunabhängig, das ist toll. Ein Journalist hat geschrieben: „Jetzt weiß ich, was meine Frau denkt.“

Plant ihr denn schon etwas Neues zusammen?

Linda: In der Konstellation nicht. Es gibt jetzt eben den neuen Gorkiclub, da sind vier oder fünf Mädchen aus unserer Gruppe mit dabei.

Danke für eure Zeit und noch viel Spaß während der nächsten Festivaltage beim Theatertreffen der Jugend!

Der Bundeswettbewerb Theatertreffen der Jugend findet vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt. „Kritische Masse“ von Jugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater war am 30. Mai 2015 um 20:00 Uhr zu sehen.