Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

 

Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen © Camille Blake

Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 © Camille Blake

Wir betreten den dunklen Saal – MaerzMusik geht wieder los. Wie immer ist es anders. Nicht normal. Auch nicht vorhersehbar. Wie kann es bloß sein, dass es immer noch Neues gibt? Faszinierend. Das Publikum ist selbst im kühl-fahlen Blaulicht ein buntes. Sofas und Matratzen sind gemütlich auf der geräumigen Bühne um den zentral positionierten Flügel verteilt. Jeder sucht sich seinen Platz, rückt die Matratze zurecht, es wird gemurmelt und gelacht. Nachdem ich einen guten Platz mit freier Sicht auf die Tastatur des Instruments erhascht habe, wird mein Blick von dem vor mir stehenden, langen Tisch gefesselt, auf dem Noten verstreut liegen. Interessiert blättere ich sie durch und finde von Bach und Beethoven über Liszt bis hin zu John Cage gefühlt alle Schönheiten und Absurditäten der Pianohistorie.

Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen © Camille Balke

Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen © Camille Balke

Nachdem Marino Formenti eine Viertelstunde später als geplant in die Tasten haut, was hier aber niemanden stört, man erwartet es geradezu, geht’s direkt los. Die Vierteltonschläge von Galina Ustwolskajas Pianosonate Nr.6 erbeben so hart, dass ich Mitleid mit den Hörer*innen bekomme, die es sich auf der Matratze unter dem Flügel gemütlich gemacht haben. Trotz der Lautstärke wohnt dem Ganzen eine stetige Ästhetik inne. Feine Linien von kleinen Noten lassen einen kurz entspannen, kommen jedoch bloß trügerisch daher. Es folgt direkt ein romantisches Stück als Pendant. Wie Formenti anschließend erklärt, handelte es sich wohl um ein Wiegenlied Liszts, das irgendwie Säugling und Greis gleichsam in die scheinbar endlos wallenden Ruhetöne einschließt. Das Publikum wird direkt gefragt, warum es so leise sei. Natürlich sei dies keine Party, aber auch kein wirkliches Konzert. Der Abend sei dann schön, wenn er schön lang werde. Das sich herumfläzende Publikum lacht erheitert. „Holt euch erstmal ein Getränk! Und dann relaxt – wir sind in Berlin.“ Wieder Lachen. Falls jemand auch mal spielen wolle, dürfe er gerne, sei er auch noch so be… Entschuldigung: VERhindert. Einfach vorne melden, bei Bedarf. Noch stärker wird die Sympathie zu dem gebrochen Deutsch sprechenden Italiener nur, als er versichert, am liebsten alle im Saal kennen lernen zu wollen. „Nun wird wieder musiziert – Also Ruhe!“ sagt er ironisch.
Ist hier am Ende vielleicht sogar alles Ironie? Was weiß ich denn, wie die Noten aussehen? Ob es „richtig“ ist, was er spielt. Aber gerade darum geht es hier wohl auch: Es gibt kein richtig, kein falsch. Es gibt so viel Material, um es, aber vor allem um damit zu spielen. „Wer hat überhaupt gesagt, dass man beim Musikhören im Konzertsaal sitzen muss? Ist doch unbequem.“ Da kann man sich lieber einfach mal liegen lassen und erlebt sogleich etwas anderes, wenn man in die Tiefe der sich über einem wölbenden Saaldecke blickt und nur vereinzelt spärliche Lampen wie Sterne funkeln sieht.

Eine Sarabande von Bach folgt – jemand hat sie sich gewünscht. Wie erkläre ich jemandem, der noch nie dabei war, was hier eigentlich abgeht. Erfasse ich das überhaupt? Und alles ist so subjektiv, kein Buchstabe eine Annäherung an das Gefühl, in der Freiheit der Musik und Musikliebenden zu ertrinken. Nur so kann die Angst schwinden, durch Gefühle des Stillstehens der uns sonst so begrenzenden TIME. „Der Komponist ist eh tot und kann sich nicht wehren“, sagt Formenti öfter. Was er sagen würde, ist wohl unwichtig. Nun wird sein Werk neu interpretiert, und wer könnte auf diesem Terrain auch nur einen Tritt gegen die Mauer der Vielfalt wagen?!

Da wir „ja bezahlt haben“, folgen weitere Stücke. Ein langes Cluster-Fragment, das wirkt wie der kurze Moment des Zerberstens einer schillernden Glasplatte in unendlicher Tonhöhe und Länge repetierend – die Musik der Riesen, die mich im Albtraum verfolgen. Als Pause folgt wieder Ermunterung. Er müsse hier wohl den Partytiger vorgeben, sagt Marino Formenti stirnrunzelnd. Instinktiv stiegt in mir die Frage – Warum? – auf. Warum machen wir das hier? Was zieht die Menschen hier an? Was treibt sie her? Als ob Berlin nicht schon hip genug ist, muss dies hier auch die Musik sein? Ist das hier ein Ausbrechen aus Normen? Aber keines der Teenager-Phase, kein Trotz, sondern eine Suche nach mehr. Ein Verlangen nach allumfassendem Erspüren der Kunst.

Der zarte Song John Lennons holt mich zurück. Gegenüber den anderen Stücken wirkt er so neu, aber dennoch nicht aus meiner Zeit. Die TIME-Zonen verschwimmen. „Ich fühle mich verpflichtet, richtig zeitgenössische Musik zu spielen.“ Das Geklimper vom „Griechischen Wein“ tröpfelt ins Ohr, einige klatschen. Das musikalische Gesöff plätschert dahin und verschwappt. Ein Scarlatti schließt sich an. Marino Formenti wirkt schelmisch, manchmal plötzlich introvertiert, hineingezogen in die Sphären der Klänge.

Ein Stück hat deutlich mehr Spannung, wenn es komplett ruhig ist. Schließlich ist es eben doch keine Party. Manche wissen wohl nicht, was sie tun wollen angesichts des übervollen Buffets der Möglichkeiten, das einem diese Form der Anarchie höchstpersönlich darreicht. Sie laufen herum, reden. Anscheinend stört es den Künstler nicht. Aber mich, denn es vermittelt ein Gefühl fehlenden Respekts. Wie schön ist es doch, TIMEless zu sein und im erhellenden Sumpf emporzuschweben. Wie das kleine Kind, das unweit von mir längst seine Augen geschlossen hat und damit endgültig in die Musik sackt wie in einen schokoladigen Kuchenteig. Andere Zuhörer*innen – oder vielmehr Partizipierende des Abends – dirigieren symptomatisch oder lassen ihre Münder offen stehen, als wollten sie die Tonketten aufsaugen und verschlingen.

Formentis Finger kleben schon wieder bemerkenswert eng an den Tasten, anders wäre ein solch schnelles Umschalten schon der Übersicht wegen gar nicht möglich. Andererseits genießt er die Haltetöne in sehr freien Formen der Handhabung. Man glaubt dem entschleunigten Künstler auf sein erklingendes Wort, dass er kein Problem mit Langeweile hat, sondern sie genießen kann. Ein Opi lässt eine kurze „Musique“ ertönen. Anschließend ein Gespräch von vier Händen. Man merkt, dass die beiden improvisierenden Pianisten kommunizieren und einander nicht unbeachtet lassen, es wirkt geradezu wertschätzend. Das genaue Thema ihrer musikalischen Unterhaltung bleibt aber offen, ein sehr schwerwiegendes war es wohl nicht. Wenn man Lust drauf hat, macht man es eben. So wie Formenti nun ein unbekanntes französisches Menuett des Frühbarocks erklingen lässt. Auf dem Sessel links des Pianos sitzt ein Pärchen, trotz Modernität empfindet es offenbar alles als total romantisch. „Just in Time“ fällt mit dem letzten Akkord ein Glas um. Sofort wird ein modernes Stück angeschlossen, vollgriffig und -mundig. Viele nicken wie abwesend im Takt. Wir seien immer noch zu ernst, bemängelt Formenti in seiner einnehmenden Funktion des Moderators. Da könne man ja gleich in die Philharmonie gehen. Ein Syrer singt. Fremdartig, aber wie man es erwartet. Mit ein wenig Verstärkerhall füllt das Mantra den Raum.

Ich muss los. Sobald man TIME und Termine im Kopf hat, fällt es einem deutlich schwerer, sich zu konzentrieren und zu genießen. Man wird unruhig, abgelenkt. Da aber der Abend locker flockig gestaltet war, habe ich nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, was ja sonst eher der Instinkt ist, der einem die Ruhe nimmt. Eine gelungene „Versammlungszeit“ – zusammen in einer Einheit aus Musik und Individualität. Wie dies im Laufe der MaerzMusik noch getoppt werden kann, weiß ich nicht; wohl aber, dass ich gespannt bin auf das, was mir weitere Abende out of TIME bescheren wird.

Bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen tritt am 14. 3. im Haus der Berliner Festspiele das Plus-Minus Ensemble mit einem dreiteiligen Programm auf. Zu hören sein wird Musik von Joanna Bailie, Matthew Shlomowitz, Johannes Kreidler, Simon Loeffler, Natacha Diels und Alexander Schubert.  Am Dienstag, 15.3., wird der Tenor Ian Bostridge zusammen mit dem Pianisten Julius Drake Franz Schuberts „Winterreise“ im Kammermusiksaal der Philharmonie interpretieren und den Programmkomplex „Winterreise“ vervollständigen. Bereits seit Sonntag und noch bis zum 16. 3. ist die In Situ Klanginstallation „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war“ von Mazen Kerbaj in der Bundesallee 53, 10715 zu erleben. Weitere Informationen zum Programm unter www.berlinerfestspiel.de.