Die Geschichte der Berliner Festspiele ist viele Geschichten. Einige davon erzählen wir im Jahr des 70-jährigen Bestehens in unserer Reihe #Festspielgeschichten. Angela Rosenberg schreibt hier über den Pianisten Vladimir Horowitz und darüber, wie er nach 52 Jahren im Exil für ein bis heute legendäres Konzert nach Berlin zurückgekehrt ist.

Vladimir Horowitz (1903–1989) gilt als einer der größten Klaviervirtuosen in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, mit einer besonderen Begabung für das romantische Repertoire. Elmar Weingarten, der von 1985 bis 1990 das Musikprogramm der Berliner Festwochen leitete, hatte vom Intendanten Ulrich Eckhardt den Auftrag erhalten, den legendären Pianisten nach Berlin zu holen – eine schier unmögliche Aufgabe. Das vielbeschäftigte Management bestätigte dies nach einer ersten Anfrage prompt am Telefon: „He will never come to Germany.“

Seit seinem furiosen Berlin-Debüt Mitte der 1920er Jahre und dem notgedrungenen Exil hatte der Pianist Deutschland den Rücken gekehrt. Über 52 Jahre waren seither vergangen und die Überraschung groß, als Horowitz sich schließlich doch dazu entschied, an die Orte seiner ersten Erfolge zurückzukehren. Auf Konzerte in Moskau und Leningrad folgten Auftritte in Hamburg und Berlin. Es sollte ein Triumphzug werden.

Vladimir Horowitz 1986 © Roland Gerrits – Anefo – Concertpianist Vladimir Horowitz in Concertgebouw in Amsterdam, Horowitz na afloop Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989, Auteursrechthebbende Nationaal Archief CC-BY-SA, Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 933-8218

Die Berliner Festspiele schienen als Veranstalter besonders dafür geeignet, weil sie, als öffentlich geförderte Non-Profit-Institution, uneingeschränkt die Vertragsbedingungen des Künstlers einlösen konnten. Außerdem entstanden hier 1986 und 1987 die Programme „Musik aus dem Exil“ und „Verdrängte Musik“, die sich der physischen und kollektiven Verdrängung jüdischer und anderer Künstler*innen aus Deutschland während des Nationalsozialismus widmeten und diese wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten.

Um das Vorhaben in der Öffentlichkeit möglichst lange geheim zu halten, wurde ein festspielinternes Codewort eingeführt: „Die kahle Sängerin“, nach dem absurden Theaterstück von Eugène Ionesco. In heller Vorfreude plauderte der damalige Kultursenator Volker Hassemer die musikalische Sensation in der Radiosendung Klassik zum Frühstück jedoch frühzeitig aus. Mit der Veröffentlichung des Vorverkaufstermins begann ein sagenhafter Ansturm auf die Tickets. Zwei volle Tage standen die Menschen Schlange vor dem Kartenbüro, über tausend schriftliche Bestellungen erreichten die Festspielleitung. Die Kartenpreise betrugen über 300 DM, für damalige Verhältnisse ein stolzer Preis, der Schwarzmarkt florierte, lediglich einige hundert Karten konnten – auf Wunsch von Horowitz – von Studierenden für 25 DM erworben werden.

Horowitz, bekannt für seine exorbitanten Gagen, war sein Geld wert und erfüllte die Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, als Künstler, als Diva und als ehemals Verfolgter, der, nach den Jahren im Exil, an seine triumphalen Erfolge anknüpfen konnte und sich nun, scheinbar versöhnt, feiern ließ.

Mit im Gepäck sein schwarzer Steinway („The Beauty“), eine ausreichende Menge tiefgefrorener Seezungen – das Leibgericht des Maestros –, und ein Wasserentkeimer. Ebenfalls dabei: seine Ehefrau Wanda. Mit der strengen Tochter des legendären Dirigenten Arturo Toscanini war Horowitz seit 1933 verheiratet. Ihr scharfes Urteil war gefürchtet. Als sie zum ersten Mal die Scharoun’sche Architektur der Philharmonie sah, verkündete sie zunächst entsetzt: „Hier spielen wir nicht“.

CD-Cover „Horowitz: The Legendary Berlin Concert. 18th May 1986” © Monika Karczmarczyk

Wie immer begannen Horowitz’ Konzerte zu seiner eigenen prime time, Sonntags um 16 Uhr. Am Pfingstsonntag, dem 18. Mai 1986, war es soweit. Das Programm bestand aus Scarlattis Klaviersonaten K. 87, 135, 380; Schumann: „Kreisleriana op. 16“; Liszt: „Valse caprice d’après Schubert“; „Petrarca-Sonett Nr. 5“; Rachmaninoff: Préludes op. 32 Nr. 5 & 12, Scriabin: Etüden op. 2 Nr. 1 & op. 8 Nr. 12; Chopin: Polonaise Nr. 6, Mazurken Nr. 9 & 10 sowie Zugaben von Schumann: „Träumerei“; Liszt: „Valse oubliée“; Moszkowski: „Étincelles, Morceaux caractéristiques op. 36“. Horowitz wurde mit minutenlangen stehenden Ovationen empfangen und nach dem Konzert noch euphorischer verabschiedet. Von dem Empfang, den die Berliner*innen ihm bereiteten, der Atmosphäre des Konzertes und dem Klang der Philharmonie war er so begeistert, dass er sich am Abend nach dem Konzert spontan dazu entschied, sechs Tage später ein Zusatzkonzert zu geben: „Next week repeat concert, half new program, and half the feel Vladimir Horowitz“, schrieb der 81-Jährige auf eine Speisekarte und fügte verschmitzt hinzu, „same wife“.

Warum das Berliner Konzert vom 18. Mai 1986, das der damalige SFB für den ARD-Hörfunk live überträgt, erst zwanzig Jahre nach Horowitz’ Tod veröffentlicht wurde, lässt sich nur mit ungeklärten rechtlichen und finanziellen Aspekten erklären. Denn diese wertvolle Aufnahme geriet in Vergessenheit, in der turbulenten Nachwendezeit, in der SFB und ORB 2004 zum RBB fusionierten. Erst 2009, aus Anlass seines zwanzigsten Todestages, erscheint die Doppel-CD bei Sony Classical, mit dem Konzert und der damals im Radio übertragenen Moderation von Norbert Ely und den Interviews der Musikredakteurin Ursula Klein, mit Franz Mohr, Horowitz’ Klaviertechniker, und seinem Manager, Peter Gelb, damaliger Leiter der Künstleragentur CAMI Video, später Präsident von Sony Classical Records und seit 2006 Intendant der Metropolitan Opera in New York. Die vorliegende CD-Version – ohne Moderation – wurde für den japanischen Markt produziert und dokumentiert das legendäre Konzert des berühmten Klaviervirtuosen im Rahmen der Berliner Festspiele.

 

Mehr über die Geschichte der Berliner Festspiele können Sie noch bis 17. Oktober 2021 in in der Ausstellung „Everything Is Just for a While“ im Gropius Bau erfahren.