Im Rahmen des Vermittlungsprogramms „Student Affairs“ besuchen rund 120 Studierende von zehn Hochschulen an zweimal vier Tagen das vielfältige Programm von Foreign Affairs 2015 an den Schnittstellen unterschiedlicher Kunstformen. Einige Teilnehmende teilen uns ihre Gedanken, Impressionen, Überlegungen im Berliner Festspiele Blog mit.

Um 1800 wurde die Zeit entdeckt, sie ist seitdem das Medium, das uns am meisten reguliert, steuert und strukturiert. Die Zeit ist heute die Bezugsgröße an der wir unser Leben messen. Wie Ingrid Oesterle in ihrem Text „Zum Führungswechsel der Zeithorizonte in der deutschen Literatur“ herausgearbeitet hat, ging mit der Entdeckung der Zeit – damals revolutionär, wenngleich es heute unverständlich erscheint, dass Zeit überhaupt „entdeckt“ werden musste – als eigenständige Macht die Entdeckung der Gegenwart neben Vergangenheit und Zukunft als eigenständige Zeitkategorie einher. Vorher wurde Gegenwart schlicht im Sinne von Anwesenheit definiert (franz.: présence; engl.: to be present).

Doch nicht nur die Zeit und ihre Kategorien wurden „entdeckt“, sondern man wich auch von dem damaligen Zeitverständnis ab, das die Vergangenheit zum Ausgangspunkt des Jetzt machte. Der Historiker galt Oesterle zufolge früher als derjenige, der die Vergangenheit verschriftlicht, der die großen Taten der Könige archiviert und ihnen somit eine belehrende Funktion zuschreibt. Die Vergangenheit war die Zeitkategorie, über die man am meisten wusste, weil sie schon stattgefunden hatte und (noch wichtiger) vom Historiker aufgearbeitet wurde. Gegenwart, geschweige denn Zukunft waren noch nicht als Zeitkategorien denkbar. Deswegen war die Zeit auch noch kein steuerndes Instrument, da ein Verständnis von gerade stattfindender Zeit vielleicht nicht fehlte, aber auf jeden Fall nicht thematisiert wurde. Möglicherweise gelang es deswegen auch den alten Griechen, Stücke aufzuführen, die mehrere Tage in Anspruch nahmen, einfach, weil die Zeit noch keinen Druck ausübte, weil die Zeit noch kein Messinstrument war.

Doppelseitiges Maskenrelief, römisch, 1. Hälfte 2. Jh. n. Chr., aus Rom, Marmor, Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv. Nr. I 119. Vorderseite: drei komische Masken, dionysische Attribute und ein kleiner Amor. Foto: Andreas Praefcke

Doppelseitiges Maskenrelief, römisch, 1. Hälfte 2. Jh. n. Chr., aus Rom, Marmor, Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv. Nr. I 119. Vorderseite: drei komische Masken, dionysische Attribute und ein kleiner Amor. Foto: Andreas Praefcke

Um 1800 hat sich dann nach Oesterle eine Wende vollzogen, in deren Zuge sich die Menschheit von der Vergangenheit abgewandt und den Blick auf die Zukunft geworfen hat. Oesterle beschreibt dies als einen Führungswechsel der Zeithorizonte. Seitdem leben wir zwar in der Gegenwart, sind aber auf eine Zukunft ausgerichtet, deren Ungewissheit wir durch Planung einzuschränken versuchen. Nichts ist uns unheimlicher als nicht zu wissen, was kommt. Die Zeit ist omnipräsenter Hintergrund individuellen und kollektiven Erlebens und Handelns, sie ist immer da und fungiert dadurch als gesellschaftliche Steuerungseinheit.

Jan Fabre versucht mit „Mount Olympus“ wieder mit einem losen (ja: antiken) Zeitverständnis zu experimentieren. Mit seinem 24-Stunden-Stück fordert er Publikum und heutiges Zeitempfinden heraus. 24 Stunden lang nur ein Stück erscheint wie ein schrecklich verschwenderischer Umgang mit dem so raren Gut der Zeit. In 24 Stunden kann man unglaublich viel machen – oder auch eben nur sitzen, zuschauen und staunen und Pause machen vom Zuschauen und Staunen, um dann wieder zu sitzen, zuzuschauen und zu staunen. Das klingt trivial, aber auch unglaublich intensiv.

Obwohl Festivals generell als Ort neben der Alltagszeit gelten können, als manchmal surreale Parallelwelt, sind sie mit ihren Spielplänen und Timetables bis auf die letzte Minute durchgetaktet, sodass auch hier die Zeit omnipräsent ist. Vielleicht ist auf Festivals der Druck sich zu entscheiden sogar noch größer, weil sie als außergewöhnlich erlebte Zeit gelten und deswegen intensiver genutzt werden wollen. (Und mit mehr Intensität ist meistens eine höhere Anzahl erlebter Stücke, Bands etc. gemeint.) Ein Festival wie Foreign Affairs ist als Einladung zu verstehen, sich Zeit zu nehmen, die Zeit zu vergessen und sich mal nicht von ihr regulieren, steuern und strukturieren zu lassen. Eine Einladung also, sein eigenes Zeitverständnis auf die Probe zu stellen und die Zeit neu zu entdecken.

Jan Fabres 24-stündige Performance „Mount Olympus. to glorify the cult of tragedy (a 24H performance)“ fand vom 27. Juni, 16:00 Uhr bis zum 28. Juni, 16:00 Uhr im Rahmen von Foreign Affairs 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt. Eine Dokumentation des einjährigen Probenprozesses und Interviews mit den Beteiligten finden Sie in unserem Film „Roads to Mount Olympus“.