„Nun klagst du nicht mehr, beginnst zu begreifen, was du bald wieder vergessen musst.“

Dieser Satz stammt aus der „Jakobsleiter“ von Arnold Schönberg, jenem groß angelegten und doch unvollendeten Oratorium, das einen Höhepunkt des Musikfest Berlin bilden wird. Es sind Sätze wie dieser, die uns Zuhörer der Generalprobe beschäftigen, nachdenklich stimmen, noch lange, nachdem der Rundfunkchor Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester die Bühne in der Philharmonie verlassen haben. Der Dirigent des bevorstehenden Konzertes, Ingo Metzmacher, gilt als ausgesprochener Kenner der Werke Schönbergs. Nach fünf Stunden anstrengender Proben nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit uns.

Jan Philipp Huth, Konrad Amrhein und Ingo Metzmacher © Julia Kaiser

Ich habe „Die Jakobsleiter“ heute zum ersten Mal gehört. Für mein Gefühl ist das Stück an vielen Stellen wahnsinnig emotional und nimmt den Zuhörer, wenn er sich darauf einlässt, sehr mit. Gibt es auch für Sie immer noch einen Moment, bei dem Sie auf diese Art fasziniert sind?

Ich freue mich immer, wenn auf der Bühne alles wie ausgelöscht ist und dann kommt von oben, aus einem der Fernorchester, diese einsame Geige. Da öffnet sich der Klang so nach oben, das finde ich einen besonderen Moment. Allerdings habe ich zum Fühlen eigentlich zu viel zu tun bei diesem Stück. Ich muss einen kühlen Kopf bewahren, um die Sache zusammenzuhalten.

Die Fernorchester und Fernchöre bewegen sich teilweise, hatte ich das Gefühl. Oder sie treten ab und tauchen an einer anderen Stelle des Raumes wieder auf. Von Schönberg ist das ja schon so komponiert, haben Sie auch Einfluss darauf genommen?

Wir haben sehr viel ausprobiert, wo in der Philharmonie wir die Gruppen hinstellen wollen. Ich bin jetzt sehr zufrieden mit der Wahl. Von Schönberg war es sehr visionär, so zu komponieren. Er war einer der Ersten, die sich wieder mit Raumklang beschäftigt haben, denn das ist ja eigentlich eine alte Tradition: Im 15. und 16. Jahrhundert hat man viel davon Gebrauch gemacht. Irgendwann ist es in der Musikkultur üblich geworden, dass Musik immer nur von vorne kommt. Das ist eine Vernachlässigung des Ohres, denn das Ohr kann ja 360° wahrnehmen. Das ist mein Lieblingsthema, ich fühle mich immer sehr wohl, wenn man auch Töne von hinten und von oben hört und nicht nur aus der Richtung, in die man sieht.

Es gibt vier Fernorchester und kleine Gesangsgruppen, die im Raum verteilt sind. Wie stehen die zueinander im Verhältnis? Antworten sie sich, spielen sie gegeneinander, oder soll es doch einen mehrdimensionalen Gesamtklang ergeben?

Die Gruppen sind ja unterschiedlich besetzt. Wir haben Bläsergruppen, vorne rechts spielen vor allem Streicher und das Harmonium. Da hat Schönberg sich schon etwas genau vorgestellt. Und am Schluss wird ja nur noch gesungen. Ich glaube die Idee war, dass die Musik immer immaterieller, immer weniger greifbar ist. Zu Beginn ist sie ja sehr substantiell, sehr irdisch. Und gegen Schluss entschwindet die Musik nach oben hin. Das ist das, was mir am besten gefällt an dem Stück.

Was war der Grund, genau diese drei Werke von Schönberg, Mahler und Xenakis in einem Konzertprogramm zusammenzustellen?

In der „Jakobsleiter“ geht es um das Sterben. Wir befinden uns an der Schwelle des Todes. Die „Kindertotenlieder“ haben auch damit zu tun, und Mahler war für Schönberg sehr wichtig. Xenakis fällt da thematisch ein bisschen heraus, aber in seiner Radikalität ist er Schönberg wiederum sehr ähnlich.

Wie konzentriert man sich als Dirigent auf eine Partitur und gibt gleichzeitig noch Anweisungen ans Orchester? Kommt das einfach so von selbst?

Na ja, das kommt durch jahrelange Übung, sage ich mal. (lacht) Das Schwierige am Dirigieren ist, dass man immer voraushören muss, was kommt. In der Probe jedenfalls. Und gleichzeitig muss man zurückhören, ob es wirklich so war, wie man es sich vorgestellt hat. Das ist ein bisschen schizophren, oder? Das ist mir am Anfang am schwersten gefallen, aktiv etwas zu tun, zu fordern und möglichst objektiv zu hören, ob es auch so war. Es gibt schnell das Phänomen, dass man hört, was man hören will und nicht das, was wirklich klingt. Das ist aber wichtig, man muss gewissermaßen als Dirigent ganz hinten auf dem Zug sitzen und zusehen, wie er fährt.

Wir haben schon von einigen Musikern und Sängern gehört, dass es eine sehr konzentrierte Probenphase gab – in wenigen Tagen muss viel erreicht werden. Schaffen Sie es als Dirigent, dennoch alle Ihre Ideen hineinzubringen?

Man hat nicht die Zeit, erst einmal hineinzuhören in das Ensemble und zu überlegen, was alles möglich wäre. Es ist auch extrem teuer, alle diese Musiker zusammenzuholen. Mit denen, die oben stehen, sind 240 Künstler beteiligt. Ich muss die Partitur sehr genau kennen, hellwach sein und möglichst ökonomisch arbeiten.

„Die Jakobsleiter“ wird, aufgeführt vom Deutschen Symphonie-Orchester unter Leitung von Ingo Metzmacher, im Rahmen des Programms „Erzengel Gabriel“ am 17. September 2015 gemeinsam mit Kompositionen von Iannis Xenakis und Gustav Mahler in der Berliner Philharmonie zu hören sein.