Beim Musikfest Berlin 2019 sind drei große Klangkörper aus London in der Philharmonie Berlin zu Gast: Das Orchestre Révolutionnaire et Romantique & Sir John Eliot Gardiner, das London Symphony Orchestra & Sir Simon Rattle und das BBC Symphony Orchestra & Sakari Orama. Sie haben Werke von Komponisten im Programm, die der Orchesterkomposition neue Impulse gaben und geben: Hector Berlioz‘ erste Oper „Benvenuto Cellini“, Olvier Messiaens letztes Werk „Éclairs sur l’Au-Delà“ und eine Uraufführung des niederländischen Komponisten Louis Andriessen.

 

„London wird mir immer lieber, je mehr andere Städte ich sehe!“
Felix Mendelssohn Bartholdy

Saint Paul’s Cathedral, von der Tate Modern aus gesehen

 

Sind wir drinnen? Sind wir draußen? Ungeachtet dessen, was sich zwischen London und Brüssel abspielen mag, gibt es beim diesjährigen Musikfest Berlin eine ungewöhnlich starke britische Präsenz, angeführt von drei sehr verschiedenen Orchestern. Für das Eröffnungskonzert reist als erstes das Orchestre Révolutionnaire et Romantique (ORR) mit seinem Gründer Sir John Eliot Gardiner und Berlioz’ heroischer Oper „Benvenuto Cellini“ an. Gerade einmal sechs Tage später werden sie auf der Bühne der Philharmonie durch das BBC Symphony Orchestra und das London Symphony Orchestra (LSO) abgelöst, die beide von ihren Chefdirigenten Sakari Oramo und Sir Simon Rattle angeführt werden und ihren Programmschwerpunkt auf neuere und jüngste Musik legen.

Das Repertoire des ORR dagegen endet naturgemäß um einiges vor unserer Zeit, wenn auch die Suche des Orchesters nach historisch fundierten Aufführungsweisen für Musik des 19. Jahrhunderts im Geiste schwerlich moderner – und erfrischender – sein könnte. Sir John Eliot Gardiner gründete das Orchester im Jahr 1989, ein Vierteljahrhundert nachdem seine Aufführung von Monteverdis Vespern während seiner Zeit in Cambridge der Musikepoche, die wir noch immer early music (Alte Musik) nennen, zu einem Revival in ganz Großbritannien verholfen hatte. Diese Musikkategorie blickte zwar zurück in vergangene Zeiten und verschaffte damit der Polyphonie der Renaissance und Troubadourgesänge Eingang in die Konzerthallen. Ihre zentrale Erkenntnis jedoch – nämlich, dass es jeder Art von Musik zugutekommt, wenn diejenigen, die sie spielen, sich mit dem Stil der jeweiligen Epoche beschäftigen – wurde anschließend auch im Blick nach vorne angewendet. Die Welt hatte sich im Jahr 1989 vielleicht daran gewöhnt, Bach und Mozart auf Darmsaiten ohne Vibrato gespielt zu hören, die Naturhörner und die vorindustriellen Kesselpauken, mit denen das ORR die Musik Beethovens darbrachte, überraschte Musikliebhaber*innen jedoch aufs Neue.

Im Gegensatz zum BBC Symphony Orchestra und dem LSO ist das ORR kein festes Ensemble: Das Orchester versammelt sich zu bestimmten Projekten und besteht aus einem Pool von Musiker*innen, deren Expertise es ist, Instrumente und Techniken vergangener Zeiten zu neuem Leben zu erwecken. Berlioz ist ein alter Freund, und der Name des Orchesters ist sicherlich eine Referenz in seine Richtung. Im Jahr 1993 nahmen Sir John Eliot Gardiner und seine erstklassigen Musiker*innen die „Symphonie fantastique“ auf und führten zum ersten Mal in jüngerer Zeit die Messe solennelle des Komponisten auf. Ein weiteres Vierteljahrhundert später wissen wir vielleicht wie das Serpent und die Ophikleide klingen, aber wir werden bestimmt einige Überraschungen erleben, wenn die gewaltige, vielseitige und anspruchsvolle Partitur der Benvenuto Cellini-Oper zum ersten Mal, seitdem das Werk im Jahr 1838 der Welt vorgestellt wurde, in den vom Komponisten beabsichtigten orchestralen Klangfarben zu hören ist – oder vielleicht auch zum ersten Mal überhaupt. In seinen Memoiren erzählt Berlioz, wie er bei den Proben an der Pariser Oper versuchte, den zweiten Hornisten zu korrigieren. Mit seinem ganzen erheblichen Selbstwertgefühl fragte der Mann: „Warum misstrauen Sie dem Orchester?“ Der Komponist entgegnete: „Ich misstraue nicht dem Orchester, nur Ihnen. Und es geht nicht um Misstrauen, sondern ich weiß vielmehr, dass ich Recht habe.“

Tatsächlich besteht auch zwischen dem BBC Symphony Orchestra und dem LSO eine starke Verbindung zu Hector Berlioz, da beide Klangkörper in einer für sie wichtigen Periode von Sir Colin Davis geleitet wurden. Das BBC-Symphony Orchester wurde 1930 vor allem zum Zwecke der Rundfunkübertragungen gegründet, aber es gibt auch Konzerte in London, gastiert und spielt vor allem jeden Sommer eine wichtige Rolle bei den Proms. In Berlin präsentieren die Musiker*innen eines von zehn Programmen, die sie bei den diesjährigen Proms spielen werden und es ist keinesfalls ungewöhnlich, dass darunter auch ein neues Stück von Louis Andriessen ist: In ihren Proms-Konzerten werden sie außerdem Arbeiten von Peter Eötvös, Detlev Glanert und Dieter Ammann zu Gehör bringen.

Die Unterstützung durch eine Sendeanstalt bedeutet für das Orchester, ähnlich wie für entsprechende deutsche Klangkörper, die Möglichkeit, die Verpflichtung und die Herausforderung, neue Stücke zu präsentieren. Dieser Aspekt wurde in der Arbeit des Orchesters vor allem in den 1960er und 70er Jahren gestärkt, als Sir William Glock der Musikchef der BBC war. Glock war für die Ernennung von Pierre Boulez als Chefdirigent des Orchesters verantwortlich und gab neue Impulse für das Auftragsprogramm. Dadurch erhielt das Orchester einige sehr wichtige Arbeiten, nicht nur von Boulez („Rituel“), sondern auch von Oliver Knussen (Symphony No.3), Harrison Birtwistle („Earth Dances“), John Tavener („The Protecting Veil“), Elliott Carter („Adagio tenebroso“), Kaija Saariaho („Graal théâtre“), Thomas Adès („Totentanz“) und
vielen anderen.

Natürlich ist das BBC Symphony Orchestra nicht nur ein Orchester für neue Musik. Pierre Boulez selbst machte während seiner Zeit in London einige neue musikalische Entdeckungen, so zum Beispiel Haydn und Schumann, wenn er auch die Beschäftigung mit Edward Elgar und Vaughan Williams scheute. Vor allem seine Nachfolger Sir John Pritchard und Sir Andrew Davis hielten die Sicherheit und Vitalität des Orchesters über die ganze Bandbreite seines Repertoires hinweg aufrecht und versetzten es in die Lage, souverän auf die regelmäßigen Besuche von Günter Wand zu reagieren. Auch Sakari Oramo, der die Leitung des Orchesters vor sechs Jahren übernahm, legt Wert auf eine große musikalische Vielseitigkeit. Das Repertoire reicht von Richard Strauss bis Ligeti, außerdem ergänzte Oramo es durch die Musik seiner nordischen Heimat.

Vor zwei Jahrzehnten folgte Oramo Sir Simon Rattle als musikalischer Leiter des City of Birmingham Symphony Orchestra: Nun kreuzen sich ihre Wege hier in der Philharmonie, wohin Rattle mit dem London Symphony Orchestra zurückkehrt – sein erster Besuch, seit er in ganz anderer Funktion hier war. Das LSO wurde 1904 gegründet und ist damit Londons ältestes Orchester. Die Energie, die es seit Rattles Ankunft vor zwei Jahren kontinuierlich an den Tag legt, lässt es jedoch wie das jüngste unter ihnen klingen. Dabei geht es hier nicht um das oberflächliche Charisma eines Dirigenten, sondern um seine Sorgfalt, Erfahrung,
Tatkraft und Neugier, die das Orchester mit voller Kraft und Energie erwidert. Sir Simon Rattles Leidenschaft für neue Musik – aber auch, und das ist zwar seltener, aber bestimmt nicht weniger wichtig – für die ältere, brachte dem Londoner Publikum bereits Wiederbegegnungen mit großen Werken von Birtwistle, Knussen, Adès, Turnage sowie dem Eröffnungsstück des Berliner Programms: „let me tell you“ von Hans Abrahamsen.

Für das LSO ist neue Musik nichts Neues. In der Anfangszeit des Orchesters standen Konzerte und Aufnahmen mit neuen Werken von Vaughan Williams und Edward Elgar auf dem Programm, und im Jahr 1954 wurde Messiaens „Turangalîla“ zum ersten Mal öffentlich in England aufgeführt. Vor und nach seiner Amtszeit bei der BBC gab es wichtige Begegnungen mit Pierre Boulez. Im Jahr 1995, in dem er seinen 70. Geburtstag feierte, reiste er mit dem Orchester und einem Konzertprogramm aus eigener Musik von London aus nach Paris, New York, Wien und Tokio. Fünf Jahre später wurden auf einer ähnlichen Konzertreise eigens beauftragte Werke von Olga Neuwirth, Salvatore Sciarrino, Peter Eötvös und George Benjamin präsentiert. Diese Tournee liegt nun beinahe 20 Jahre zurück und es ist anzunehmen, dass damals noch niemand wusste, wie wichtig dieses starke Bild europäischer Kooperation und Gegenseitigkeit einmal werden würde.

 

Das BBC Broadcasting House und die John Nash’s All Souls‘ Church

 

Das Konzert mit dem  Orchestre Révolutionnaire et Romantique, dem Monteverdi Choir unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner findet am 31. August in der Philharmonie Berlin statt. Das BBC Symphony Orchestra und Sakari Orama sind am 5. September zu Gast in der Philharmonie und das London Symphony Orchestra  und Sir Simon Rattle am 11. September