Immersion, d.h. hier das gelingende Sich-Einlassen auf eine Kunsterfahrung beruht auf dem Vertrauen in den Kunstrahmen und dessen schützenden Grenzen. Kunst darf provozieren, ernsthaft verletzten aber nicht. Konventionell bleibt Kunst dem Modus des ‚als-ob’ verpflichtet: die Welten, die sie erschafft, sind wirklich, aber nicht real. Nennen wir dies den Kontrakt der Unversehrtheit. Er kündigt sich schon mit David Humes „Of Tragedy“ (1757) an: um ästhetisch genießen zu können, braucht es ein Minimum an Reserve, ein Rest-Bewusstsein der Fiktionalität – oder eben schlicht: Künstlichkeit.

Gleichzeitig erneuert sich Kunst und lebt von der Grenzverletzung wie dem Rahmenbruch – spätestens seit Duchamps ready mades. Mit der Konzept-Kunst ersetzt die Idee die kunstvolle Ausführung; mit der Pop Art fällt die Differenz Kunst/Nicht-Kunst; die Performance Art greift die Grenze zwischen Leben und Kunst; die Wissenschaft erhält Konkurrenz durch selbstbewusste Praktiken wie Lecture Performance oder Art Research.

Der Vortrag geht der Frage nach, ob und wenn ja, wie sich diese Rahmenbrüche mit den Gesetzen der Immersion selbst vertragen. Dabei interessiert mich besonders das Potential immanenter, z.B. rein narrativer Strategien, die im und mit dem Genuss der Immersion auf die Fragwürdigkeit derselben verweisen.

In Ólafur Elíassons „Your Black Horizon“ (Venedig 2006) wird ein rechter Winkel für die gemachte Schwellenerfahrung wichtig. In Michael Hanekes „Funny Games“ (1997 und 2007) zeitigt Brechts Verfremdungseffekt – vom Theater ins Kino überführt – völlig andere Wirkungen. Statt Distanzierung bewirkt er Ohnmacht, nimmt die Zuschauer*innen in Geiselhaft. In Joshua Oppenheimers und Christine Cynns „The Act of Killing“ (2013) führt das Sich-Einlassen der Dokumentarfilmer auf die Clichés und den Kitsch eines re-enactment zu einer beklemmenden Form der Traumabewältigung. Denn es sind keine Opfer, sondern die Täter eines politischen und ethnischen Massenmords, die – mangels Strafverfolgung – versuchen, ihrer eigenen Siegergeschichtsschreibung ästhetisch gewachsen zu sein.

Komplizenschaft scheint, neben dem o.g. Vertrauen, ein wichtiges Ingredienz gelingender Immersion zu sein. Ihr Umschlag in Mitschuld wird ebenso untersucht wie die Frage, ob die Geiselhaft der Zuschauer*innen ein Gegengift gegen ihre Zumutungen darstellt.

Der Vortrag wurde am 19. November 2016 in der „Schule der Distanz No. 1“ im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau gehalten.