Dieser Artikel ist in der englischen Originalfassung im Magazin zum Jazzfest Berlin 2018 nachzulesen, das am 1.–4. November im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten stattfindet.

The original English-language version of this article was published in the magazine of Jazzfest Berlin 2018, which will take place at Haus der Berliner Festspiele and other venues from 1–4 November.

In diesem Essay sollen die visionären afroamerikanischen Künstler*innen James Reese Europe, Roscoe Mitchell, Nicole Mitchell und Camae Ayewa alias Moor Mother betrachtet werden. Es geht dabei um Themen wie Self-Empowerment, Mobilität und Grenzüberschreitungen von Anfang des 20. bis Anfang des 21. Jahrhunderts, die für die Ausrichtung der afroamerikanischen Musik entscheidend waren. Außerdem beschäftigt er sich mit der Bedeutung afrofuturistischer Tropen in der Arbeit von Nicole Mitchell und Moor Mother.

 

James Reese Europe

James Reese Europe mit Angehörigen der Hellfighters Band des 369. Infanterie-Regiments der USA (um 1918) © War Department – The National Archives

Die Bedeutung des Künstlers James Reese Europe für die Entwicklung afroamerikanischer Musik, vor allem in der Phase des Übergangs vom späten 19. zum frühen 20. Jahrhunderts, kann schwerlich genug betont werden. Während seiner gesamten Karriere blieb dieser klassisch ausgebildete Komponist, Bandleader, Arrangeur und Organisator dem Ideal schwarzer Selbstbestimmung verpflichtet – sowohl als sozialem als auch als ästhetischem Imperativ – und entwickelte gemeinschaftsorientierte Modelle, um die verschiedenen Genres afroamerikanischer Musik zu fördern.
1910 eröffnete Europe den Clef Club in Harlem, einen Verband, der zugleich als Gewerkschaft und als Booking-Agentur für New Yorks afroamerikanische Musiker*innen agierte. Anschließend gründete er das 125-köpfige Clef Club Orchestra und zwei Jahre später setzte er sich über die Rassen- und Kulturhindernisse hinweg, als er den ersten Auftritt eines ausschließlich aus Schwarzen Musikern bestehenden Ensembles in der Carnegie Hall dirigierte, und zwar mit einem Programm, das nur Musik Schwarzer Komponisten vorstellte. 1913 begann Europe mit seinem kurz vorher gegründeten Society Orchestra Aufnahmen für Victor Records einzuspielen. Das Society Orchestra wurde damit zum ersten Ensemble aus ausschließlich Schwarzen Musiker*innen, das von einem wichtigen Plattenlabel unter Vertrag genommen wurde.
Im September 1916 meldete Europe sich zum Militär und erhielt den Auftrag, die Kapelle des 15. Infanterieregiments aufzustellen. Dafür rekrutierte er während eines Aufenthalts in der puerto-ricanischen Hauptstadt San Juan eigens afro-puerto-ricanische Holzblasinstrumentalist*innen. Im Dezember 1917 wurde diese Einheit, die bald in das 369. Infanterieregiment umbenannt wurde, an die Front in Frankreich berufen, wo sie elf Monate bleiben und in Grabenkämpfe verwickelt werden sollte. Unter Europes Leitung und unter dem Namen Harlem Hell Fighters Military Band bekannt, wurde das Ensemble, um es mit den Worten von George E. Lewis zu sagen, „zur Sensation in Frankreich während der Jahre des Ersten Weltkriegs, vor allem wegen seiner Fähigkeit zwischen den musikalischen Sprachen des Schwarzen Protojazz und der klassischen Musik hin- und herzuwechseln.“ Während ihres elfmonatigen Aufenthalts in Frankreich trat die Kapelle sogar einmal vor bis zu 50.000 Zuschauer*innen auf und präsentierte diese neue Musik einem Publikum, das über die dort angewandten erweiterten musikalischer Techniken oft erstaunt war. Bevor er im Jahr 1919 an den Folgen einer Messerstecherei verstarb, beschrieb Europe sein Konzept einer eigenständigen afroamerikanischen Musik so: „Wir haben Frankreich für uns gewonnen, weil wir unsere eigene Musik gespielt haben und keine blasse Nachahmung Anderer. Wenn wir uns in Amerika weiterentwickeln wollen, müssen wir das in unserem eigenen Sinne tun.“

 

Roscoe Mitchell

Roscoe Mitchell © Roger Thomas

Seit seinem Debutalbum „Sounds“ von 1966 ist Roscoe Mitchell, Komponist, Multi-Instrumentalist und Gründer des Art Ensemble of Chicago, ein zentraler Akteur in der Entwicklung Schwarzer experimenteller Musik. Mitchell wurde 1940 im südlichen Teil Chicagos, der Southside, geboren, einer der größten afroamerikanischen Communities in den Vereinigten Staaten und entscheidend wichtiger Ort für eine große Bandbreite afroamerikanischer Musikgenres. Zunächst verfolgte er eine Laufbahn als Armeemusiker und trat den amerikanischen Streitkräften bei. 1958 wurde er der renommierten US Army Europe Band zugeteilt und zog nach Heidelberg, wo er drei Jahre lang bleiben sollte. Mitchell nahm beim Ersten Klarinettisten des Heidelberger Symphonieorchesters Unterricht und spielte bei Jam Sessions im Club Cave 54, wo unter anderem Albert Mangelsdorff und Karl Berger verkehrten. Während dieser Zeit lernte er auch Albert Ayler kennen, der als Mitglied der 76th Army Band in Frankreich stationiert war, und die beiden spielten im Anschluss an gemeinsame Armeeparaden in Westberlin zusammen bei Jam Sessions.
Im Jahr 1965, als das Black Arts Movement begann von sich reden zu machen, schloss sich Mitchell als einer der Ersten dem Musiker*innenkollektiv Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) an. Der Verband war von Muhal Richard Abrams in Chicagos Southside mitbegründet worden, mit dem Ziel, einen Raum für nicht-kommerzielles musikalisches Experimentieren zu schaffen und afroamerikanische Musiker*innen zu stärken. Ende 1966 gründete Mitchell das Roscoe Mitchell Art Ensemble, eines der einflussreichsten und am längsten bestehenden kreativen Musikensembles. Nach ihrer Umsiedlung nach Paris im Jahr 1969 benannte sich die Gruppe in Art Ensemble of Chicago um und wählte das Motto: „Great Black Music: Ancient to the Future“, etwa: „Großartige Schwarze Musik: Von der Vorzeit bis in die Zukunft“.
Nach Einschätzung des Musiktheoretikers Paul Steinbeck entwickelte das AEC „eine einzigartige Auftrittspraxis, in der Gruppenimprovisationen mit verschiedenen Medien (Lyrik, Theater, Kostümen und Bewegung) und einem großen Repertoire an komponierter Musik kombiniert wurden“. Über sein mehr als 50 Jahre andauerndes Bestehen hat sich das AEC stets geweigert, Schwarzen musikalischen Ausdruck einzuschränken, sondern sich vielmehr verschiedenster musikalischer Traditionen und Praktiken sowie Kunstformen bedient und dabei ständig über Grenzen hinweggesetzt. Damit wurde die Gruppe zum Inbegriff der Ideale von ästhetischer und soziokultureller Mobilität und Selbstbestimmung, die für die historischen Erfahrungen von Afroamerikaner*innen so entscheidend sind.

 

Nicole Mitchell

Nicole Mitchell © Kristi Sutton Elias

Die visionäre Flötistin, Komponistin und Pädagogin Nicole Mitchell beschäftigte sich schon in jungen Jahren mit Fragen der Schwarzen Identität, machte sich mit alternativen spirituellen Praktiken vertraut und studierte die Werke der Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler. 1991 war Mitchell Mitbegründerin des multi-instrumentellen Ensembles Samana, des ersten Ensembles der AACM, das ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern bestand. Im gleichen Jahr wurde sie die erste weibliche Co-Präsidentin des Verbands. Mitchell sieht die AACM als „Teil einer Bewegung, die die Menschen aufrichten will und die uns dabei unterstützen soll, uns als Gemeinschaft selbst zu heilen.“ In ihrer intermedialen Arbeit „Mandorla Awakening II: Emerging Worlds“ greift Nicole Mitchell auf Tropen des Afrofuturismus zurück, einer Bewegung, die eine Kulturkritik historischer und gegenwärtiger Erfahrungen afrikanischer Menschen in der Diaspora durch die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Schwarzen Subjektivitäten und Technologie versucht. „Mandorla Awakening II“ spielt im Jahr 2099 und basiert auf einer allegorischen Erzählung, in der Mitchell sich mit einem Phänomen beschäftigt, das sie „colliding dualities – kollidierende Dualitäten“ nennt, wobei zwei einander ausschließende Gesellschaftsmodelle nebeneinander existieren. Während die dystopische World Union, eine zerfallende und hierarchische Gesellschaft, sich selbst zerstört, wird die utopische atlantische Insel Mandorla von einer egalitären Gesellschaft bevölkert, die Spiritualität, technischen Fortschritt und Natur miteinander in Einklang bringt. Schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung, und geprägt durch den Grundsatz der AACM, dass Musik soziale Veränderung herbeiführen kann, erschafft Nicole Mitchell alternative Welten und Realitäten durch innovative musikalische Arbeit.

 

Moor Mother

Moor Mother © Bob Sweeney

Bei ihren dynamischen Live-Performances lässt die Musikerin, Lyrikerin, Gesellschaftsaktivistin und Pädagogin Camae Ayewa – alias Moor Mother – Hip-Hop, Samples, Punk, Noise, Spoken Word und experimentellen Jazz zu einer Musik verschmelzen, die sie „Slaveship Punk” nennt. Ayewa, die in Philadelphia lebt und arbeitet, war Sängerin und Bassistin der Punkbands Girls Dressed as Girls und The Mighty Paradocs. Mit ihrer Partnerin Rasheeda Philips gründete Ayewa das Black Quantum Futurism-Kollektiv, das hegemoniale westliche Konzepte von Zeit und Raum hinterfragt, alternative Zeitlichkeiten aus einer afrozentrischen Perspektive untersucht und das Community Futures Lab betreibt, ein afrofuturistisches Gemeinschaftszentrum, das sich gegen die Gentrifizierung seiner Umgebung stellt. Ayewa, die sich selbst als Zeitreisende beschreibt, denkt in ihrer Arbeit Konzepte von Gedächtnis, Geschichte und Zukunft neu und konfrontiert Themen wie institutionellen Rassismus und das Trauma historischer Erfahrungen aus der sogenannten Middle Passage, dem Handelsweg, auf dem Sklaven aus Afrika nach Nordamerika, Südamerika und in die Karibik verschleppt wurden. Moor Mother verarbeitet historische Erfahrungen durch Musik und beschreitet neue Wege in der Protestmusik, indem sie zum Beispiel Samples von Stimmen verwendet, die zum Schweigen gebracht wurden – so die der 28-jährigen Afroamerikanerin Sandra Bland, die wegen einer unbedeutenden Verkehrswidrigkeit verhaftet wurde und drei Tage später tot in einer Gefängniszelle aufgefunden wurde. Seit 2015 arbeitet Ayewa mit dem bürgerrechtsorientierten Avantgarde-Jazzkollektiv Irreversible Entanglements zusammen, das sich zusammentat, um bei einer Protestveranstaltung gegen polizeiliche Übergriffe in New York aufzutreten. Die Improvisationen von Irreversible Entanglements werden verwoben mit Ayewas Spoken Word-Beiträgen, in denen sie von den Leiden und Härten des Lebens in der afrikanischen Diaspora erzählt.

Nicole Mitchell und das Black Earth Ensemble wird beim Grand Opening des Jazzfest Berlin der erste Act auf der Großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele sein. Am 2. November sind, ebenfalls auf der Großen Bühne Moor Mother mit Irreversible Entanglements zu hören, gefolgt von Moor Mother und Roscoe Mitchell mit der Uraufführung von „The Black Drop“, Jamie Branch und Band und dem Art Ensemble of Chicago.  Bereits am Nachmittag des 2. November findet ein Panel mit Moor Mother, Roscoe Mitchell, Nicole Mitchell und Priscilla Layne zum Thema „Afrofuturismus & Empowerment“ statt. James Reese Europe steht im Zentrum von drei Veranstaltungen am 3. November: um 16:30 Uhr wird der Film von Francois Reinhardt „The Great War of The Harlem Hellfighters“ zu sehen sein; um 18:00 Uhr findet ein Panel mit Jason Moran, Tom Perchard und Catherine Tackley zu „James Reese Europe & The Absence of Ruin“ statt und am Abend die Deutschlandpremiere einer audiovisuellen Komposition von Jason Moran und den Filmemachern John Akomfrah & Bradford Young mit dem Titel „The Harlem Hellfighters“.