2018 ist ein Debussy-Jahr. Der Komponist, ein Pionier der Moderne, revolutionierte das Klangdenken, er rückte den Klang überhaupt ins Zentrum kompositorischer Überlegungen. War es Zufall, war es ein Zeitzeichen, dass in den 1880er- und frühen 1890er-Jahren, als seine Laufbahn begann, etliche der Orchester gegründet wurden, die heute international den Ton angeben? Einige sind beim Musikfest Berlin zu Gast: das Boston Symphony Orchestra, eines der Big Five der USA, die zwei Spitzenreiter niederländischer Orchesterkunst und die Münchner Philharmoniker. Debussys Erbe vertreten auch die Ensembles, die sich gleichsam der permanenten Klangre- und -evolution verschrieben, die Orchester des Ensemble intercontemporain, des Ensemble Modern und der Lucerne Festival Academy. Beide Gruppen, altersmäßig ungefähr ein Jahrhundert auseinander, stehen für zwei Generationen, zwei Epochen der Orchesteridee.

Rotterdam

Ein Ensemble sticht aus diesem Gruppenbild heraus: Das Rotterdam Philharmonisch Orkest entwickelte sich azyklisch. Gründungsdatum ist der 10. Juni 1918. Andere Orchester stellten damals ihre Arbeit ein. Wer installiert in Kriegszeiten ein neues? Musiker, die zu Filmen, Tanz und Varietés aufspielten und das große klassisch-romantische Repertoire erarbeiten wollten – für sich und für Freunde. Ihre Sehnsucht nach Klassik traf einen kulturellen Bedarf; bald erhielten sie Unterstützung aus der Stadtkasse, gaben öffentliche Konzerte, etablierten sich als Berufsorchester, überstanden Krieg und Besatzung einschließlich der Zerstörung von Spielstätte, Noten- und Instrumentenfundus durch deutsche Bomben. Edo de Waart und David Zinman führten das Orchester in den 1970er- und 80er-Jahren unter die Global Player; Valery Gergiev, Chefdirigent von 1995 bis 2008, und sein Nachfolger, der Kanadier Yannick Nézet-Séguin, bauten diese Position gegen den damaligen Krisentrend im Klassik-Business aus. Künstlerischer Wille ist Lebenswille: Diese Devise prägt die Arbeitsweise und den Elan der Rotterdamer. Das Konzert beim Musikfest Berlin wird etwas Besonderes – einerseits durch das Programm: Der Inbegriff großer romantischer Symphonik begegnet deren Reflexion in den 1950er-Jahren, andererseits durch die Umstände: Es ist eines der Abschiedskonzerte, die Nézet-Séguin gibt, ehe er das Orchester als Ehrendirigent verlässt, um sich auf die musikalische Leitung der Metropolitan Opera zu konzentrieren.

 

Rotterdam Philharmonic Orchestra © Hans van der Woerd

 

Yannick Nézet-Séguin © Bob Bruyn

 

Boston

Die Orchester jener Gründerjahre entwickelten ihr Klangideal nicht nur durch Dirigenten und Repertoire, sondern auch durch die Säle, die für sie gebaut wurden: die Symphony Hall in Boston, für die erstmals Architekten und Akustiker zusammenarbeiteten, den Münchner Kaimsaal (benannt nach dem Gründer des Orchesters und Initiator des Baus), der 1944 zerstört wurde; die Fertigstellung des Amsterdamer Concertgebouw ging sogar der Gründung des nach ihm benannten Orchesters voraus. Die Auseinandersetzung mit einem Raum und seiner Akustik formt Klangcharaktere mit; sie erhalten sich auch dann, wenn sie in andere Säle transponiert werden. Die Brillanz der Bostoner, die sich die US-Orchester insgesamt zum Leitbild nahmen, wurde durch die klare Akustik und den etwas kürzeren Nachhall ihres Hauses im Vergleich mit ähnlichen Gebäuden begünstigt. Sie ermöglichte die Wende vom deutsch-spätromantischen zum französisch-frühmodernen Klangideal, das in der legendären Ära Kussewitzky (1924 bis 1949) gipfelte. Andris Nelsons verbindet die virtuose Clarté des Orchesters mit der Unbedingtheit eines Künstlers, der aus einem Werk und einem Klangkörper das Maximum herausholen will. Vor drei Jahren dirigierte er Mahlers Sechste – entfesselt und kristallin scharf zugleich. Jetzt die Dritte. Sie fordert engagiertes, wildes, kontemplatives, manchmal leutseliges Musizieren – und ein gekonntes Verhältnis zur Zeit, ihren Stürmen, ihrem Verharren.

 

Boston Symphony Orchestra mit Andris Nelsons beim Musikfest 2015 © Marco Borggreve

 

Andris Nelsons © Marco Borggreve

 

Amsterdam

Was Kussewitzky für Boston, war Willem Mengelberg für das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Fünfzig Jahre leitete er es. Dem spezifischen Klang der Amsterdamer setzen die „samtenen“ Streicher das Maß. Von Anfang an zeichnete sich das Orchester durch passionierte Eleganz aus, sie wurde nicht erst von den italienischen Chefdirigenten Riccardo Chailly und Daniele Gatti eingebracht. Beim Musikfest Berlin gastierte das Orchester regelmäßig; Wagner, Mahler, Bruckner waren dabei stets ein Thema. In diesem Jahr stellt das Orchester unter der Leitung von Manfred Honeck Bruckners Wagner-Symphonie zwei Antipoden gegenüber: Webern, der Bruckners expansiven Drang mit knappster Konzentration beantwortet, und Bergs Altenberg-Lieder, die dem Pathos des Erhabenen die aphoristische Erdung des Kunstanspruchs entgegensetzen.

Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam © Anne Dokter

 

Manfred Honeck © Felix Broede

 

München

2015 übernahm Valery Gergiev die künstlerische Leitung der Münchner Philharmoniker, des Orchesters, das Mahlers Vierte und Achte Symphonie einst uraufführte und schon früh eine besondere Tradition der Bruckner-Interpretation etablierte. In ihr formte sich das Klangideal des Orchesters, in sie stellt sich Gergiev mit seinem Musikfest-Programm. Ergänzend entgegnet er damit dem Konzert seines früheren Orchesters, der Rotterdamer Philharmoniker, denn wie sie kombiniert er Bruckner mit Bernd Alois Zimmermann. Er bringt ihre letzten Werke zusammen; sie verlangen die souveräne Intensität, die Gergievs Musizieren auszeichnet.

 

Münchner Philharmoniker mit Valery Gergiev © Andrea Huber

 

Valery Gergiev © Alexander Shapunow

 

Die Jungen

Die Orchester der Gründerjahre entstanden durch Privatinitiative und wurden zu Institution. Das haben sie mit den Ensembles gemeinsam, die sich in den 1970er- und 80er-Jahren konstituierten. In ihnen taten sich Musiker*innen zusammen, die sich für neu Komponiertes engagieren, und von dort aus Rückblicke bis in die frühe Moderne unternehmen. Sie suchen den Kontakt zu Komponisten bei der Verabredung, Entstehung und Aufführung neuer Werke, und sie begründen eine Interpretationstradition, die anderen als Maßstab dient. In ihrer Organisationsform entsprechen sie einem Wesenszug neuer Musik: Diese entsteht zu großen Teilen für kleinere Ensembles, erschließt sich von dort das Klangspektrum des Orchesters und bezieht elektronische Medien ein. Deshalb gestalten die Ensembles ihre Besetzung flexibel. Ein fester Mitgliederstamm, der auch über Repertoire und Programme entscheidet, kann bis zum großen Orchester plus Elektronik aufgestockt werden. Drei führende Ensembles kommen zum Musikfest Berlin 2018: Das Ensemble intercontemporain, die Pioniergruppe, die Pierre Boulez 1976 gründete, umreißt 100 Jahre neuer Musik in drei paradigmatischen Werken; das Ensemble Modern Orchester nimmt unter Enno Poppes Leitung Mathias Spahlingers passage/paysage als Programmdevise und gestaltet dessen ersten Teil als Flanieren durch das Opus Anton Webern. Das Orchester der Lucerne Festival Academy, die jüngere Schwester des Ensemble intercontemporain, begibt sich mit Stockhausens INORI in die moderne Abteilung des transzendenten Gesamtkunstwerks, in dem spirituelle Idee und kompositorische Rationalität, Klangvision und rituelle Gestik zur Einheit verschmelzen.

 

Enno Poppe © Klaus Rudolph

 

Ensemble Modern Orchestra © Ben Knabe
Orchester der Lucerne Festival Academy während einer Probe © Manuela Jans

Die Konzerte der Gastorchester aus Rotterdam, Amsterdam, Boston, München und Frankfurt finden zu Beginn des Musikfest Berlin in der Philharmonie statt: Rotterdam Philharmonic Orchestra am 2. September, 20 Uhr; das Ensemble Modern Orchestra am 3. September, 20 Uhr; das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam am 4. September , 20 Uhr; das Boston Symphony Orchestra am 6. September, 20 Uhr; die Münchner Philharmoniker am 7. September, 20 Uhr.  Das Konzert des Orchesters der Lucerne Festival Academy bildet mit der Aufführung von Karlheinz Stockhausens Werk „INORI“ den Abschluss des Festivals am 18. September, 20 Uhr, ebenfalls in der Philharmonie.

Weitere Informationen zu den Konzertprogrammen  finden Sie unter: berlinerfestspiele.de/musikfestberlin sowie Informationen zum Kartenkauf unter: berlinerfestspiele.de/tickets.