Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie das 36. Theatertreffen der Jugend.

„Ich sehne mich so. Ich sehne mich so nach allem. Danach zu reden, nach Freiheit, Freunden, danach alleine zu sein, zu weinen.“

Vier Mädchen und fünf Jungen sitzen und liegen in engen dreistöckigen Regalen. „In mir kommt so viel hoch“, sagen sie, einer nach der Anderen. Sie alle verkörpern Anne Frank, die aus der gleichen Stadt wie sie kam, Frankfurt, und die ihnen am nächsten kommende Facette von ihr. Es ist keine Lesung von Annes Tagebuchtexten, welche sie zwischen 1942 und 1944 in ihrem Amsterdamer Versteck verfasste, sondern Zitate und Auszüge aus diesen, vorgetragen in ständig wechselnden Monologen.

„ANNE“ © Birgit Hupfeld

Die Jugendlichen schaffen es innerhalb der ersten wenigen Minuten, die Zuschauer mit einem Bann zu belegen, der alle im Saal die angestaute Wut, Unzufriedenheit und Angst spüren lässt, die Anne damals auch gefühlt haben muss. Obwohl ihre Sätze oft sehr verzweifelt klingen, trotzen sie von extremer Selbstreflektion, wodurch schnell deutlich wird, warum man ihre Texte auch 2015 noch aufarbeiten kann. Denn Anne wird hier nicht vorwiegend als Opfer des Holocaust dargestellt, sondern als inspirierende und philosophische Jugendliche, deren Gefühle vor 70 Jahren von den gleichen Bedürfnissen, Ideen und Wünschen geprägt waren, wie man sie auch heute noch verspürt.

Manchmal will man einstimmen in das laute Geschrei, welches einen, begleitet von schriller Musik, Annes inneren, angestauten Schmerz mitfühlen lässt. Ein anderes Mal möchte man ihr feministische High Five geben, für so viel ehrliches, gelassenes und ungeniertes Denken über und Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlechtsorgan und der Rolle der Frau. In einer anderen Szene hat man das dringende Bedürfnis, den Jugendlichen in den Arm zu nehmen, der Minuten lang laut weint, vor Wut über die eigenen Mutter, die drohenden Bombardements, ungerechte Behandlung im Versteck oder einfach vor herzzerreißender Sehnsucht nach mehr als dem, was das Versteck zu bieten hat.

„ANNE“ © Birgit Hupfeld

Obwohl das Stück im Grunde genommen ein einziger Monolog ist, ist stets die Präsenz eines jeden Mitglieds des Ensembles zu spüren, auch wenn nur eine*r spricht. Das Stück bleibt immer aktiv: Es werden die grauen Regale umher geschoben, es wird musiziert, gerannt und miteinander agiert. Auf einmal ist dann alles vorbei: Ein menschengroßes Auge wird auf die Bühne geschoben und mit ihm ist klar, dass die Versteckten verraten und entdeckt wurden. Die Darsteller*innen erzählen, wie es weiter ging mit ihnen, behalten aber auch dabei Annes lyrische Ader in ihrer Sprache.

Auf dem Weg ins KZ sieht Anne mit ihrer Familie das erste Mal seit langer Zeit wieder grüne Wiesen. Anne selbst hat das nicht aufschreiben können, das haben die Jugendlichen für sie getan. Die Regale, die anfangs bestückt mit persönlichen Habseligkeiten das Versteck darstellten, bilden nun die Bett-Reihen in den trostlosen nackten Baracken. Anne starb im Alter von 15 Jahren in Bergen-Belsen, nach Zwischenstationen in Westerbork und Auschwitz. Das lässt das beeindruckend harmonische Ensemble aber nicht so stehen; sie stellen sich in Annes Worten die Frage, wer sie sind und wer sie sein möchten. Und es wird ein weiteres Mal deutlich, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen Annes Vermächtnis von Bedeutung ist.

Der Bundeswettbewerb Theatertreffen der Jugend findet vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt. „ANNE“ von Junges Schauspiel Frankfurt war am 31. Mai 2015 um 20:00 Uhr zu sehen.

Dieser Text ist auch im Jugendblog des Tagesspiegel erschienen. Weitere Beiträge des JungeReporter-Teams beim Theatertreffen der Jugend finden Sie im Tagesspiegel – und weiterhin hier im Berliner Festspiele Blog.