Lors que souef il me baiseroit,
Et mon esprit sur ses leures fuiroit,
Bien ie mourrois, plus que viuante, heureuse.

Dann würde er mir süßre Küsse geben,
Zu seinen Lippen hin mein Geist entfliehn –
Sterben wär gut und glücklicher als Leben!

Louise Labé: Sonett XIII, in der Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff

Wann diese leidenschaftlichen Verse entstanden? Vor fast 500 Jahren! Und zu allem Überfluss stammen sie nicht aus der Feder eines Mannes, sondern aus der einer frei denkenden, unabhängigen Frau. Louise Labé lebte ihr ungewöhnliches Leben in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Lyon, damals kulturelles Zentrum des Landes, das vor allem die Renaissance-Einflüsse aus dem nahen Italien begeistert aufnahm. Sie war die Tochter eines Seilmachers und mit einem deutlich älteren Seilmacher verheiratet. Aber Louise liebte nicht nur ihn… In ihrem Salon versammelte sie die literarische Elite der Stadt, die der sogenannten „école lyonnaise“ angehörte und vor allem petrarkistische Lyrik verfasste.

Louise Labé, Stich von Pierre Woeiriot (1555)

Louise Labé, Stich von Pierre Woeiriot (1555)

Diese Stilform, die den mittelalterlichen Minnegesang ablöste, lebt von einer Erotik voller Metaphern und beinahe stereotyper Formulierungen. Und eigentlich ist das lyrische Ich immer ein Mann, der das herzlose Verhalten der von ihm so verehrten Frau beklagt. Für La Belle Cordière, die schöne Seilerin, wie Louise Labé genannt wurde, war das kein Hindernis. Als für die Zeit erstaunlich emanzipierte Frau ignorierte sie viele der einschränkenden Regeln und Konventionen und lebte so, wie sie es für richtig hielt. Das brachte ihr viel Häme und Verunglimpfung ein und führte am Ende sogar dazu, dass ihr Werk, ein schmales Bändchen mit Prosatexten, Elegien und Sonetten, nach ihrem Tod um 1566 in Vergessenheit geriet. Der berühmte Reformater Johannes Calvin hatte sie öffentlich als „ordinäre Hure“ geschmäht.

Erst einige Jahrhunderte später wurden sie und ihr Werk wiederentdeckt. Heute gilt sie als eine der wichtigsten – und zudem einzige weibliche – Canzoniere im Umkreis der Pariser Pléiade und damit als eine der bedeutendsten französischen Autorinnen überhaupt. Das Sonett XVIII beispielsweise hat es sogar in der heutigen Popkultur zu einigem Ruhm gebracht: „Baise m’encor“ („Küss mich noch einmal“) gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen, eine der schönsten von Nataly Dawn.

Auch den französischen Komponisten Marc-André Dalbavie inspirierten die Sonette von Louise Labé. Vor allem der scheinbare Widerspruch der strengen Struktur, wie sie für petrarkische Lyrik typisch ist, und der aufbrausenden Erotik des Inhalts üben auf ihn eine große Faszination aus. Für die androgyne Wirkung, die die Sonette zweifelsohne haben, fand Dalbavie allerdings lange Zeit keine Entsprechung in der musikalischen Welt. Erst als er den Countertenor Philippe Jaroussky zum ersten Mal hörte, war klar, dass diese engelsgleiche Stimme perfekt zu den Sonetten von Louise Labé passte.

Aus den Sonetten V, II, VIII, XII, XV, III entstanden so klanggewaltige, hochmelodische und gleichzeitig faszinierend schillernde Stücke für Orchester und Countertenor, die das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung seines Chefdirigenten Iván Fischer zusammen mit dem Widmungsträger des Werks, Philippe Jaroussky, am 6. September beim Musikfest Berlin aufführen.

Das Musikfest Berlin 2015 findet vom 2. bis 20. September 2015 in Philharmonie und Kammermusiksaal und im Haus der Berliner Festspiele statt.