Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Veranstaltungen und schreiben darüber.

„Thinking Together“ © Kai Bienert

Mist, Bahn verpasst. 10 Minuten verloren. Hätte der Kassierer im Supermarkt eben sich nicht ein bisschen mehr beeilen können? Und die nächste Bahn kommt auch noch später! Das gibt es doch nicht! Die Wut über die vertane Zeit schnaubt aus mir und allen Mitwartenden, sie hängt in einer dichten Wolke über dem Bahnsteig, sie knistert vor Empörung darüber, dass hier ein nicht reibungsloser Ablauf das reibungslose Funktionieren der eigenen Person ins Stocken gebracht hat.

Wir haben es schließlich total eilig. Ich muss gleich beim MaerzMusik-Auftakt von „Thinking Together“ sein, es geht um Zeitfragen. Angekommen, aber noch außer Atem erreichen mich völlig neue Gedanken in Form von Worten, Klängen, Bildern. Zeit als Erfahrungsdimension, als Kategorie des Politischen, als Instrument der Macht. Ich beginne, über meine eigene Zeit nachzudenken und darüber, womit ich sie fülle. Termine und Erledigungen, die an mir zerren, nagen und sich in meinem Nacken festbeißen. Mein Terminkalender ist wie eine Hydra, kaum ist eine Aufgabe erledigt, springen mir zwei neue entgegen. Und immer fehlt mir Zeit.

Aber wo bleibt unsere ganze Zeit eigentlich? Gefressen vom inkompetentem Management der Deutschen Bahn und tempodrosselndem Verkaufspersonal in den Supermärkten? Wohl kaum.

Obwohl ich meine Zeit penibel berechne und zerstückle, werde ich nie fertig, ist nie alles erledigt. Vielmehr scheint sich die Zeit zu verselbstständigen und zwischen meinen Fingern wie Quecksilber zu zerperlen, wenn ich sie zu fassen versuche. Es kommt mir so vor, als würden irgendwo Michael Endes graue Herren sitzen, die sich aus unserer Zeit gedrehte Zigarren zwischen die gehässig grinsenden Lippen schieben. Wer diese grauen Herren sind, die da unsere Zeit verrauchen, weiß ich nicht.

Sie lösen in mir ein Gefühl der Fremdbestimmung aus, weil nicht ich die Zeit zu lenken scheine und ich mich am Ende des Tages immer ein bisschen schuldig fühle und die Hydra noch so unglaublich viele Köpfe hat. Mir wird suggeriert, ich hätte alle Freiheiten und Möglichkeiten und stehe gleichzeitig unter dem Druck, die r i c h t i g e n Möglichkeiten wahrzunehmen und dabei unsere Zeit effektiv zu nutzen, um möglichst alles, so schnell wie möglich, möglich zu machen. Schaffe ich das nicht, ist eben schon jemand anders da. Der Schnelle frisst den Langsamen. Wer schneller in die Bahn drängt, bekommt den Sitzplatz, wer sich schneller Kompetenzen aneignet, kommt weiter, wer schneller den Ellenbogen ausfährt, schafft es nach oben. Oben?

Zeit ist offenbar ein so diffuses wie allgegenwärtiges Instrument des Wettbewerbs, denn wer schneller ist, gewinnt die Wettbewerbsschlacht. Dieses Prinzip scheint mich so zu beherrschen, dass ich in jedem Lebensbereich nach der Wettbewerbslogik agiere, bei Fragen wie: Welcher Hydrakopf zuerst? Welche Kompetenzen optimieren mich? Welche Freunde? Welcher Lebensweg? Das, was ich mache, muss sich schließlich immer lohnen, sonst ist das Zeitverschwendung.

Sind wir freie Wesen? Können wir Zeit nach unseren Ideen verwenden und ein Leben nach unseren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Hoffnungen leben? Vielleicht ist es an der Zeit, sich auf den Weg zu den grauen Herren zu machen und ihnen ihre Zigarren zu entreißen, um zu einem Leben zu finden, das uns entspricht. Und vielleicht macht uns das mit der Zeit glücklich.

Dieser Text ist auch im Tagesspiegel vom 25. März 2015 erschienen. Weitere Beiträge des JungeReporter-Teams bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen finden Sie im Tagesspiegel – und weiterhin hier im Berliner Festspiele Blog.