199,5 Stunden werden die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop live gespielt haben, wenn die letzte Vorstellung des „Orfeo“ im Berliner Martin-Gropius-Bau im Kontext des Musikfest Berlin im September vorbei ist. Jede Minute davon wird sich von allen anderen unterscheiden, denn die Zusammenstellung der Partituren wird ein Computer-Algorithmus vornehmen. Jeder Ton stammt aus der Feder von Claudio Monteverdi. Doch Kaleidoskop und das Team um die Regisseurin Susanne Kennedy werden die Reise des Sängers in die Unterwelt, zu seiner durch ein Unglück gestorbenen Eurydike, erfahrbar machen wie nie zuvor erlebt. In diesem Logbuch lesen Sie in den kommenden Monaten, wie die Orfeo-Maschine bis zur Premiere auf der Ruhrtriennale am 20. August 2015 erschaffen, gefüttert und perfektioniert wird.

Susanne Kennedy © Julian Baumann

Was ist das Besondere an „Orfeo“ im Vergleich zu Ihren bisherigen Arbeiten?

Für mich wird das ein ganz neues Arbeiten, denn wir müssen erst einmal herausfinden, wie wir überhaupt proben. Dies ist ein Stück, in dem Zeit und Raum eine andere Rolle spielen als in einem Stück mit einem konkreten Rahmen. Wenn ich zum Beispiel an den Münchener Kammerspielen arbeite und die große Bühne und einen zeitlichen Rahmen von zwei Stunden habe, ist das etwas ganz Anderes. Auf einmal wird meine Rolle als Regisseurin in Frage gestellt. Ich bin es gewohnt, dass man bei der Premiere für jede Minute einer Szene Entscheidungen getroffen hat, über jede Bewegung, jeden Sound, jeden Lichtwechsel und den ganzen Rhythmus des Stücks. Und auf einmal wird mir das aus den Händen genommen! Das wird also eine Neudefinition meiner eigenen Arbeit, aber sie kommt im richtigen Moment. Ich habe einige Inszenierungen gemacht, weiß also in gewisser Weise, wie meine Arbeit funktioniert, und nun muss das alles „umgeschaufelt“ werden. (Sie bewegt ihre Hände wie ein Wasserrad.) Und dann ist es natürlich so, dass wir ein Team sind, mit Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot und mit Kaleidoskop. Ein Team von Machern. Die Rolle der Regisseurin stellt sich in diesem Zusammenhang anders dar, aber ich finde das sehr spannend.

Sie bilden mit Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot das Regieteam. Was ist dabei die Rolle Ihrer beiden Kolleginnen?

Ich habe mit den beiden schon einmal gearbeitet, in dem Stück „Hideous Women“. Die beiden arbeiten anders als ich, weil sie erst während der Proben in den Szenen Material finden, während ich, wie jetzt bei „Orfeo“ auch, vom Text ausgehe und das Material von außen in die Proben hineintrage. Die beiden spielen mit und sind damit anders in das Stück einbezogen, doch sie treten während der Proben auch einmal aus der Arbeit heraus und beobachten. Sie haben eine mit-sehende Art zu spielen. Sie haben die ganze Zeit über ein „Über-Bewusstsein“. Ich habe von den beiden sehr viel gelernt: über den Körper, über das Auf-der-Szene-Stehen, auch darüber, loszulassen, vieles nicht zu wissen und es erst während der Proben selber zu finden.

Spielen sie im „Orfeo“ auch mit? Sind sie beide Eurydike?

Ja. Wie alle Mitspielenden eigentlich.

Sie inszenieren also nicht „Orfeo“, sondern Eurydike?

Das Stück heißt zwar „Orfeo“, doch es geht ja um das Paar, Orpheus und Eurydike, die zusammen gehören. Das Interessante ist, dass Eurydike zwar ein wichtiger Teil ist, aber in der Oper nicht vorkommt. Es ist, als ob sie nur ein Motor für Orfeo sei. Sie dient nur dazu, ihn irgendwo hinzuführen. Es passiert in der Literatur ja sehr oft, dass die Frau sterben muss, damit der Mann irgendwo hinkommt und einen Prozess durchleben kann. Und hier stellt sich die Frage: Wer ist diese seltsame Frau, dieser Schatten, der verschwindet, aber nicht losgelassen wird? Das ist ja etwas Elementares in dieser Oper, dass Orpheus Eurydike nicht loslässt und ihr sogar bis in die Unterwelt nachsteigt, um sie zurück zu holen. Dass sie also nicht sterben, und er nicht weiterleben kann. Uns interessierte, wie ist es in dieser Unterwelt? Wo ist sie da, und wer ist sie da? Wie könnte man das verkörpern, und wie sehen Raum und Zeit in dieser seltsamen Welt aus? Vielleicht wirkt die Verbindung zwischen diesen beiden Faktoren ganz anders, und sie kann nicht nur einmal, sondern mehrfach dort sein?

Und daraus entstehen verschiedene Räume.

Wir hatten das Gefühl, dass der Zuschauer wie Orfeo selbst durch diese Welt wandeln soll, ebenso orientierungslos. Gleichzeitig ist auch Orfeo anwesend, der bei uns als einziger als Sänger erscheinen wird. Die anderen Gesangspartien werden von Instrumenten übernommen. Es gibt acht Räume, durch die die Zuschauer wandeln, und sie werden immer genau zehn Minuten lang dort verweilen. Aber wie das alles aussehen wird, wird erst in den nächsten Wochen in den Proben in Berlin-Rummelsburg und dann bei den Endproben in der Mischanlage in Essen entwickelt, das ist noch völlig offen!

Die Räume, in denen die einzelnen Szenen spielen, sind sehr klein. Es verspricht, klaustrophobisch zu werden. Dadurch werden beim Zuschauer nicht nur durch die musikalischen Assoziationen getriggert, sondern es wird auch ein ständiges Gefühl des Eingesperrtseins hervorgerufen.

Nach meinen letzten Arbeiten hatte ich das Bedürfnis, in das Bild hineinzugehen.Dass der Zuschauer nicht nur auf etwas guckt, sondern dass er richtig hineinkommt und sich, im übertragenen Sinne, hineinsaugen lässt. Und wenn diese Szene plötzlich vier Wände hat, die Türen zugehen und man in dieser seltsamen Parallelwelt gefangen ist, bis die Türen wieder aufgehen , dann ist das eine andere Erfahrung als wenn ich im Zuschauerraum sitze und weiß, ich kann jederzeit aufstehen und gehen.

Diese Suche nach Eurydike, nach diesem Schatten – bedingt die nicht, dass man eine Vorstellung von ihr haben muss, um sie zu erkennen? Können Sie sich wirklich davon befreien?

Wie geht man mit einem Mythos um? Sind das ganz normale Personen, die man wirklich treffen könnte? Für mich sind eher das Projektionsflächen. Man kann nicht sagen: Eurydike ist dieser Typ Frau und Orpheus jener Typ Mann, sondern so ein Mythos hat sich über Jahrtausende hinweg mit Bildern, Projektionen, mit Gedanken und Wünschen aufgeladen. Solche archaischen Bilder benutzen wir auch heute immer wieder aufs Neue. Auch ich benutze sie; Eurydike etwa, um etwas herauszufinden und eine Reise zu machen. Deswegen könnte ich weder sagen, sie ist Feministin, noch femme fatale – ich weiß nicht, was sie ist. Sie ist ein Bild.

Monteverdis „Orfeo“ ist eine musikalische Ikone. Haben Sie schon einmal mit Musik gearbeitet, und wie ist das jetzt mit einem so vermeintlich unantastbaren Werk, das zerschnitten und neu zusammengesetzt wird?

Auf diese Weise habe ich noch nie mit Musik gearbeitet. Es ist auch meine erste Oper, und ich finde es eigentlich gut, dass ich gleich auf so eine freie Art und Weise damit umgehen kann. Obwohl man an einem Opernhaus mit Bühne und Orchester auch in eine „Maschine“ hineinkommt, ist das eine andere als die unsere. Ich arbeite aber immer nach einem Rhythmus, und eine Partitur, Klang, Sound sind sehr wichtige Dinge in meiner Arbeit. Und ich arbeite sehr viel mit Stille, deshalb mache ich mir jetzt schon viele Gedanken, wie es sein wird, wenn die ganze Zeit Musik zu hören sein wird. Ich lerne sehr viel im Umgang mit Live-Musik, möchte mir aber gleichzeitig meine Freiheit erhalten. Und das ist sehr gut möglich mit einer Gruppe wie Kaleidoskop.

Könnte sich in der Arbeit auch ein Raum entwickeln, in dem es nur Stille gibt?

Sicher. Gleichzeitig ist die Frage, ob das überhaupt möglich wäre, denn das Orchester wird in allen Räumen präsent sein und so fast von überall her zu hören sein. Isolieren können wir einen Raum vermutlich nicht. Aber das ist noch eine offene Frage, bevor die Proben beginnen, nämlich wie der Klang sein wird und was man wo hören wird. Wahrscheinlich werden wir das erst in Essen wirklich herausfinden, und im Martin-Gropius-Bau in Berlin wird es dann wieder ganz anders sein.

Wird sich diese Veränderung eher in der Musik oder in den Räumen zeigen?

Im Moment denken wir, dass wir Raum für Raum planen wollen. Denn ich kann ja nicht alles inszenieren. Man könnte sagen: „In diesem Raum passieren diese und in jenem eben andere Sachen.“ Aber das wird auch von der Musik abhängen, die der Algorithmus ja auswählt und neu zusammensetzt. Es hilft mir überhaupt nicht, jetzt „Orfeo“ rauf und runter zu hören, weil das Material, mit dem wir arbeiten, ganz anders sein wird. Wir müssen darauf reagieren. Für die Schauspieler wird es eher so sein, dass sie sich in den Räumen aufhalten und daraus eine Art „Dasein“ entwickeln. Vielleicht werden wir festlegen, dass der Zuschauer in den 80 Minuten, die er in unserem „Orfeo“ verbracht hat, dieses und jenes gesehen haben soll – aber eigentlich sieht jeder einzelne etwas ganz Eigenes. Es ist nicht so, dass man die ganze Zeit ein Angebot macht und die ganze Zeit spielt, sondern dass man dort „lebt“ und es kommen eben Leute hinzu.

Der einzige Text, der noch vorhanden ist, wird von Orfeo gesungen. Alle anderen Figuren werden von Instrumenten gespielt, die Passagen sind ohne Worte. Dadurch und auch durch das Neu-Zusammensetzen wird die Handlungsebene aufgehoben. Ist es schwer für Sie, zu sagen: „Ich mache Theater, aber ich löse mich von jeglicher Handlung“?

Klar! Man nimmt sich etwas weg, was einem sonst Halt bietet. Der rote Faden ist verschwunden, aber letztendlich ist es dadurch so, als würde alles zu einer Essenz werden. Der lineare Ablauf, der zu einem Ende führt, wird abgegeben, dagegen erscheint alles wie in einem einzigen Punkt zusammengeballt. Das führt wieder zu der Frage nach Zeit und Raum – alles muss irgendwie da drin sein, aber nicht mehr hintereinander „aufgedröselt“. Es ist ganz wichtig, dass wir diese Sache, für die wir uns entscheiden, diese Oper, ernst nehmen. Das tun wir – und doch können wir sie durch eine Art Katalysator geben, und heraus kommt so etwas wie eine konzentrierte Flüssigkeit. Ich glaube auch, dass wir heute nicht mehr unbedingt ins Theater gehen müssen, um Geschichten von A bis Z zu erleben – es geht hier darum, durch eine sinnliche Erfahrung direkt an diesen Schmelzpunkt herangeführt zu werden.

Wie erleben Sie als Regisseurin das Heranführen an diesen Schmelzpunkt?

Ich werde das nie erleben können. Ich werde schon einmal mit einer Zuschauergruppe durchlaufen, aber was es bedeutet, als Mitwirkende diese neuneinhalb Stunden in diesem Dasein zu verbringen, werde ich nicht erfahren können. Das ist ein ganz komisches Gefühl, zu sagen: „Ich gebe es euch hin, ihr macht es, aber ich kann es nicht erleben.“ Aber es ist, glaube ich, eine gute Erfahrung. Die Illusion wird einem genommen, dass man als Regisseur mehr wisse. Es wird für uns alle eine neue Arbeitserfahrung sein, die Fäden aus der Hand zu geben. Ich glaube, vor ein paar Jahren hätte ich das noch nicht gekonnt, aber jetzt habe ich Lust auf so ein Loslassen.

„Orfeo“ ist an zehn Tagen zwischen dem 18. September und dem 4. Oktober 2015 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.