„Primera carta de San Pablo a los Corintios. Cantata BWV 4, Christ lag in Todesbanden. Oh, Charles!“ © Samuel Rubio

„Primera carta de San Pablo a los Corintios. Cantata BWV 4, Christ lag in Todesbanden. Oh, Charles!“ © Samuel Rubio

 

Ihr Leben und ihre Kunst, sagt Angélica Liddell gern, seien eins. All das, was sie auf der Bühne darstellt, das ist sie auch im echten Leben. Und all das, was sie im Leben beschäftigt, findet sich auf der Bühne wieder. Die optische Differenz allerdings kann für den Beobachter dann doch frappant sein. Hat sich die Künstlerin am Abend zuvor noch in ihrem Stück „You Are My Destiny (lo stupro di Lucrezia)“ wie Tod und Teufel gekrümmt und röchelnd über die Bühne geschleppt, hat gespuckt und geflucht, beim Schlussapplaus als „Zugabe“ ihr Höschen abgestreift und sich mit hoch geschlitztem Kleid breitbeinig von zwei Performern zu Technobeats über die Bühne tragen lassen wie in einer Porno-Show, sitzt sie am nächsten Morgen mit schwarzer Hornbrille und hoch gebundenen Haaren freundlich lächelnd in der Hotellobby – als sei sie ihre eigene brave Schwester.

Kunstfigur und Privatperson – wie sehr diese beiden Kategorien bei der spanischen Performerin, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin miteinander verschmelzen, ist zeit ihrer Karriere ein großes Thema. Nicht nur, weil Liddells Texte sich oft lesen wie Einblicke in ihr Tagebuch, weil sie auf der Bühne intimste Vorgänge öffentlich zelebriert, sondern auch, weil sich ihre Performances so gut erzählen lassen vor dem Hintergrund ihres Lebens. Die drei Inszenierungen, die in diesem Jahr bei Foreign Affairs zu sehen sind, zeigen einen Querschnitt durch Liddells künstlerische und persönliche Biografie und geben viel preis von dieser heute fast 50-jährigen Frau, die international als furiose Ausnahmekünstlerin gefeiert wird. Verglichen mit den düsteren, leidvollen, exzessiven Arbeiten ihrer früheren Jahre, bei denen sie nur mit ihrem Text auf der Bühne stand, sich die Beine ritzte, die Hände in Milch verbrannte oder sich mit Bier übergoss, wirkt dieser neue, dreiteilige „Auferstehungszyklus“, zu dem auch „You Are My Destiny“ gehört, trotz mancher masochistischer Szenen verhältnismäßig licht. Sie selbst setzt bei unserem Gespräch am Morgen, das mit viel schwarzem Kaffee geführt wird, ihr Leben und Schaffen einer spirituellen Reise gleich: „Geboren bin ich in der Hölle, jetzt, mit beinahe 50, gehe ich durchs Fegefeuer und suche nach dem Paradies. In der ,Göttlichen Komödie’ wird Dante von Vergil begleitet – mein Begleiter ist allein der Schmerz. Aber wenn man 50 ist, muss man irgendwie aufs Paradies schauen, sonst kann man nicht weiter gehen. Es ist ein schwerer Weg, man steht immer am Rand des Abgrunds, und überall begegnen einem Monster und Menschen, die leiden.“

Die früheste Arbeit, die beim Festival zu sehen sein wird, stammt aus dem Jahr 2002: „Lesiones incompatibles con la vida“ (Verletzungen, unvereinbar mit dem Leben). Sie mutet an wie eine grausam trostlose Reminiszenz der eigenen Kindheit. Ein Video wird abgespielt, in dem ein altes Schwarz-weiß-Foto von Mutter und Vater Liddell mit der kleinen, dunkeläugigen Angélica durch die Wohnung, die Stadt, die Welt und das Leben reist: Erst liegt es neben schmutzigem Geschirr, dann auf dem Herd, in der U-Bahn, in den Händen eines Penners, in denen von Mickey Mouse, im Regal eines Supermarkts. Dazu spricht die Performerin ein anklagendes Protestgedicht, das sich gegen die ausschließliche Rolle der Frau als Mutter richtet, aber auch gegen das Leben und die Fortpflanzung an sich in einer von Bosheit zerfressenen Welt. Setzt man die Autorin dabei mit der Erzählerin gleich, wirkt der Text wie eine Abrechnung mit der eigenen Familiengeschichte: „Die großen Hoffnungen meiner Eltern haben meine eigenen Hoffnungen zerstört. Mein Körper ist mein Protest gegen die großen Hoffnungen meiner Eltern, gegen die großen und dummen Hoffnungen der Welt. (…) Ich will nur Tochter sein. Mit mir endet die Tyrannei des Blutes. Ich will keine Familie gründen. (…)Die Familie ist das Wichtigste. Ohne Familie kommt niemand an die Macht. Die Macht und die Familie, immer vereint. Das kotzt mich an.“ Obwohl hier auch patriarchale Gesellschaftsstrukturen angegangen werden, die Frauen in die immer gleiche Rolle von Jungfrau, Mutter oder Hure pressen, bewegt sich dieses frühe Stück mit seinen ästhetischen Mitteln nah an Liddells persönlichen Abgründen. Sie selbst bestätigt das: „Für mich ist es heute schwer erträglich, das Video in der Performance anzuschauen. Es ist Teil einer anderen Lebensphase, es gehört zur Rebellion in meiner Jugend.“

Auch in „Yo no soy bonita“ (Ich bin nicht schön), das 2013 bei Foreign Affairs gastierte, performt die Spanierin, die mit dem Nationalpreis für dramatische Literatur ausgezeichnet wurde, ihren eigenen Text allein auf der Bühne. Auch hier steht die Reduzierung der Frau zum Sexobjekt im Mittelpunkt – was Liddell aber keineswegs als feministisch verstanden wissen will. Sie bezieht die Aussagen allein auf ihren seelischen Schmerz, ihre eigene Erfahrung. „Mein Leben“, erklärt sie, „ist wie ein Notizbuch – die Aufschriebe darin verwandle ich zu Arbeiten auf der Bühne.“ Im Text spricht die Ich-Erzählerin von einem Mädchen, dessen Vater Soldat war, und das deshalb in einer Kaserne aufwuchs – ganz wie Angélica Liddell. Dieses Mädchen im Text wurde von Soldaten begrapscht und als Hure tituliert. Es ist leicht, auch Liddells Jahre in der Klosterschule im Stück gespiegelt zu sehen: „Man hat mir beigebracht, Distanz zu halten, als würde mich ein Priester mit dem Besenstiel wegstoßen. Man hat mir beigebracht, meinen Frauenkörper zu hassen, mit Prügeln. Die Lehre ist immer Pflicht. Man wird pflichtmäßig erzogen. Man wird pflichtmäßig abgesondert. Man hat mich schuldig fühlen lassen, weil ich eine Frau bin.“ Der Einfluss der katholischen Traditionen auf ihre Arbeit ist in jedem Werk zu spüren: In „Yo no soy bonita“ wischt sie das Blut ihrer aufgeschlitzten Beine mit Weißbrot ab, das sie dann genüsslich verspeist. Schockieren will sie damit nicht, sagt sie: „Ich will nicht provozieren, sondern zum Denken herausfordern. Die Bühne ist ein mysteriöser Ort, von dem aus das Publikum zum Nachdenken angeregt werden kann. Kein Ort, von dem aus man die Gesellschaft verändert.“

Ihr dreiteiliger „Auferstehungszyklus“ scheint dagegen nicht mehr „in der Hölle“ geschrieben zu sein. 2014 war der erste Teil „Tandy“ bei Foreign Affairs zu sehen, eine Performance, die auf der Kurzgeschichte „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson basiert. Ein kleines Mädchen wird von einem abgerissenen Trinker angefleht: „Sei mutig genug, zu wagen, geliebt zu werden. Sei mehr als nur eine Frau oder ein Mann. Sei Tandy.“ Liddell zelebrierte dieses Flehen nach dem Mut der Liebe in der Kreuzberger St.-Agnes-Kirche wie eine Messe. „There will be miracles“ war in Leuchtschrift über der Szene zu lesen, eine Putte hing von der Decke herab, das kleine Mädchen trug Blumenkränze im Haar. Eine bewusst pathetische, kitschige Performance mit großer Geste, wie sie zum Teil schon in früheren Arbeiten („Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy)“ und „La casa de la fuerza“) sichtbar war – nie aber so spirituell überhöht wie hier. Sie ist auch von ganz anderem Geist als „Yo no soy bonita“ mit dessen Gewalt- und Selbstkasteiungsexzessen.

„You Are My destiny (lo stupro di Lucrezia)“, der zweite Teil des Auferstehungszyklus, und „Carta de San Pablo a los Corintios. Cantata BWV 4, Christ lag in Todesbanden. Oh Charles!”, Teil drei, gastieren nun in diesem Jahr bei Foreign Affairs. Während sich der „Brief des Paulus an die Korinther“ dem „Hohelied der Liebe“ widmet und daraus eine Hymne auf die irdische Liebe macht, interpretiert „You Are My Destiny“ die antike Geschichte der Schändung der Lucrezia neu. Die schöne, tugendhafte Lucrezia nimmt sich in der klassischen Vorlage das Leben, nachdem sie vom Römer Tarquinius vergewaltigt worden ist. Liddell legt die gewaltsame „Schändung“ als schicksalshafte Liebesgeschichte aus. Im Zentrum stehen hier, hoch provokant, nicht nur die missbrauchte Lucrezia, sondern die durch deren Schönheit und Reinheit gefolterten, provozierten Männer. Anders als das konzentrierte, ruhige „Tandy“ ist „You Are My Destiny“ ein großer, bildstarker, sehr musikalischer Abend über das Leid und Schicksal der Liebe. Lucrezias Schänder wird hier zum einzigen Mann, der sie je wirklich, mit aller Leidenschaft, geliebt hat. Zum ersten Mal stehen gemeinsam mit der Performerin zehn Männer auf der Bühne, kraftstrotzend, viril, außerdem ein dreiköpfiger ukrainischer Chor, der Händel-Melodien singt.

Auch „You Are My Destiny“ sei aus ihrem persönlichen Leben heraus entstanden, schreibt Liddell. Es gehe aus dem fünf Jahre zuvor erschienenen Stück „La casa de la fuerza“ hervor, mit dem sie damals eine schmerzliche menschliche Enttäuschung in Venedig verarbeitet habe. „In Venedig habe ich dieses Stück über den Schmerz der Frauen geschaffen, um mich an den Männern zu rächen, mit aller Kraft, die ich besaß. Venedig wird für mich immer verbunden sein mit Schmerz und mit unumkehrbaren spirituellen Lektionen. Ich wollte nie wieder in diese Stadt zurückkehren.“ Doch weil sie 2013 bei der Biennale den Silbernen Löwen für ihre Theaterarbeit verliehen bekam, reiste sie doch noch einmal hin. „Ein Lichtstrahl strömte auf meine Wunden.“ Daraus entstand das neue Stück. Hier traf sie bei Proben auf jene Männer, die nun mit ihr bei „You Are My Destiny“ auf der Bühne stehen. Und sie traf, zufällig, wie sie sagt, mitten auf der Straße, auf den ukrainischen Männerchor, der im Stück nun singt.

Trotz des starken Akzents, den Angélica Liddell auf den seelischen, persönlichen Ursprung ihrer Performances legt, ist eines doch unübersehbar: Die Inspirationsquellen, die sie nutzt, um sich an ihrem gesetzten Thema abzuarbeiten, reichen weit. Sie greift auf antike Mythen zurück, wie im Fall Lucrezia, benutzt deren Bearbeitung in der Kunst für ihre bildreichen Inszenierungen (vieles erinnert an Tizian, Tintoretto, Goya), sie lässt sich von Klassikern der Weltliteratur, der Bibel, von klassischer Musik und von Filmen tragen. Die Idee für den ukrainischen Chor, auf den sie dann zufällig in Venedig traf, stammt aus einem Film des russischen Regisseurs Sergej Paradjanov. „Wenn ich anfange zu arbeiten, werde ich sehr aufmerksam auf alle Dinge, die um mich herum passieren“, erzählt sie. „Ich trinke von allen Quellen, die sich auftun, achte auf jeden Zufall. Wie kleine Partikel fliegen diese Dinge dann durch meinen Körper, verursachen ein riesiges Chaos, bis sie sich am Ende zu einem einzigen großen Nervenstrang verbinden.“ Vor allem mit den großen spanischen Malern kann sie sich leicht identifizieren: „Ich habe spanische Wurzeln und ich finde mich selbst in diesen Bildern wieder. Ich sehe mich selbst in deren Dunkelheit.“

Und auch wenn ihre Kunst nicht prioritär aus gesellschaftskritischem Impetus heraus erwächst, sondern auf persönlichen Erfahrungen basiert, so entstehen dabei doch immer Arbeiten, die politisch und gesellschaftskritisch begriffen werden können – oft sogar müssen. In „La casa de la fuerza“ hält Liddell einen anderthalbstündigen Hassmonolog auf Mütter, die ihren „Dignitätszuschlag“ allein aus ihrer Mutterschaft gewinnen; später treten Frauen auf, die ganz nüchtern, und gerade deshalb so bewegend von unaufgeklärten Frauenmorden in Mexiko berichten.

Der „Auferstehungszyklus“ bewegt sich tatsächlich weit stärker auf spiritueller als auf gesellschaftspolitischer Ebene. Was bei Angélica Liddell trotzdem nicht heißt, dass hier nur Harmonie zelebriert wird: „In einem solchen spirituellen Zyklus findet man keine Freude, keine Glückseligkeit. Ja, ich versuche heute, aufs Paradies zu schauen – aber ohne Hoffnung. Wenn man mit Hoffnung aufs Paradies sieht, ist man dumm.“ Denn auf einer spirituellen Suche zu sein, das bedeute noch lange nicht, an Gott zu glauben. „Gott ist tot, nicht aber die Notwendigkeit, an ihn zu glauben. Auch wenn man weiß, dass das Paradies nicht existiert, ist es wichtig, es zu suchen. Das hat nichts mit Glaube zu tun, das ist eine Notwendigkeit.“ Ihr Weg, sagt Liddell, habe sie von der Katastrophe in die Enttäuschung geführt, dann in die Irre, in den Betrug – und nun in diese spirituelle Bewegung. Um Gewalt oder Politik sei es in ihren Arbeiten aber noch nie gegangen – sondern immer nur um Liebe, in jedweder Form. Auch ihre Auftritte seien genau das: „ein Liebesakt“.

Der Focus Angélica Liddell bei Foreign Affairs umfasst 5 Arbeiten: Die Stücke „You Are My Destiny (lo stupro di Lucrezia), „Primera Carta de San Pablo a los Corintios…“ und „Lesiones incompatibles con la vida“, die Lesung „Via Lucis“ mit Irm Hermann und Altea Garrido und eine Filmbox mit ausgewählten Filmen.