Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

MM 16_Bild Var. 1 Bad Music Shlomowitz für Seite 24

„Können wir wirklich sagen, ein Musikstück ist von Natur aus schlecht oder sind solche Urteile rein subjektiv?“ fragt der Komponist Matthew Shlomowitz. Das hat wahrscheinlich jeder sich schon einmal überlegt, nach einem Konzertbesuch oder dem häuslichen Hören von Musik. Ist man nicht alleine, fragt man seine Begleitung, wie sie diese das Stück fand. Ein völlig natürlicher Prozess, der in uns vorgeht, da wir uns ja nichts antun müssen, was uns nicht gefällt. Aber selbst mit viel Systematik und Beschreibungen stößt man an Grenzen. Ich erkenne typische Abfolgen und Gliederungen verschiedener Musikstile und höre, wenn sich ein dissonanter Klang wohlig auflöst. Das, erfährt das Publikums auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele, sei aber überhaupt nicht ausschlaggebend dafür, dass wir ein Musikstück als „gut“ empfinden. Oder doch?

Als das Plus-Minus-Ensemble gegen 20:45 den ersten Ton in den Saal schickt, herrscht noch eine zum Knistern gespannte Stimmung. Die vier Instrumente kreieren Akkorde in stetigen Abständen. Das synthetisch klingende Keyboard bildet den Grundklang der Atmosphäre, Violine und Klarinette liefern teils unangenehme Höhen und die E-Gitarre komplettiert das Ganze. Natürlich ertönen scharfe Disharmonien, aber da der Klang jeweils für einen kurzen Moment in der Luft steht, ist das Klangerleben dennoch angenehm, da es so niemals zu Hektik oder Überforderung kommt. Bereits nach kurzer Zeit ist der letzte Ton verhallt, die ernsten Interpreten senken Gesichter und Instrumente, um still zu verharren. Die Klarinette als Führungsstimme setzt wieder ein. Man ist gespannt, wie es weitergeht. Ein zweiter Satz, eine Bearbeitung des Gehörten, etwas völlig Neues?

Genau das Gleiche! Bereits nach den ersten gespielten Tönen ist wohl jedem im Raum klar, dass er diese Musik schon mal gehört hat, nahezu behaupten könnte, er kenne sie. Wahrscheinlich bin ich aber auch nicht der Einzige, der nach Unterschieden Ausschau hält, dabei jedoch – bis auf die kleinen Differenzierungen der Mimik der Interpreten – enttäuscht wird. Das Prozedere wiederholt sich ein drittes Mal. Nun kenne ich bereits die Länge des Stückes, die wenigen rhythmischen Eigenheiten und sogar Tonverläufe der Einzelstimmen. Eine spannende Erfahrung. Da es sich bei dem ersten Hören tatsächlich um das allererste Hören handelte, wird es auch nicht langweilig, was man bei den ersten Tönen noch befürchtet hätte. Man ist wieder und wieder total in der Musik, manchmal möchte man sogar mitsingen. Was passiert hier bloß?

Das Experiment, das Matthew Shlomowitz mit seiner „Lecture about Bad Music“ an uns durchführt, ist nicht neu. Max Meyer hat es bereits 1903 gemacht. Nach dem dreimaligen Spielen steigt Shlomowitz nun ein in seine und die Gedanken vieler musikalisch-aufmerksamer Menschen vor ihm. „Ein schlechtes Stück zu komponieren ist gar nicht so leicht“, beschreibt er den Einstieg in sein Projekt und lässt einen seiner Versuche zu Gehör bringen. Für mich klingt es noch schlechter als das Erste, chaotischer, ungeordneter, intransparenter. Vielleicht liegt das aber wirklich daran, dass ich das zu Beginn vorgestellte Stück nun schon kenne und mir auch das jetzige bei wiederholtem Hören gefallen würde. Das erstmalige Erleben kann man schließlich nicht zurückdrehen.

Der Abend läuft kurzweilig weiter. Thesen zur Harmonieempfindung werden stets direkt von dem Ensemble belegt. Das Timing ist perfekt, jeder Beginn und Abschluss gleichzeitig, die ernste Musikalität erzeugt geradezu einen ironischen Kontrast zu Shlomowitz‘ nett und anschaulich vorgetragenen Gedanken. An einer Stelle wird eine Komposition vorgetragen, die aus fünf Einzelelementen besteht, die uns separiert vorgespielt werden. Es ist das Beschäftigen mit der Musik, die einem die Freude an ihr schenkt. Der Prozess vom anfänglichen Unverständnis und folgendem Verstehen, wenn das auch nie zu einem Ende kommt. Später spielt der E-Gitarrist eine Heavy Metal-Solo-Passage in das bestehende Stück hinein, was einem natürlich sofort aufstößt, selbst wenn es sich um neue Musik handelt. Aber eben darum, weil man es nun schon anders gewohnt war und dachte, dass man innerlich zu „wissen“glaubt, wie es „richtig“ sein müsste.

Der Abend geht schnell vorüber, und doch ist die Frage nach „guter“ Musik nicht beantwortet. Das wird sie wohl nie und das ist auch gut so. Dennoch sind spannende Wege aufgezeigt worden, Menschen Musik zu vermitteln, was sich in diesem Extremfall der besonders ungewohnten Musik deutlich zeigt. Der Mensch ist in hohem Maße zu lernen fähig und kann sich gerade dadurch nicht herausreden, dass ihm dieses oder jenes schlichtweg nicht gefalle, ehe er sich nicht darauf eingelassen hat und es nicht mehrere Male versucht hat. Vielleicht sollte alles drei oder viele Male gespielt werden.

Matthew Shlomowitz‘ „Lecture about Bad Music“ für Ensemble und Sprecher wurde am 14. März 2016 im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen aufgeführt.