Der Komponist Karlheinz Stockhausen, dessen Komposition „MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ beim Musikfest Berlin im Haus der Berliner Festspiele vom Ensemble Musikfabrik und seinem Solotrompeter Marco Blaauw aufgeführt wird, und der Architekt eben dieses Hauses, Fritz Bornemann, haben sich nicht nur gekannt, sondern bei einem besonders spektakulären Projekt eng zusammengearbeitet: dem Kugelauditorium auf der Expo 1970 in Osaka.

Dieses Projekt wurde möglich, weil bei der Planung der deutschen Beteiligung auf der Expo in Osaka entschieden wurde, auf Produktpräsentation und Leistungsschau nationaler Wirtschaftskraft zu verzichten zugunsten eines kulturell ausgerichteten Programms, das die Themenschwerpunkte Technik und Kultur zusammenspannt. Das hatte für die Konzeption der Ausstellungsarchitektur Folgen. Denn nicht Architektur zur Repräsentation war gefragt, sondern moderne Bauformen, die neue Technologien und Medien integrieren ließ. Aus mehreren eingereichten Realisierungsentwürfen wurde der Fritz Bornemanns ausgewählt. Wie kam nun Karlheinz Stockhausen ins Spiel?

Der damals zuständige Koordinator der deutschen Expo-Planung war Klaus von Dohnanyi, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, ein Förderer der zeitgenössischen Musik. In einem Protokoll wurde festgehalten, dass vor allem Karlheinz Stockhausen als Protagonist der musikalischen Nachkriegs-Avantgarde in der Bundesrepublik zu einem Kern des deutschen Beitrags werden sollte: „Es wird sich darum handeln müssen, die Musik mit Raumelementen architektonischer und kinetischer Art zu paaren, die zu einem Raumerlebnis führen, das nur denkbar ist als neu zu schaffendes einheitliches Kunstwerk. Die idealen Voraussetzungen für diese Vision des deutschen kulturellen Programms sind bei dem Teilprogramm Stockhausen gegeben.“ Stockhausen war nicht nur der Repräsentant der neuen elektronischen bzw. elektroakustischen Musik, er hatte bereits 10 Jahre zuvor an Raumkompositionen gearbeitet, noch analog beispielsweise an dem großen Orchesterwerk „Gruppen“ von (1955/57) – 2008 im Rahmen des Musikfest Berlin aufgeführt –, später in der elektronischen Komposition „Gesang der Jünglinge“ (1955/56) oder 1968 in „Musik für ein Haus“. In seinem Vortrag „Musik im Raum“ von 1958 entwickelte er bereits die Vision eines kugelförmigen Raums, wie er dann auf der Expo 1970 realisiert werden sollte.

„Es müssen neue, den Anforderungen der Raum-Musik angemessene Hörsäle gebaut werden. Meinen Vorstellungen entspräche ein kugelförmiger Raum, der rundum mit Lautsprechern versehen ist. In der Mitte dieses Kugelraums hinge eine schalldurchlässige, durchsichtige Plattform für die Hörer. Sie könnten von oben, unten und von allen Himmelsrichtungen eine für solche Räume komponierte Musik hören. Die Plattform wäre über einen Steg erreichbar. So ist Akustikern und Architekten eine Aufgabe gestellt, die keine Spielerei mit Zukunftsträumen wäre, sondern eine dringende Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten.“

Stockhausen wurde im Frühjahr 1968 zur Mitarbeit eingeladen und im Spätsommer trafen sich Stockhausen und Bornemann bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt. Bornemanns Pläne sahen zu diesem Zeitpunkt noch ein an ein Amphitheater erinnerndes Raumkonzept vor, bei dem das Orchesterpodium zentral positioniert war, um das die Zuhörerplätze herum gelagert waren, vergleichbar mit dem Scharoun-Konzept in der Philharmonie. Stockhausen muss den Architekten jedoch überzeugt haben, davon abzusehen, die Idee eines immer noch konventionell konzipierten Saales aufzugeben und stattdessen einen Raum zu gestalten, der für perfekte Manipulation und Kontrolle elektronischer Klangerzeugung und Klangbewegung geeignet war. Die Publikumsplattform sollte in der Mitte der Kugel sein, umgeben von einer allumfassenden Lautsprecherinstallation. Während im vorherigen Entwurf Bornemanns noch die Musik im Mittelpunkt steht und die Zuhörer sie umgeben, wird in Stockhausens Konzept dieses Verhältnis umgedreht und die Zuhörer ins Zentrum der sie umgebenden Musik platziert.

 

Stockhausen hat unmittelbar nach den ersten Gesprächen mit Bornemann das Projekt „HINAB-HINAUF“ entworfen, das eine Zusammenarbeit mit Otto Piene vorsah und als ein „Modell für musikalische, visuelle und raumplastische Integration“ gedacht war. Elektronische Klangerzeugung, Musik auf konventionellen Instrumenten, Lichteffekte, Einsatz von kinetischen Objekten, Film- und Diaprojektionen sollten synchronisiert werden. Dieses Projekt wurde nicht realisiert – vermutlich wegen seiner Komplexität und aus Kostengründen. Stattdessen war Stockhausen mit Live-Konzerten einiger seiner neuen Kompositionen im Kugelauditorium in Osaka präsent.

„MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ ist 10 Jahre später entstanden, und auch hier ist der/die Hörer*in integratives Element der Komposition. Um das Auditorium im Großen Saal der Berliner Festspiele sind Lautsprecher installiert, die das Klanggeschehen auf der Bühne nicht nur in den Zuschauerraum projizieren und abbilden, sondern das Publikum mit auf die musikalische Entdeckungsreise nehmen.

Kugelauditorium auf der Expo ’70 in Osaka © Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten (www.karlheinzstockhausen.org)

Kugelauditorium auf der Expo ’70 in Osaka © Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten (www.karlheinzstockhausen.org)

Einige technische Details

Das Kugelauditorium war das einzige Bauelement, das über der Erde sichtbar war – die anderen Ausstellungsflächen hatte Bornemann in den Untergrund verlegt. Gemeinsam mit Karlheinz Stockhausen, dem Fritz Winckel vom Studio für Elektronische Musik der Berliner Technischen Universität und dem Ingenieur Max Meringhausen wurde das Projekt realisiert. Die Kuppel wurde als Raumfachwerk aus Stahlröhren konstruiert, war 22,5 Meter hoch und hatte einen Außendurchmesser von 30 Metern. Eine Plattform für das Publikum, Solisten und Dirigenten befand sich im unteren Drittel des Kugelauditoriums. Ebenso war ein Regiepult mit der Regelungstechnik für die Steuerung der Lautsprecher und der Raumbeleuchtung installiert. Insgesamt 650 Lautsprecher wurden im Inneren, gleichmäßig verteilt auf 50 dreieckigen Lautsprecher-Schallwänden, eingehängt, ebenso ein zentraler Tieftonlautsprecher unterhalb der Besucherplattform.

„MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ von Karlheinz Stockhausen ist in der Aufführung von Ensemble Musikfabrik mit Marco Blaauw am 18. und 19. September 2015 im Haus der Berliner Festspiele zu erleben.