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Monteverdi – Ausnahmemusiker mit heutigen Problemen
Claudio Monteverdi, Gemälde von Bernardo Strozzi, Bildquelle: Wikimedia Commons, lizenziert unter GNU Die Zeiten ändern sich – wirklich? Claudio Monteverdi wurde vor 450 Jahren in Cremona geboren, und man könnte meinen, damals sei alles anders gewesen als heute. Mitnichten. Burnout, Flexibilität, Networking – Monteverdis Briefe geben Einblick in das Leben des berühmten Komponisten, das verblüffende Anknüpfungspunkte zum Heute entdecken lässt. Arbeitsbelastung und Burnout Als Monteverdi „L’Orfeo“ schrieb, sein erstes musikdramatisches Werk, war er 40 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits fünf Bücher mit Madrigalen veröffentlicht, vier davon, während er bereits in Diensten des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua stand. Monteverdi hatte dort als Violinist begonnen und sich im Laufe seiner insgesamt 22 Jahre währenden Tätigkeit an diesem Hof zum „Maestro di Musica“ hochgearbeitet. In dieser Funktion war er für alle Musikbelange am Hof zuständig, d. h. für die Auswahl und Pflege von Instrumenten, für die Auswahl von Sängern und für die Bereitstellung von Kompositionen, sowohl für den Alltag als auch für spezielle Anlässe. Monteverdi hatte also sowohl Kammermusik, Musik für Theateraufführungen als auch geistliche Werke zu erarbeiten – eine große Arbeitsbelastung, die den Komponisten an den Rand seiner Kräfte trieb. Und bereits damals waren lange Krankenzeiten nicht gerne gesehen. In einem Brief aus dem Jahr 1608 an den Hofbeamten Annibale Chieppio schildert Monteverdi seinen Zustand: „Euer Erlaucht, mein Hochedler Herr, heute, am letzten Tag des November, habe ich von Ew. Gnaden einen Brief erhalten, dem ich entnommen habe, daß Seine Hoheit befehlen, ich solle so bald wie möglich nach Mantua kommen. Sehr geehrter Signor Chieppio, wenn er es befiehlt, daß ich komme und mich erneut mit anstrengender Arbeit abmühe, so versichere ich Euch, daß mein Leben dann, wenn ich mich von der anstrengenden Arbeit an der Theatermusik nicht ausruhe, sicherlich kurz sein wird, weil ich mir als Folge der vergangenen Überanstrengung ein Kopfleiden zugezogen habe, und einen so heftigen Juckreiz um die Taille, der sich durch die vorgenommenen Ausbrennungen, durch die Einnahme von Purgiermitteln, durch Aderlaß und andere starke Mittel bis jetzt nur teilweise heilen ließ. […] Denkt nur, Ew. Gnaden, was dem meine Arbeit hinzufügen würde.“ Im selben Brief zählt Monteverdi noch weitere Missstände auf: sein im Vergleich zu anderen Musikern und Komponisten geringes Gehalt, Zusatzausgaben für eine Livree und viele zeitraubende kleine Arbeiten. Er bittet um Entlassung. Diese wurde ihm nicht gewährt, der Brief zeigte aber trotzdem Wirkung: Monteverdis Gehalt wurde erhöht und ihm eine jährliche Pension zugestanden, um deren Erhalt er jedoch bis zu seinem Todesjahr kämpfen musste. Der Lautenspieler, um 1595 – 1596, Öl auf Leinwand, 94 x 119 cm von Michelangelo Merisi da Caravaggio Flexibilität und Mit-der-Zeit-gehen Die Akustik und baulichen Gegebenheiten der damaligen Bühnenhäuser erforderten einen ausgeprägten praktischen Sinn. Monteverdi komponierte also für den spezifischen Aufführungsort und dachte das Arrangement der Sänger*innen und Musiker*innen auf der Bühne immer mit. Dabei war er durchaus rigoros, wie ein Bühnenbildassistent 1627 schreibt: „Monteverdi hat sich nach den Plätzen der Musiker umgesehen, aber es ist gehörig schwer, ihn in bezug auf seine Ideen zufriedenzustellen, und gleich zu Anfang machte er geltend, daß die Spieler dort nicht aufgestellt werden können; wir werden aber alles Erdenkliche versuchen, um ihm Genüge zu tun, was auch immer geschieht.“ In diesem Fall ergab sich das Problem im Teatro Farnese, das von Baumaßnahmen betroffen und daher sehr eng war. Erst 1628 konnte eine Konstellation gefunden werden, die Monteverdi zusagte: Eine Balustrade verbarg die Instrumentalisten vor dem Publikum, und die Sänger*innen konnten so angeordnet werden, dass sie einander sehen konnten und so zu einem Ensemble im wahrsten Wortsinn wurden. Auch die Instrumentierung passte Monteverdi den jeweils lokalen Gegebenheiten an. Während Monteverdis langjähriger beruflicher Tätigkeit änderte sich die Theaterlandschaft Italiens gravierend: Während „L’Orfeo“ noch ein nicht wiederholbares Auftragswerk für den Hof in Mantua war, produzierte Monteverdi „Il ritorno d’Ulisse in patria“ und „L’incoronazione di Poppea“ für öffentliche Opernhäuser in Venedig – zur Unterhaltung für ein zahlendes Publikum während der Karneval-Saison, fast 35 Jahre nach „L’Orfeo“. Die damals im Entstehen begriffenen kommerziellen Theater waren für die machthabenden venezianischen Familien eine Investition unter mehreren. Somit waren sie in höchstem Maße interessiert, Zuschauer anzulocken, nicht nur, weil diese Einnahmen generierten, sondern auch, weil ein gut gefülltes Haus das Ansehen der Familie, der das betreffende Theater gehörte, steigerte. In Venedig öffneten immer mehr Theater dieser Art, was dazu führte, dass immer neue Opern hergestellt werden mussten, um die Schaulust des Publikums zu befriedigen – leicht adaptierbare Werke mit einem reduzierten oder variabel besetzbaren Ensemble, um auch im Gastspielbetrieb funktionieren zu können. Monteverdi, damals bereits über 70 Jahre alt, schaffte es nicht nur, die Opern „Il ritorno d’Ulisse in patria“ und „L’incoronazione di Poppea“ passgenau für diese veränderten Bedingungen zu komponieren, sondern auch, Arbeiten von so hoher Qualität zu produzieren, dass sie im Folgejahr wiederaufgenommen wurden – eine absolute Ausnahme zu dieser Zeit. Geldsorgen Monteverdi wurde während seiner Zeit beim Herzog in Mantua immer wieder von Geldsorgen geplagt, da des Herzogs Prunksucht Unsummen verschlang und mit verspäteten oder ausbleibenden Bezahlung seiner Bediensteten zu Buche schlug. Monteverdi war daher gezwungen, häufig Briefe zu schreiben und offene Gelder einzufordern – eine nervtötende und dennoch mit Diplomatie zu regelnde Angelegenheit, die, wie er in mehreren Briefen schildert, viel Zeit verschlang: „[…] Trotz alledem habe ich mich, um die Zahlungen zu erhalten […], morgens und abends in den Pflichten des Gebets, der Demut und Höflichkeit geübt, bei denen ich nahezu meine ganze Arbeitszeit vertan habe und ständig vertue, die ich eigentlich für die Neigungen und Wünsche Ew. Hoheit einsetzen sollte […]. Trotzdem kann ich nichts bekommen.“ Bis zu seinem Lebensende ist Monteverdi gezwungen, sich mit Geldangelegenheiten zu befassen – nicht nur mit seinen eigenen, sondern auch denen seiner Kinder. „Intendantenwechsel“ und die Notwendigkeit, Kontakte zu pflegen Am Hof Vincenzos I. Gonzaga waren auch Hofschranzen, Komödianten und Alchimisten versammelt. Nach den Tod Vincenzos wurden sie entlassen – Monteverdi ebenfalls, wenn auch nicht bekannt ist, aus welchen Gründen. Monteverdi war danach, obwohl er einer der bekanntesten Komponisten Italiens war, ein Jahr arbeitslos. Der Zufall half ihm beim Finden einer neuen Stelle – der „Maestro di Capello di San Marco“ starb überraschend, und Monteverdi wurde von den Prokuratoren von San Marco als dessen Nachfolger vorgeschlagen und ausgewählt. Monteverdis finanzielle Sorgen hatten mit dieser Position – eine der wichtigsten und einflussreichsten des musikalischen Europas – ein Ende. Die Arbeitsbelastung blieb jedoch hoch, und der Kontakt nach Mantua riss nicht ab – zum einen, weil ausstehenden Zahlungen an Monteverdi noch nicht beglichen waren, und zum anderen, weil es in Mantua für Monteverdi die Möglichkeit gab, Opern aufzuführen (in Venedig konnte man sich Opern zu diesem Zeitpunkt noch nicht leisten). Aufführungen von Monteverdis Werken in Mantua kamen aus unterschiedlichsten Gründen häufig nicht zustande, Monteverdi blieb den Gonzagas jedoch bis zum Tode verbunden – bis auf wenige Ausnahmen sind all seine Veröffentlichungen Mitgliedern dieser Familie gewidmet. Accademia – Procession in piazza San Marco von Gentile Bellini Die Notwendigkeit guter Assistenten Antonio Goretti, Monteverdis musikalischer Assistent, zeichnet 1527 ein Charakterbild des Maestros: „Signor Monteverdi komponiert nur morgens und abends: nachmittags mag er überhaupt nichts tun. Ich dränge ihn und entlaste ihn von solcher Arbeit – was bedeutet, daß ich ihm die fertigen Teile aus den Händen reiße, nachdem wir sie gemeinsam diskutiert und bearbeitet haben; und ich finde das so schwierig und verwickelt, daß ich Euer Erlaucht mein Wort gebe, daß ich mehr arbeite, als wenn ich alles selbst zu komponieren hätte, und daß, wenn man ihm alles allein zu schreiben überließe, das Zeit und nochmals Zeit verschlingen würde (und wenn ich ihm nicht so sehr auf den Fersen wäre, hätte er noch nicht einmal die Hälfte dessen fertig, was jetzt vorliegt). Zwar ist die Arbeit gewaltig und langwierig; aber immer noch ist er ein Mensch, der die Dinge gemeinsam und mit großer Ausführlichkeit durchzusprechen liebt (und was das angeht, so habe ich es mir zur Regel gemacht, ihm dazu während der Arbeitsstunden jede Gelegenheit zu nehmen) – so daß ich sagen möchte, daß meine Aufgabe keine geringe ist.“ Ohne angemessene Unterstützung war also auch ein musikalisches Ausnahmetalent wie Monteverdi nur begrenzt leistungsfähig. Ungewöhnliche Hobbies 1622 war Monteverdi ein halbes Jahr lang krank – vermutlich hatte er sich durch die unsachgemäße Einnahme eines neuen Abführmittels eine Quecksilbervergiftung zugezogen. Kalomel, ein Quecksilberchlorid, war zwar hochwirksam, verdarb aber leicht: falsche Lagerung oder die Einwirkung von Licht verwandelten das Medikament zu Gift. Womöglich hatte Monteverdi bereits eine verdorbene Probe erworben; jedenfalls war er fünf Monate ans Bett gefesselt. Nach seiner Genesung versuchte er, der Ursache der Erkrankung durch experimentelle alchimistische Versuche auf die Spur zu kommen – in seinen Briefen dieser Zeit dreht sich alles um Kolben und Quecksilber, Tiegel und Destilliergeräte. Er begann eine Briefkonversation mit Ercole Marigliani, dem Hofsekretär in Mantua. Wissenschaft und Alchimie waren damals noch eng verbunden – am Hof von Vincenzo I. waren etliche Alchimisten beschäftigt, zumeist mit dem Versuch, Metalle in Gold zu verwandeln. Monteverdi betrieb die Alchimie als Hobby und beschrieb 1625 sehr ausführlich, wie die Umwandlung von Blei zu Gold zu bewerkstelligen sei. Wortwitz und Rhetorik Monteverdi hatte als Kind eine gute Ausbildung genossen und war daher geschult in Rhetorik, eine Tatsache, die auch im Ton seiner Briefe zum Ausdruck kommt. So entschuldigte sich der Komponist häufig für Versäumnisse mit dem Hinweis auf Erkrankungen, oft mit großem rhetorischem Geschick, wie hier 1619 in einem Brief an den Hofbeamten Alessandro Striggio, dem Librettisten von „L’Orfeo“: „Folgert aus meiner Säumigkeit nicht, dass ich ein gleichgültiger Diener bin. Denn mein Herz und meine Körperkräfte laufen nicht im Gleichschritt, weil jenes fliegt, wenn diese hinken.“ Ein leicht ironischer Ton begleitet auch die letzte Erwähnung von alchimistischen Versuchen in einem Brief 1626: „Hier erweise ich meinem vielmals geehrten Signor Marigliani Ehrerbietung, zugleich bitte ich Gott von ganzem Herzen um den Gipfel all Eures vollkommenen Glücks und berichte Euch von der Neuigkeit, daß ich gerade dabei bin, Feuer unter einem Glaskolben zu machen mit Deckel drauf, um ein Ich-weiß-nicht-was herauszubekommen, um daraus ein Ich-weiß-nicht-was herzustellen, auf daß ich dann meinem Signor Marigliani mit Gottes Hilfe freudig dieses Ich-weiß-nicht-was erklären kann.“ Und auch einige Bonmots lassen sich in seinen Briefen finden, wie hier aus einem Brief 1627: „Ich weiß, daß man schnell komponieren kann, aber schnell und gut geht nicht zusammen.“ Wendezeit Monteverdi lebte in einer Zeit der Umwälzungen, des Umbruchs. Zu politischen Krisen, die das Italien des 16. Jahrhundert schüttelten, kam eine Wirtschaftskrise, die ihren Höhepunkt in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts erreichte. Die Religion bot keine Sicherheit – Reformation und Gegenreformation hinterließen ihre Spuren. Und die experimentelle Wissenschaft kam zu Ergebnissen, die weder die Erde noch den Menschen länger in den Mittelpunkt des Kosmos zu platzieren vermochte. In der Kunst schlugen sich diese Verunsicherungen, veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen in vielerlei Hinsicht nieder – tendenziell wich das Geordnete dem Ausufernden, die Harmonie der überraschenden Wendung, dem Kontrast, der Spannung. Zeitgenossen Monteverdis waren u.a. Galileo Galilei, Johannes von Kepler, Francis Bacon, William Shakespeare, Miguel de Cervantes und Caravaggio – also Wissenschaftler und Künstler, die bahnbrechende, fast revolutionär zu nennende Entwicklungen in ihrem Fachbereich vorangetrieben hatten. Trivia   – Claudio Monteverdi stammte aus einer Familie von Chirurgen und Wundärzten. Der Chirurgenberuf wurde damals noch auf dem Markt ausgeübt, zwischen Ständen für Obst und Fisch – denn Chirurgie war damals ein Handwerk.   – Monteverdi veröffentlichte als 15-Jähriger insgesamt vier Werke – hauptsächlich Motetten, eine musikalischen Gattung, mit der er sich später kaum noch befasste.   – Während sich Monteverdi 1589 auf die Suche nach einer Anstellung begab, erhielt Galileo Galilei den Lehrstuhl für Mathematik in Pisa.   – Als Torquato Tasso 1595 in Rom starb, zog Monteverdi im Tross von Herzog Vincento I. Gonzaga in den Krieg gegen die Türken – denn Vincento wollte während der Reise auf Abendunterhaltungen nicht verzichten. Für seine Ausstattung musste Monteverdi in der Reisezeit selbst aufkommen.   – Zur selben Zeit, als Monteverdi „L’Orfeo“ schuf, war auch Peter Paul Rubens als Hofmaler in Mantua tätig.   – Giftgasanschläge waren bereits in Monteverdis Zeit angedacht – bei einem Feldzug gegen die Türken drängte Vincenzo I. seine Alchimisten, Kanonenkugeln zu erfinden, die Gase im Lager der Türken verstreuen sollten.   – Als die Herzogin von Mantua 1622 erwirkte, dass Monteverdis jüngerer Sohn Massimiliano in Bologna ein Medizinstudium aufnehmen konnte, schenkte ihr Monteverdi zum Dank einen lebendigen Affen.   – Monteverdis ältester Sohn Francesco wurde 1620 Mönch – überraschend für den Vater, der für die Ordenskleider und die Reise des Sohnes aufkommen musste.   – Nach einer Pestepidemie in Venedig 1630 und 1631 muss Monteverdi die Weihen genommen haben, er nannte sich ab diesem Zeitpunkt „Reverendo“. Wann genau er in den geistlichen Stand getreten ist, ist nicht bekannt.   – Monteverdis Sohn Massimiliano wurde 1627 von der Inquisition verhaftet, weil ihm vorgeworfen wurde, ein medizinisches Buch gelesen zu haben, das auf dem Index stand. Er kam erst nach Monaten gegen eine Bürgschaft, die Monteverdi über hochrangige Bekannte akquiriert hatte, frei.   – Der erste historische Roman über einen Komponisten vor Bach und Händel wurde über Monteverdi geschrieben.   – Heinrich Schütz wurde um 1629 herum Schüler Monteverdis.   – Monteverdi wurde 1637 von einem Sänger des Chores auf dem Kirchplatz von San Marco schwer beleidigt: „Und damit mich jeder einzelne versteht, sage ich, daß Claudio Monteverdi ein räuberischer, verfluchter Ziegenbock ist […].“ Der Sänger wurde verwarnt.   – Ellen Rodard stellt die These auf, dass Monteverdi in „L’Orfeo“ sein eigenes Talent als musikalischer Allrounder auf die Bühne bringt, indem er in den Instrumentalpassagen dieser Oper immer andere Instrumente stückbestimmend wirken lässt. Da diese Passagen als Echo von Orfeos Stimme angelegt sind, implizieren sie, dass Orfeo alle diese Instrumente spielen kann – und können so vielleicht als Hinweis darauf gedeutet werden, dass Monteverdi hier bewusst versucht hat, mit seinen eigenen Fähigkeiten als musikalischer Mastermind zu beeindrucken.  
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