Künstler*innen

Wilfried Minks bei der Verleihung Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2010 Wilfried Minks bei der Verleihung Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2010
Der erste Preis
Eine Laudatio auf Wilfried Minks
„Music is not something that is separate from life.”
Ein Gespräch mit Fabrizio Cassol
„Requiem pour L.“ – eine Totenmesse zwischen den Kontinenten
Requiem pour L. © Chris Van der Burght Für Fabrizio Cassol ist die Re-Interpretation von Mozarts „Requiem“ die riskanteste musikalische Unternehmung, an der er sich je versucht hat. Dieses künstlerische Abenteuer begann ungefähr drei Jahre vor der Uraufführung in Berlin, als Cassol und Alain Platel ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit planten. Wahrscheinlich entstand die Idee während der Tournee mit „Coup Fatal“, einem Stück, das auf der Begegnung zwischen 13 kongolesischen Musikern und dem europäischen Barockrepertoire beruht und ebenfalls in Berlin zu sehen war. Der Anfang ihrer Zusammenarbeit liegt allerdings schon über zehn Jahre zurück, als sie gemeinsam „vsprs“ entwickelten, das auf Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ basiert. Als nächstes folgte „pitié!“, dessen letzte Vorstellungen in Kinshasa man vielleicht als historisch bezeichnen könnte, denn dieses Projekt schuf eine enge Verbindung mit dem Kongo, die noch heute nachwirkt. Vor allem Alain Platel war an einer Adaption von Mozarts „Requiem“ interessiert, was vermutlich daran lag, dass er während dieser Zeit einige persönliche Begegnungen mit dem Tod hatte: Er musste sich von seinem Vater verabschieden, er verlor, auch das zählt zu den Verlusterfahrungen dieser Zeit, seinen geliebten Hund und begleitete schließlich seinen Mentor Gerard Mortier an dessen Sterbebett. Für Fabrizio Cassol war an Mozarts „Requiem“ wiederum interessant, dass dieses Werk zunächst Fragment geblieben war und zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Komponisten ergänzt wurde. In der Bibliothek des Dirigenten Sylvain Cambreling fand Cassol eine quellenkritische Ausgabe des „Requiem“ und begann, sie zu studieren. Anhand der verschiedenen Handschriften konnte er Mozarts Kompositionen von den Ergänzungen anderer unterscheiden. Allerdings wäre es falsch, anzunehmen, dass Cassol diese Ergänzungen komplett gestrichen und nur den „reinen“ Mozart behalten hätte, denn schon die Urfassung wurde überarbeitet. Cassol machte Zeichnungen und entwickelte so ein imaginiertes Destillat, das die Mozart’sche Komposition erkennbar hält und dabei auch die Texte wesentlich reduziert. Requiem pour L. © Chris Van der Burght Hinzugefügt wurde dieser Mozart’schen Essenz dann wiederum eine zeitgenössische Ebene, die sich aus der Musik anderer Kulturen und anderer Formen des Umgangs mit dem Tod speist. Diese Ergänzungen sind allerdings nicht rein afrikanisch, für Cassol gehören sie zu einer musikalischen Klangwelt, für die er sich stets stark gemacht hat und die aus spezifischen Musiktraditionen (der Pygmäen, aus Indien oder Mali) gespeist wird. Jede für sich ist mit sehr spezifischen Ausprägungen von Spiritualität verbunden. Und in der Begegnung und Verbindung all dieser Einflüsse lag für Cassol die große Herausforderung: Das „Requiem pour L.“ entwickelt eine alternative Form von Trauerfeier, die weder westlich noch afrikanisch geprägt ist. Wie hat Fabrizio Cassol das Werk ansonsten bearbeitet? Jeder, der das „Requiem“ kennt, wird sofort an groß angelegte Chorgesänge denken. Cassol ersetzte den Chor durch Individuen und schuf so alternative Ausdrucksräume, in denen die Melodien aufeinander folgen – das „Requiem“ wird so zu einem zwischenmenschlichen Geschehen. Für diese Gesangsparts, oft der einzig erhaltene Teil des Mozart’schen Originals, brauchte Cassol eine Reihe von lyrischen Stimmen. Normalerweise basiert die Gesangsverteilung auf einem soliden Fundament aus vier Stimmlagen: Sopran, Alt, Bariton und Bass. Cassol entschied sich bewusst für Dreieckskonstellationen und ließ den Bass aus. Daraus entstehen gleichzeitig eine größere Flexibilität und eine Art von Instabilität. Dem Trio lyrischer Stimmen steht ein Trio schwarzer Stimmen aus der oralen Tradition gegenüber: der in Brüssel lebende Fredy Massamba, Boule Mpanya und Russell Tshiebua aus Kinshasa – die Backgroundsänger, die schon bei „Coup Fatal“ in den Vordergrund getreten sind und auch bei Platels Produktion „nicht schlafen“ mitgewirkt haben. Allerdings singen die Stimmen nicht immer zusammen und können daher auch nicht immer Unterstützung beieinander finden. Für Cassol liegt hierin eine Ausweitung des Konzepts der Fuge, die diese Musik freudvoller klingen lässt. Requiem pour L. © Chris Van der Burght In Mozarts Partitur fehlt die Ausarbeitung der letzten Sätze. Im Allgemeinen bezieht man sich musikalisch auf den Anfang der Partitur, aber dies ließ sich mit Platels Vorhaben nicht vereinbaren. Deshalb lässt Cassol das „Requiem“ allmählich in die „Messe in c-Moll“ übergehen. Das „Requiem“ ist in d-Moll komponiert; für Cassol die offenste, glänzendste Tonalität: eine Freude, die langsam in das schwerere, dunklere und dramatischere c-Moll abgleitet. Cassol betrachtet sich als den Architekten dieser Musik. Aber wir sollten nicht vergessen, dass sie auch durch die Beiträge der Musiker*innen bei den Proben geprägt ist. Daher haben die lateinischen Texte des „Requiems“ und der „c-Moll Messe“ ihre Entsprechungen im Lingala oder Suaheli, hier und da mit Einsprengseln aus dem Tshiluba oder Kikongo. Dies gelingt relativ fließend, denn der Sänger Russell Tshiebua arbeitet häufig als Übersetzer und Texter und Fredy Massamba rezitiert in seiner Muttersprache, dem Kilari von Brazzaville. Manchmal kommt zuerst die Übersetzung und dann die Musik; dann wieder gibt es zuerst die Noten und dann erst kommt die Sprache, die am besten dazu passt. Und doch unterscheiden sich die Übersetzungen nie grundlegend vom lateinischen Text. Am schwierigsten sind die oft rauen Harmonien, die auf so eigenwillige Art und Weise gegeneinander aufgetürmt werden. Dies entspricht überhaupt nicht den normalen Gepflogenheiten der Kongolesen oder Afrikaner und verlangt eine andere kulturelle Reaktion. Diese gestaltet sich ziemlich kompliziert, da alles über das Gehör erlernt werden muss und die Partitur an vielen Stellen von dem abweicht, was die Musiker*innen gewohnt sind. Es wird erst dann alles klar, wenn alle Stimmen ausgefüllt sind; auch deshalb dauerten die musikalischen Proben so lange (die ersten Proben fanden im April 2016 statt). Die große Herausforderung bestand nicht nur darin, Musiker*innen aus unterschiedlichen Traditionen zusammenzubringen, sondern es war ebenso wichtig, dass diese Musiker*innen ihre Lebensart in der Musik zum Ausdruck bringen konnten. In den Ritualen der Freimaurer hatte die Zahl „drei“ immer einen besonderen Stellenwert. Um Mozart und seiner Freimaurerei Tribut zu zollen, gibt es nicht nur in den Stimmen Dreieckskonstellationen, sondern es gibt auch drei Likembes (oder Daumenklaviere). Zuweilen wird die Musik beinahe kubistisch: Im „Confutatis“ treffen Rhythmen, Einflüsse und Welten aufeinander und erschaffen ein Bild aus vielen Facetten. Glücklicherweise ist Rodriguez Vangama auf der Bühne, der Konzertmeister von „Coup Fatal“, der das Ensemble auch hier fest im Griff hat. Das Euphonium oder die Tuba (gespielt von Niels Van Heertum aus „En avant, marche!“) scheint dem Todesengel anzugehören, im „Tuba Mirum“ seine Klage anzustimmen und im „Hostias“ gleichsam in den Kopf der sterbenden L. zu kriechen. Das Akkordeon dient gleichermaßen zur Untermauerung wie zur Untergrabung der Vokalharmonien, und die Perkussionsinstrumente agieren als das sprichwörtliche Klopfen an der Tür. Hier erreichen wir die Grenzen dessen, was sich musikalisch ausdrücken lässt.  
Motiv Treffen junger Autoren 2017 © Philipp Jester Motiv Treffen junger Autoren 2017 © Philipp Jester
Briefe der Literatur
  Liebe Priya, wie schön, wieder einmal von Dir zu hören! Deine lesende Anwesenheit spüre ich ja immer wieder in meinen weitläufigen Korridoren. Kann hier und da hören, wie Dein eigenes Schreiben in meinen engen Kammern anhebt – ein Widerhall, ein Tönen, ein Ringen mit anderen. Besonders schmeichelhaft aber ist es, wenn Du Dich direkt an mich wendest. Dann bekomme ich eine Ahnung meiner eigenen Bedeutsamkeit. Ich sollte das eigentlich gar nicht sagen, aber ich freue mich, dass aus Dir keine dieser Autorinnen geworden ist, die selbst nicht lesen. Ich erinnere mich noch an Deine Angst vor zu viel Einfluss anderer auf Dein eigenes Schreiben – bis Dir klar wurde, dass je mehr Du liest, Du andere weniger imitierst. Lesen und Schreiben sind die Doppelhelix der Literatur, die grundlegende DNA jedes bedeutenden, jedes wahrhaft einzigartigen Werks. (Manche glauben doch tatsächlich, der Weg zur Originalität führe über das Nichtlesen, weil sie dann „rein“ und „frei“ von Einfluss blieben! Das nenne ich echte Unbildung!) Und doch beklagst Du, in letzter Zeit zu viel gelesen zu haben! Deine Inspiration sei in sich zusammengefallen, sagst Du, vor lauter Sorge, dass bereits alles geschrieben und gelesen sei. Du fragst Dich, was Du meiner unermesslichen und ständig wachsenden Überfülle hinzuzufügen haben könntest. Nun, der Gedanke ist Dir ja keineswegs neu – und dennoch hast Du immer weiter geschrieben. Alle Autor*innen zu allen Zeiten kannten ähnliche Zweifel und schrieben dennoch. Warum? Dreistigkeit. Eitelkeit. Notwendigkeit. Künstlerisches Schaffen wird aus einer Kombination dieser drei Impulse geboren, und die besten Werke entstehen, wenn letzterer dominiert. Ich erinnere mich noch daran, als vor beinahe zehn Jahren Dein erster Roman herauskam. Du sagtest, jetzt, mit der Veröffentlichung eines Buches, seist Du eine Autorin. Ich gab zu bedenken, dass sich Dein Verständnis von Autorschaft mit der Zeit womöglich ändern werde. Und jetzt merke ich, dass sich tatsächlich etwas verschoben hat. Du sagst, Schreiben stelle für Dich keine Entscheidung mehr dar, sondern eine Notwendigkeit. Wenn Du nicht schreibst, sei alles sinnlos, und nur im Schreiben erschienen Dir die Dinge begreiflich. Ich jubelte, als ich das las, doch schon mit Deinem nächsten Absatz musste ich mich zügeln, weil Du Dir darin Sorgen über den Wert Deines Schreibens machtest und Dich fragtest, ob es wohl jemand anderem etwas bedeute. Vergiss nicht: Es gibt zahllose Arten, dasselbe auszudrücken, und sie alle sind gültig und wichtig. Dieselben Worte erreichen verschiedene Menschen auf verschiedene Weise, und dieselben Worte erreichen dieselbe Person zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Weise. Vielleicht gibt es sie gar nicht: „dieselben Worte“. Vielleicht steigt niemand zweimal in denselben Satz – wie auch niemand zweimal in denselben Fluss steigt –, weil man niemals ganz dieselbe ist, und sei es nur, dass man in der Zwischenzeit ein paar mehr Worte gehört oder gedacht oder geträumt oder gesprochen hat. Aus diesem Grund erscheint mir jeder ernsthafte Versuch, sich mit Sprache auseinanderzusetzen – ob lesend oder schreibend – als eine unentbehrliche Übung, die jede Mühe wert ist und anerkannt werden muss. Natürlich, glaubst Du, so etwas müsse ich sagen, weil ich die Literatur bin. Dabei hätte ich Anlass genug, etwas ganz anderes zu behaupten – so aufgedunsen wie ich bin von all der Überproduktion und Mittelmäßigkeit, vollgestopft mit dürftigen Publikationen, die in meinen Reihen als Vorbilder prangen. Meine Taille ist ausgeleiert, überall dellen sich Blogs, Self-Publishing, Fan-Fiction, Multimedia-Bücher und so weiter. Die Krone des sogenannten Kanons sitzt mir wackelig auf dem Scheitel. Gleichzeitig bleibe ich dynamisch und jugendlich, weil neue Stimmen meine Venen durchkreuzen, weil neue Geschichten meine Kurven straffen. Und deswegen bin ich überzeugt, dass Worte ihren Raum brauchen, egal welchen Inhalt sie transportieren, egal, welche Form sie annehmen. Nur dann kann hin und wieder etwas Unerwartetes erwachsen, etwas Außergewöhnliches. Jene Werke, die wie Edelsteine funkeln und deren Pracht dieses verworrene Etwas namens Literatur erst zu voller Größe bringt. Deine Literatur     Liebe Priya, ich will ohne Umschweife auf den zentralen Gedanken Deines jüngsten Briefes eingehen, der auch für mich in gewisser Weise existentiell ist. Ja, Du hast recht, ich bin der Ort der ewigen Fragen, die jeder stellen und erkunden darf. Ich bin das WARUM? Und das WARUM NICHT? Trotzdem bleibe ich umstritten, ein Kampfplatz der Frage, was jemand schreiben „kann“, welchen Themen man sich widmen „darf“. Darüber wird gerade heute viel diskutiert, und zwar aus gutem Grund. Zu viele Geschichten wurden geschrieben, ohne alle denkbaren (oder fehlenden) Haltungen und deren Auswirkungen angemessen zu berücksichtigen. Was nicht heißt, dass Literatur ausgeglichene Berichte liefern solle, die allen Seiten dieselbe Aufmerksamkeit beimessen. Wie Du sagst: Schreiben bedeutet auch, Partei zu ergreifen, es zu wagen, ein anderes Bewusstsein zu bewohnen, andere Perspektiven einzunehmen. Das erfordert ethische Umsicht, es gilt, nicht nur die Überzeugungen aller anderen immer wieder aufs Neue zu hinterfragen, sondern vor allem auch die eigenen. Ich, die Literatur, entstehe genau in dieser Lücke zwischen dem, was Du schreibst und dem, was Du bist. Ich bin der Versuch, diese Lücke so weit wie möglich zu schließen, immer im Bewusstsein, dass es – ich führe es ja selbst auch vor – niemals vollständig gelingen kann. Dieses Unterfangen a priori kontrollieren zu wollen, hieße, mich zu klein zu machen und am Ende gar zu zerstören. Schreib über das, was Du kennst, heißt es oft. Doch hat nicht auch das Gegenteil – vielleicht sogar in höherem Maße –  seine Berechtigung? Schreib über das, was Du nicht kennst – doch zunächst bemühe Dich nach Kräften, es so gut es geht kennenzulernen. Wie immer Deine Literatur     Liebe Priya, sechs Briefe in zwei Tagen! Ich freue mich natürlich jedes Mal, von Dir zu hören, doch da ich weiß, dass Du mir nur dann schreibst, wenn Dein anderes Schreiben stockt, finde ich Deine so plötzlich wuchernde Post besorgniserregend. Noch beunruhigender ist der verzweifelte Ton darin. Ich weiß, dass Du zur Melancholie neigst (die ein Kennzeichen der Gattung Autor*in zu sein scheint; kein noch so großer Erfolg vermag sie je gänzlich zum Schweigen zu bringen), doch habe ich den Eindruck, dass Du von einer besonders ausgeprägten Variante dieser Neigung betroffen bist. Ich weiß auch, dass die Zeiten in vieler Hinsicht schwierig und bedrückend sind. Deswegen möchte ich Dir zunächst dafür danken, dass Du Dich an mich gewandt hast, dass Du die Worte nicht aufgegeben hast, auch und besonders angesichts ihrer Versäumnisse. Ich glaube nicht, dass ich an Deiner Laune wirklich etwas ändern kann. Ich antworte Dir nur, um zu bestätigen, was Du bereits weißt: Schreiben bedeutet Einsamkeit, ohne je ganz allein zu sein – weil die Literatur immer da ist und Dir auf ihre stille Art Gesellschaft leistet. Gleichwohl bekräftigen Bücher, mögen sie die Einsamkeit nun verstärken oder auflösen, eine erduldete und verklärte Isolation. Du sprichst von Versagen: Ein abgeschlossener Roman liegt unveröffentlicht in der Schublade, ein anderer ist nur halbfertig, ein drittes Buch ist in Arbeit, ohne dass es einen festen Abnehmer dafür gäbe. Wie in früheren Briefen kann ich Dich nur noch einmal daran erinnern: Deine Situation ist die Regel, nicht die Ausnahme. Nur wenige Autor*innen veröffentlichen alles, was sie schreiben, in der Reihenfolge des Entstehens. Jede Schriftsteller*innenkarriere ist durchzogen von Ablehnung, Niedergeschlagenheit und vorübergehender Orientierungslosigkeit. Kunstwerke, und das gilt insbesondere für Romane, lassen sich nicht in Monaten oder Jahren messen. Jedes Werk braucht seine Zeit, und Du musst ihm den gebührenden Platz einräumen, sein eigenes Tempo respektieren. Du musst lernen, Dir selbst und Deinen Schöpfungen gegenüber unendlich geduldig zu sein, sowohl während der Arbeit daran, aber vielmehr noch danach, beim Warten, wenn sie hinaus in die Welt gehen und versuchen, dort einen Platz zu finden. Ich weiß, ein solcher Ratschlag läuft unseren Zeiten zuwider, in denen alles immer so schnell wie möglich zu geschehen hat, dazu am besten größer, billiger und rasanter als je zuvor. Zugegeben, Tempo ist verführerisch, es hat seine Vorzüge und Ausnahmen – doch im Großen und Ganzen ist Eile der Feind großer Kunst. Apropos Geschwindigkeit: Ob Du es glaubst oder nicht, aber auch Erfolg kann sich zu früh einstellen (oder schwinden!). Damit meine ich Erfolg in seinem gewöhnlichsten kapitalistischen Gewand – dem Ornat von Auszeichnungen und Preisen, die als die ultimative künstlerische Anerkennung gefeiert werden und die für Spitzenleistung im Allgemeinen stehen, obwohl sie lediglich dem Geschmack und Interesse, den Vorlieben und Vorurteilen einer bestimmten Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt Ausdruck verleihen. Ich habe so manche*n Autor*in gesehen, di *den diese Art von Aufmerksamkeit beschädigt hat, die*der nicht mehr ungestört schreiben konnte. Schlimmer noch, die verzerrte Ökonomie literarischer Auszeichnungen bereitet den Boden für ein ätzendes Konkurrenzdenken, in dem es nicht reicht, selbst zu gewinnen – andere müssen scheitern. Ich habe den Eindruck, dass das beste Werk nicht immer im Scheinwerferlicht zu finden ist, sondern in kleineren Räumen voller Phantasie, Wagemut und Gemeinschaft. Denk nur an manche Literaturzeitschriften, an kleine ehrgeizige Imprints, an winzige Verlage, die ausschließlich Übersetzungen herausbringen, an Lektoren, die unabhängig von Verkaufszahlen an ihren Autor*innen festhalten, an Festivals, wo man unbekanntere Bücher entdecken kann. Letztes Jahr hast Du mir von einer Zeitschrift erzählt, bei der Deine Arbeit immer willkommen ist, deren Redakteur jeden einzelnen Text annahm, den Du ihm geschickt hast. Diese kreative Freiheit, sagtest Du, habe sich wie Erfolg angefühlt: schreiben zu können, worüber Du willst, wann Du willst und zu wissen, dass es jemanden gibt, der möchte, dass es gelesen wird. Schätze solche Gelegenheiten, pflege und nutze sie, um „Erfolg“ nach Deinen eigenen Maßstäben immer wieder neu zu definieren. Das andere Risiko des Erfolgs ist, dass er Dich die Ungerechtigkeiten dieser Welt vergessen lässt – sogar diejenigen, die Du selbst erfahren musstest. Aus diesem Grund wünsche ich ihn niemandem – außer in kleinen und kontinuierlichen Dosen. Und so gesehen bietet die Welt dem Erfolg aller genügend Platz. Wie oft habe ich den Satz gehört: Schreiben stellt die einzige Linderung für die Schmerzen des Daseins als Autorin dar. Immer wieder erinnert Ihr Autor*innen Euch daran, und immer wieder vergesst ihr es. Schreib! Auf immer Deine Literatur   Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Motiv Treffen junge Musik-Szene 2017 Motiv Treffen junge Musik-Szene 2017
A Music Crash Course
The challenge is: allow your spirit to travel with others.
Motiv Treffen junge Musik-Szene 2017 © Philipp Jester Motiv Treffen junge Musik-Szene 2017 © Philipp Jester
Unbekannte Freuden
Strömende Klänge – Melodiewellen – sonores Rauschen – Stille.
In All Languages
Richard Williams über seine Zeit als Kurator
Meet the artist: Tyshawn Sorey – Tag 3
Der Artist-in-Residence des Jazzfest Berlin 2017 beim Abschlusskonzert.
Tyshawn Sorey und Gebhard Ullmann beim Jazzfest Berlin 2017 © Camille Blake Tyshawn Sorey und Gebhard Ullmann beim Jazzfest Berlin 2017 © Camille Blake
Meet the Artist: Tyshawn Sorey - Tag 2, Teil 2
Meet the Artist: Tyshawn Sorey – Tag 2, Teil 2
Albert Mangelsdorff-Preisverleihung © Camille Blake Albert Mangelsdorff-Preisverleihung © Camille Blake
Meet the Artist: Tyshawn Sorey - Tag 2, Teil 1
Der Artist-in-Residence des Jazzfest Berlin 2017 mit Angelika Niescier und Chris Tordini anlässlich der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises an Angelika Niescier.
Meet the Artist: Tyshawn Sorey - Tag 1
Der Artist-in-Residence des Jazzfest Berlin 2017 mit dem Tyshawn Sorey Trio
Cooperation instead of cricket
Despite difficult conditions, communication between musicians from London and Berlin has been going strong for decades.
Jazz and the female voice
How female singers search for identity and individual expression
What’s New?
About Attitude, Repertoire and Role Models.
Fahrstuhl zum Schaffott
Für Miles Davis ein Wendepunkt in seiner musikalischen Entwicklung
Tyshawn Sorey: Ein Portrait
John Murph über einen Ausnahmemusiker
Improvisation zwischen den Welten
Amirtha Kidambi über ihr Verhältnis zu Karnatischer Musik
„A Firebrand Thinker”: Der Künstler und Aktivist Amiri Baraka
Kevin Le Gendre über Leben und Werk Amiri Barakas
Old Food
Ed Atkins über seine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.
Making of Mondparsifal in Berlin – Teil X
Jonathan Meese bringt seinen „MONDPARSIFAL” nach Berlin – ethnographische Probenberichte.