Künstler*innen

Das Spiel mit der Ausstellung
Ana Mendieta: Beyond Boundaries, in the Midst of Radical Change
A conversation between Stephanie Rosenthal and Clare Molloy
Ana Mendieta: Fern aller Grenzen, inmitten von Umbrüchen
Ein Gespräch zwischen Stephanie Rosenthal und Clare Molloy
"Und dann kam Benny."
Laudatio von Fabian Hinrichs auf Benny Claessens anlässlich der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises 2018
Der Schauspieler des 21. Jahrhunderts
Milo Raus Manifestrede anlässlich der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises
Benny Claessens © Piero Chiussi Benny Claessens © Piero Chiussi
"I am here now to say no to that."
Speech from Benny Claessens after receiving the Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2018
One on One on One: Nicola Mastroberardino
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (VII): Nicola Mastroberardino, zu sehen in „Woyzeck“
One on One on One: Ernest Allan Hausmann
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (VI): Ernest Allan Hausmann, zu sehen in „Mittelreich“
One on One on One: Paul Schröder & Thomas Niehaus
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (V): Paul Schröder und Thomas Niehaus, zu sehen in „Die Odyssee“
3sat-Preis 2018 @ Piero Chiussi / Agentur StandArt 3sat-Preis 2018 @ Piero Chiussi / Agentur StandArt
Rampe Mitte
Laudatio auf 3sat-Preis-Gewinnerin Wiebke Puls
One on One on One: Benny Claessens
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (IV): Benny Claessens, zu sehen in „Am Königsweg“
One on One on One: Wiebke Puls
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (III): Wiebke Puls, zu sehen in „Trommeln in der Nacht“
One on One on One: Carolin Conrad
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (II): Carolin Conrad, zu sehen in „BEUTE FRAUEN KRIEG“
One on One on One: Daniel Zillmann
Ein Videoprojekt zum Theatertreffen 2018 (I): Daniel Zillmann, zu sehen in „Faust“
V.R.-Erzmanifest
Ein Virtual-Reality-Manifest und vier V.R.-Gedichte von Jonathan Meese.
Between the Arts
Stephanie Rosenthal, the new Director of the Gropius Bau in conversation with Thomas Oberender
Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst (Z.U.K.U.N.F.T. der Unendlichkeit)
„Spitzenmeesig“ – die erste Virtual-Reality-Produktion von Jonathan Meese und seiner Mutter Brigitte Meese. Ethnographische Probenberichte.
Manfred Linke - Utopist und Netzwerker
Manfred Linke (rechts im Bild) mit George Tabori Manfred Linke leitete mehr als drei Jahrzehnte das Internationale Forum des Berliner Theatertreffens. In diesen Jahren ist er vom Bruder zum Großvater der Teilnehmenden geworden, wie er selbst einmal schrieb: „So viele Geschwister (am Anfang war ich etwa gleichaltrig wie die Teilnehmer), Kinder und Enkel zu haben, eine Familie, die von ähnlichen Motiven geleitet ist und sich durch die gleichen Ziele verbunden weiß, bedeutet großes Glück.“ Das Internationale Forum ist fast so alt wie das Theatertreffen selbst. Es wurde 1965 unter dem Namen „Begegnung junger Bühnenangehöriger“ gegründet – Manfred Linke leitete es von 1969–2005. Dabei gestaltete er einen ganz neuen Ort des Austauschs, wie Manfred Beilharz in der Publikation „40 Jahre Internationales Forum“ beschreibt: „[Er] hat das Internationale Forum stets an den zeitgenössischen Problemen des Theaters orientiert und mit diesem Forum einen Ort des lebendigen Austauschs und der engagierten Einmischung in die politische und ästhetische Diskussion geschaffen“. Nachdem das Akademieprogramm des Theatertreffens 1973 in „Internationales Forum junger Bühnenangehöriger“ umbenannt wurde, öffnete es Manfred Linke für andere Länder und ging Kooperationen mit Institutionen in Österreich sowie mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ein. Als Utopist hegte er die Vision eines entgrenzten Dialogs zwischen Künstler*innen aus der ganzen Welt, lange bevor Begriffe wie Globalisierung, Interkulturalität und Internationalisierung zum selbstverständlichen Vokabular der Theaterbetriebe gehörten. Damit war Manfred Linke seiner Zeit weit voraus und trug maßgeblich zur Etablierung des Internationalen Forums als besondere Begegnungsplattform von bemerkenswerter Reputation bei. Ab 1980 konnte das Internationale Forum in Verbindung mit dem Goethe-Institut schließlich Künstler*innen auf der ganzen Welt erreichen. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich auch die Ausrichtung des Programms von vordergründig theoretischem Diskurs und Erfahrungsaustausch hin zu praktisch-künstlerischer Arbeit, wobei die Workshops unter der Anleitung erfahrener Theaterkünstler*innen zu einem tragenden Bestandteil wurden. Damit setzte Manfred Linke ein Zeichen gegen die beginnende Ökonomisierung und Neoliberalisierung der Theaterbetriebe, denn – in seinen eigenen Worten– sollte so „ein Probieren ohne Leistungsdruck und Produktionszwang“ ermöglicht werden, „weil am Schluss kein vorzeigbares Produkt steht.“ Vielen Theaterpersönlichkeiten, die in der Folgezeit große Karrieren eingeschlagen haben, war Manfred Linke Wegbegleiter, Inspirationsquelle und Förderer: darunter Andrea Breth, Klaus Pierwoß, Friedrich Schirmer, Jossi Wieler, Hermann Beil und viele mehr. Uwe Gössel, selbst Stipendiat bei Manfred Linke und dessen Nachfolger, bezeichnete seinen Mentor als einen „Mäzen ganz besonderer Weise: Er stiftete Möglichkeiten und Begegnungen.“ Manfred Linke ist am 8. April 2018 verstorben. Er bleibt in bester Erinnerung, nicht zuletzt durch seine große internationale Theaterfamilie.
Ein starkes Gefühl? – Terre Thaemlitz‘ Lovebomb
Terre Thaemlitz, Lovebomb, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Uff. What a ride. Terre Thaemlitz hat die letzte ihrer drei MaerzMusik-Auftritte über die Bühne gebracht. Und auch bei „Lovebomb“ haben wieder reihenweise Besucher*innen den Saal verlassen. Das ist okay, oftmals verständlich – und trotzdem schade: Denn bei dem bereits 2004 entstandenen Stück wird wie bei keinem anderen deutlich, wie Thaemlitz ihre Kunst versteht. Nicht als lineare Erzählung, klar. Aber dennoch als in sich geschlossenes Werk mit Spannungsbogen, klarem Anfang und Ende. Benutzerfreundlich, könnte man fast sagen. Oder präziser: Thaemlitz schreibt audiovisuelle Essays zu bestimmten Themen, die jedoch auf rein suggestiver Ebene funktionieren. Das heißt, dass man die zusammenhängenden Sätze zwischen den Bildern und dem Klang jeweils selbst bilden muss. Dass es also keine einheitliche Deutung geben kann, ist dabei selbstverständlich – und essentiell. Das gilt besonders für „Lovebomb“. Schließlich geht es dabei mal wieder um nichts Geringeres, als die (sprichwörtliche und buchstäbliche) Wurst. Genauer: um die Liebe. „Nach engerem und verbreitetem Verständnis ist Liebe ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt“, definiert das Menschheitsgehirn Wikipedia die Sache. Ein starkes Gefühl? Sicher, kennen wir alle. Für Terre Thaemlitz ist Liebe jedoch mehr. Eine soziale Gleichung, eine Übereinkunft, dass in einem bestimmten Kontext bestimmte Verhaltensmuster okay sind. Nicht nur das Händchenhalten, versteht sich. Sondern auch vielfältige Arten von Gewalt. Und in der Tat ist es erschreckend, wie viel Gewalt in Geschichte und Gegenwart im Namen eines diffusen Liebesbegriffes ausgeübt wurde und wird. Erst 1997 wurde beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand erklärt. Ein Großteil der weltweiten Gewaltverbrechen wird von Tätern begangen, die ihren Opfern nahestehen. „Ein Schlüsselelement der Liebe ist die Rechtfertigung von Gewalt“, schreibt Terre Thaemlitz ganz direkt im Begleittext zu „Lovebomb“. Und nimmt dabei auch die von Liebesmotiven durchzogene Popkultur ins Visier. Nicht zu Unrecht: Wie genau sah nochmal ein leidenschaftlicher Kuss im Kino bis vor wenigen Jahrzehnten aus? Wie ein Kampf, oder? Und was machte jemanden wie Marlon Brando zum Leinwandheld? Subtile Gewalt. Terre Thaemlitz, Lovebomb, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Die wichtigere Liebesfrage wirft „Lovebomb“ jedoch an anderer Stelle auf: Das Stück wurde von Thaemlitz als eine Art zerrissene Gegenrede zur popkulturellen Überstrapazierung des Begriffs Liebe entworfen. Da hat sie einen Punkt. Halten Sie doch mal bei der nächsten Fahrt ins Büro Augen und Ohren offen: „Ich liebe es“? Meint Burger. „Weil wir dich lieben“? Sagt die Bahn. Und eine Wagenladung Singles hat sich jeden Tag schon vor dem ersten Umsteigen verliebt. Überhaupt: Wir sollen uns selbst lieben, andere sowieso, unseren Job, das Leben! Ach ja, und natürlich auch noch unsere Heimat, was auch immer das ist und wie auch immer das gehen soll. Fast scheint es, als wäre Liebe als Begrifflichkeit hauptsächlich dazu da, uns von der Unvollkommenheit der eigenen Existenz zu überzeugen. Mit kapitalistischem Blick betrachtet ist das nur logisch: Heilung verspricht meist nur der Konsum. Wir lieben ja Lebensmittel, das Fliegen und es frisch, oder? Aber greift Thaemlitz‘ Liebeskritik nicht trotzdem zu kurz? Begeht sie nicht denselben Fehler, den sie eigentlich offenlegen will? Dass die Gesellschaft willentlich verengte, was Liebe sein kann, weil andere Konzepte nicht ins System passen? Ist im Umkehrschluss Liebe nicht auch mehr, als ein massenweiser Imperativ und eine akzeptierte Entschuldigung für Gewalt jeglicher Couleur? Ist Liebe letztendlich nicht alles und nichts gleichzeitig? Höchst individuell, nicht zwingend sexuell oder besitzergreifend? Und damit im Kern ganz weit weg von “Love Is In The Air“ und „All You Need Is Love“? Vielleicht sogar der einzige Kitt, der in einer schrecklichen Welt noch irgendwie Sinn ergibt? Aber keine Sorge, Terre. Wir lieben dich trotzdem.
Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele
Eine Zurückweisung – Terre Thaemlitz‘ „Deproduction“
Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Seien wir an dieser Stelle mal ganz offen: „Deproduction“ ist nervtötend. Wirklich. Hundertfache Wiederholung, kryptisches Stimmengewirr, zielloser Lärm, schwer auszuhalten. Das audiovisuelle, erneut auf einer SD-Karte veröffentlichte Album feierte vergangenen Sommer im Rahmen der documenta 14 in Athen Premiere. Und rückblickend ist es nicht ohne Ironie, dass Thaemlitz genau dieses eigentlich längst in Altersteilzeit operierende Format wichtig ist. „Deproduction“ sei für „den Konsum zu Hause“ gemacht und nur sekundär für die Ausstellungshäuser dieser Welt. Ein ganz normales Album eben. Schon klar. Wie gut das funktioniert, sah man am Montag im Haus der Berliner Festspiele. Reihenweise verließen zahlende Besucher die Vorstellung lange vor deren Ende. Einen Vorwurf kann man niemandem von ihnen machen. Spätestens nach den ersten zehn Wiederholungen des zentralen Topos hatte man schließlich verstanden, um was es geht: „So these people are very religious / And then apparently, they’re very anti-gay / Excuse me, they’re very pro traditional family / Which is under attack by gay people just being around / Hahahaha.“ Die Botschaft würden wohl die meisten unterschreiben. In Endlosschleife wurde die Losung jedoch schnell zur Folter. Auch, weil, gähn, so wenig passierte. Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele #gallery-1 { margin: auto; } #gallery-1 .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; width: 33%; } #gallery-1 img { border: 2px solid #cfcfcf; } #gallery-1 .gallery-caption { margin-left: 0; } /* see gallery_shortcode() in wp-includes/media.php */ Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Terre Thaemlitz, Zeitkratzer, MaerzMusik 2018 © Camille Blake / Berliner Festspiele Man kann Terre Thaemlitz allerdings ebensowenig einen Vorwurf machen. Wer Geld für eine ihrer Performances ausgibt, sollte keine Unterhaltung erwarten. Im Gegenteil. Es gehört zum Konzept von „Deproduction“, mit dieser Erwartungshaltung zu spielen. Oder besser: sie mit Nachdruck in die Tonne zu treten. „Es geht darum, Performativität zu unterwandern“, sagte sie selbst einmal. Kurz: Den Play-Knopf zu drücken und, ganz im Geiste der Musique Concrete, den Rest den Maschinen zu überlassen ist für Thaemlitz eine subversive Geste – in der es im Kern um gängige Bilder transsexueller Bühnenpräsenz geht: „Sich als Trans-Person ein oder zwei Stunden still vor ein Publikum zu setzen, ist meine Art die typische Transgender-Bühne zurückzuweisen“, so Thaemlitz. Das Gegenteil von flamboyantem Drag sozusagen. Und im Grunde ist auch die restliche Performance am Rande der Erträglichkeit nur logisch. Zur Erinnerung: „Deproduction“ greift offen das Konzept von Familie und Reproduktion als erstrebenswertes Ziel an. Und damit eine Hausnummer, die über die womöglich größte Lobby der Welt verfügt: den Kapitalismus, sämtliche Kirchen und obendrein auch noch den ganzen Werbezirkus. Dass sie dabei die Frage ins Zentrum stellt, ob die queere Community mit ihrem oft vertretenen Wunsch nach ebensolchen Strukturen nicht freiwillig dieselben normativen Strukturen wählt, die sie einst traumatisiert hat, gibt dem Stück zusätzliche Brisanz. Wie will man sich da Gehör verschaffen, außer über eine Performance, die radikal an die Grenzen geht? Mit den eingespielten Versatzstücken aus japanischer Inszest-Pornografie und angedeuteten häuslichen Gewaltszenen etwa? Lockt doch längst niemanden mehr aus der Reserve. Deshalb muss man Terre Thaemlitz am Ende schlicht zu einem aus ihrer Sicht gelungenen Abend beglückwünschen. Oder wann haben Sie zum letzten Mal derart beißende Kunst gesehen? Ob man Thaemlitz Standpunkt teilt, ist nämlich sekundär. Wichtig ist, dass weiterhin Raum für solche kontroversen Fragen bleibt. Und für Kunst, die einen so wütend macht, dass man den Saal verlassen muss. Und seien wir auch an dieser Stelle ganz offen: Wem das nicht passt, sollte bitte seinen Standpunkt überdenken.