„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ – William Faulkner

„Un voyageur“, als einen ewig Reisenden, so porträtiert sich Marcel Ophüls in seinem bis dato jüngsten, autobiografischen Film aus dem Jahr 2013. Als Sohn des großen Kinopoeten Max Ophüls wurde er 1927 in Frankfurt am Main geboren, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verschlug es ihn anschließend nach Frankreich und in die USA, wo er viele politische Wegmarken des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebte. Die gelebte demokratische Kultur der Vereinigten Staaten, aber auch die Kommunistenjagd des McCarthyismus, den Kalten Krieg und Vietnam, später die Pariser Studentenunruhen von 1968, der Mauerfall 1989 – die Geschichte des 20. Jahrhunderts schrieb sich mit Vehemenz in Marcel Ophüls’ Biografie ein.

Vielleicht war es somit zwangsläufig, dass Ophüls in seinem filmischen Œuvre zu einem der bedeutendsten Chronisten dieses Jahrhunderts wurde – wenngleich er, wie er selbst immer wieder augenzwinkernd betont, eher widerwillig zum Dokumentarfilmer wurde und im Grunde stets Spielfilme machen wollte: „Ich arbeite lieber mit Catherine Deneuve als mit alten Nazis.“ Tatsächlich tat Ophüls seine ersten Schritte zum Kino als Produktionsassistent und arbeitete mit seinem Vater an dessen letztem Meisterwerk „Lola Montès“ (1955) oder mit John Huston an „Moulin Rouge“ (1952). Auch die ersten eigenen Regiearbeiten zeigen eine (nur auf den ersten, oberflächlichen Blick) ganz und gar undokumentarisch erscheinenden Fabulierfreude: Sein Langfilmdebüt „Peau de banane“ (1963) ist eine spritzige, mit Jean-Paul Belmondo und Jeanne Moreau glänzend besetzte Krimikomödie – eher eine Marginalie an der Peripherie der Nouvelle Vague. Aber doch Zeugnis dessen, dass Ophüls das filmische Handwerk mit Virtuosität beherrscht.

Das Haus nebenan © absolut MEDIEN

Noch eine weitere Spielfilmregie verzeichnet Ophüls’ Filmografie mit der Eddie-Constantine-Klamotte „Faites vos jeux, Mesdames“ (1965) – damals unter dem zauberhaften Titel „Ab heute wieder Niederschläge“ in den deutschen Kinos –, seither widmet er sich in oftmals vielstündigen Dokumentarfilmen der politischen und sozialen Kartografie seiner Zeit. Mit „Le chagrin et la pitié“, dt. „Das Haus nebenan“, erschien 1969 sein erstes großes Meisterwerk in der neugewählten, episch-dokumentarischen Form. Der Film, der die Geschichte(n) der französischen Stadt Clermont-Ferrand unter der deutschen Besatzung erzählt, wurde kontrovers diskutiert und veränderte die Art und Weise, wie die französische Gesellschaft über Kollaboration und Résistance zu Zeiten des Vichy-Regimes nachdachte, nachhaltig.

Als „Monumente des Antimonumentalen“ benannte die Laudatorin Katja Nicodemus Ophüls’ vielstündige Dokumentarfilme und trifft damit ihre Position passgenau. Von einer Dokumentationsreihe über „Les grands batailles“, die großen Schlachten, erzählt Ophüls selbst in seiner Dankesrede, in der er 30 Sekunden Filmmaterial entdeckte – Aufnahmen von Hermann Göring während der Nürnberger Prozesse – die am Beginn der Arbeit an seinem fünfstündigen Meisterwerk „The Memory of Justice“ standen. 30 Sekunden Film in einer Reihe, in der für gewöhnlich aus Generalsperspektive über militärische Strategie diskutiert wurde. Marcel Ophüls würde niemals einen Film aus einer solchen Perspektive erzählen. Geschichte ist für Ophüls nicht das, was „große Männer“ tun, sie ist überall und muss zwingend multiperspektivisch erzählt werden. Sie setzt sich aus vielen kleinen Dingen, aus Handlungen, Unterlassungen, Wahrnehmungen, Perspektiven zusammen, die erst in der Zusammenschau ein einigermaßen verlässliches Bild ergeben. „Querfeldein“, so Katja Nicodemus, denkt und filmt Ophüls daher in jedem seiner großen Filme.

Marcel Ophüls und Dieter Kosslick © Ali Ghandtschi, Berlinale 2015

Und so entsteht auch in „The Memory of Justice“ aus seinem Initiationsimpuls, diesen 30 Sekunden zuvor ungesehenen Filmmaterials von Hermann Göring auf der Anklagebank, heraus eine immer umfassendere Untersuchung, die nach zwei, drei Stunden immer weiter abzuschweifen beginnt von ihrem ursprünglichen Thema, den Nürnberger Prozessen. Plötzlich dringen die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki in den Film ein, plötzlich ist My Lai ebenso Thema wie Algier und „The Memory of Justice“ wird zur komplexen Abhandlung über Kriegsverbrechen und den juristischen Umgang damit, über Aufarbeitung und Schuld und persönliche und kollektive Verantwortung.

„The Memory of Justice“ © Colorworks and the Academy Film Archive

Diese Strategie der Ausweitung, der Abschweifung, der Aktualisierung trägt wesentlich dazu bei, dass sich Ophüls‘ Filme so hartnäckig gegen ihre Musealisierung sträuben. Sie sind nicht, wie wir das aus der knoppesken Dauerberieselung des deutschen Fernsehens heute gewohnt sind, Besichtigungstouren in eine entfernte Vergangenheit, sie erzählen stets aus einer Gegenwärtigkeit heraus. Die oftmals ungeheuerlichen Geschehnisse, die sie behandeln, legen Spuren ins Heute hinein, denen Ophüls als unermüdlich Fragender nachgeht. Er spricht mit Opfern, mit Tätern, mit Widerständigen, mit Mitläufern, mit Aufarbeitenden und Totschweigenden. Es sind polyphone Filme, die von Ophüls’ tiefer Überzeugung geprägt sind, dass man nur verstehen wird, wenn man versucht, auch das Denken der Täter zu verstehen.

Das heißt freilich nicht, dass diese Filme nicht Position beziehen – ganz im Gegenteil, ein „Neutralist“ wollte Marcel Ophüls nie sein, wie er in einem Gratulations-Fax zum 30. Jubiläum der Duisburger Filmwoche unumwunden bekannte: „Seit 40 Jahren habe ich versucht, die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit 40 Jahren versuche ich Naturalismus im Dokumentarfilm als Mangel an künstlerischer Fantasie und Vitalität zu entlarven. Seit 40 Jahren habe ich versucht, gegen den Begriff ,Objektivität‘, dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme zu kämpfen.“ Ophüls selbst ist, mit seiner Stimme, seinem Körper, mitunter gar seiner Familie, überaus präsent in seinen Filmen, er stellt seine Fragen selbst, überlässt das Fragen nicht irgendeiner ungreifbaren, vermeintlich überindividuellen Instanz. Mit der Würde der Sachlichkeit tritt Ophüls all seinen Gesprächspartnern gegenüber, aber mit sarkastischer Bissigkeit reagiert er auf Ausflüchte, Amnesien, Euphemismen.

Bei einem Berlin-Besuch im Jahr 2014 erst erzählte Ophüls von der Arbeit an einem neuen Filmprojekt – das nun in der Tat, erstmals seit einem halben Jahrhundert, wieder ein Spielfilm werden sollte. Mit Dustin Hoffman und Jeanne Moreau wolle er das Leben von Ernst Lubitsch für das Kino verfilmen. Wie weit der inzwischen 88-jährige Ophüls mit der Arbeit an diesem Projekt inzwischen ist, kam an diesem großen Berlinale-Tag im Festspielhaus nicht zur Sprache. Es ist freilich ihm, uns und dem Kino nur zu wünschen, dass der große Ophüls sich diesen (Lebens-)Traum bald erfüllen kann.

Thomas Oberender und Marcel Ophüls © Berliner Festspiele

Thomas Oberender über Marcel Ophüls und „The Memory of Justice“

Ergänzung, 16. Februar 2015: Deutschland Radio Kultur hat ein einstündiges Gespräch mit Marcel Ophüls geführt.