Erwartungsvoll betrete ich den großen Sendesaal im Haus des Rundfunks in Berlin-Westkreuz. Es ist kurz vor Beginn der Probe des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, und ich werde von einem Schwall von Klängen übermannt, der mich mit seiner spannenden Geladenheit sofort in seinen Bann zieht. Die Musiker stimmen noch ihre Instrumente und spielen sich ein, ich bin beeindruckt von den vielen Melodien, die so plötzlich auf mich einwirken. Noch gehe ich davon aus, dass ich gleich die „Jakobsleiter“ von Arnold Schönberg hören werde. Doch der Probenplan ist kurzfristig geändert worden, sodass ich zum ersten Mal ideelle Musik höre – „Shaar“ von Iannis Xenakis.

Der Dirigent Ingo Metzmacher gibt das Zeichen zum Beginn der Probe.

Die Konzentration zwischen den Musikern ist vollkommen und alles blickt auf den Dirigenten, der mit dem Taktstock Kreise, Striche und Zacken in den Raum malt. Auf jede Geste reagiert das Orchester und ich staune, wie mir die Musik Bilder vor das innere Auge zaubert. Hohe Töne werden in ihrer Länge zu sausenden Winden und schnelle, tiefe Klänge zu großen, dunklen und gewaltigen Wolken, durch die das Licht nur selten dringt. An einigen Stellen will ich den Atem anhalten, so spannend und fesselnd ist die Musik, die ich höre. Es gibt nur wenige Pausen, weshalb die teilweise minutenlangen Fortissimi den Zuhörer kaum noch loslassen. Schnell hat das Orchester einen Klangteppich in den großen Saal gelegt, auf dem man sich nur schwer zurechtfinden kann. Denn zu verschieden sind die vielen Melodien, die das Orchester spielt, das übrigens gerade nur aus Streichern besteht.

Gebannt blicke ich wieder auf die Musiker, die aufmerksam und fokussiert wirken, während sich die Melodie verändert und zu einem Wechsel aus leisen Stellen und Akzenten im Fortissimo wird. Beim ersten solchen Aufschrei zucke ich unwillkürlich zusammen, erschrocken von der gewaltigen Bassstimme. Mich beeindruckt die Vorstellung, dass das hier noch eine der ersten Proben des Deutschen Symphonie-Orchesters zu diesem Projekt ist und sich die Musik, die Ingo Metzmacher zusammen mit den Profistreichern zaubert, in der Aufführung wahrscheinlich noch deutlich steigern wird.

Aus diesen Gedanken reißt mich ein Ton, der im Gegensatz zu den vorherigen Teilen des Stückes ganz klar und geordnet klingt und von allen Musikern gleichzeitig gespielt wird. Das lang gezogene und etwas monotone Geräusch, das sich ohne Veränderung über mehrere Takte zieht, hat etwas Verunsicherndes. Als der Ton schon unerträglich zu werden droht, fällt die Musik urplötzlich zurück in die Klangwolke, und der eben noch so klare Laut entschwindet nach und nach wieder im Wirrwarr der Melodien, die nun wieder von allen Streichern gleichzeitig gespielt werden.

Immer leiser werden die Klänge um mich herum, und die gewaltige Klangwolke beginnt sich aufzulösen angesichts des nie zu enden scheinenden Decrescendos, das nun bestimmt schon zwei Minuten andauert. Letzte Geigen spielen und ich vermute schon den Schluss des Werkes. Während ich mich auf die letzten zarten Töne konzentriere, stoßen wie aus dem Nichts wieder Kontrabässe, Bratschen und Celli zu den Geigen und lassen die Klangwolke um noch ein weiteres, letztes Mal majestätisch aufbrausen, bevor die Klänge dann endgültig und wunderschön im Saal verklingen. Stille. Schon seit Beginn der Probe nämlich begeistert mich ein Cellist, der sich ganz von der Musik treiben zu lassen scheint und mich mit seiner Konzentration beim Spiel tief beeindruckt. Als ich sehe, wie er zu Beginn der Probe ein Solo beginnt, wünsche ich mir nichts mehr, als so auf meiner Geige spielen zu können. Er heißt Mischa Meyer und ist der 1. Solocellist des DSO. Ohne zu zögern willigt er ein, als ich ihn in der Pause um ein Gespräch bitte und wir setzen uns auf zwei Zuhörerplätze in der ersten Reihe.

Konrad Amrhein im Gespräch mit Mischa Meyer (Deutsches Symphonie-Orchester) © Julia Kaiser

Ich habe Sie während der Probe beobachtet und bin total beeindruckt davon, mit welcher Hingabe Sie Ihr Instrument spielen. Wie fühlt man sich, wenn man bei so einem gewaltigen Stück mitspielen darf?

Mischa Meyer: Tatsächlich kommt man gerade bei den sehr komplexen Stücken von Xenakis oft gar nicht dazu, irgendetwas zu fühlen, denn man muss sich unglaublich gut auf die Noten und den Dirigenten konzentrieren. Außerdem befinden wir uns ja noch in den ersten Proben, was bedeutet, dass man sich erst einmal in die Musik hineinfinden muss und zusammen mit dem ganzen Orchester nach dem Weg zu einem guten Endprodukt sucht. Diese Suche macht uns gerade die ideelle Musik von Iannis Xenakis schwer, die nicht auf Bildern oder Texten beruht, sondern auf mathematischen Kurven und deshalb oft wirr und unnatürlich klingt. Als Musiker muss man deshalb viel Kraft in das Spiel stecken und hat meist keine Zeit, um Gefühle aufzubauen. Trotz alldem macht es Spaß, denn ich sehe mich erstmal als Handwerker, dessen Aufgabe es nicht ist, über die Musik nachzudenken, sondern sie möglichst schön zu spielen, und schöne Musik ist etwas Wunderbares.

Es kam mir oft so vor, dass viele Melodien gleichzeitig klangen. Kann man sich in solchen Momenten auf sein Gehör verlassen, oder muss man völlig auf die Noten vertrauen?

Tatsächlich höre ich mich das ganze Stück über selbst fast gar nicht, und da ist es, wie du schon gesagt hast, ganz wichtig, dem Dirigenten und den Noten zu vertrauen. Das ist übrigens auch eine der absoluten Schwierigkeiten bei der ideellen Musik.

Damit bringen Sie mich schon auf die nächste Frage, denn mich würde interessieren, wo genau die Schwierigkeiten bei dieser Art der Musik liegen.

Vor allem die ungewohnt wirre Polyphonie gehört zu den großen Problemen, die du als Musiker mit ideeller Musik hast. Außerdem ist gerade „Shaar“ an vielen Stellen atonal, was das Stück unangenehm zu spielen macht und zu unnatürlichen Klängen führt, die ungeübte Hörer oft verwirren. Zwölftonmusik ist die dritte Schwierigkeit und wird von Xenakis sehr oft verwendet, wodurch es an vielen Stellen zu unerwarteten Lauten kommt, die auch Musiker irritieren können. Zuletzt aber arbeitet Xenakis mit sehr vielen Tonsprüngen, die auf Streichinstrumenten nur sehr schwer zu greifen sind.

Ich merke schon, dass man viel Erfahrung und Können mitbringen muss, um derartige Musik zu spielen. Wie lange braucht man, um ein Stück wie dieses spielen zu können?

Als Profimusiker fällt dir das bei den täglichen Proben zu Hause nicht allzu schwer. Tatsächlich ergeben sich die meisten Schwierigkeiten erst im Zusammenspiel mit dem Orchester, wenn es darum geht, sich aufeinander abzustimmen und die Anforderungen des Dirigenten gut umzusetzen.

Zum Abschluss interessiert mich, wo Sie gerade mit dem Orchester stehen. Worauf zum Beispiel wird momentan besonders stark geachtet und was wird intensiv geprobt?

Wir befinden uns noch in den ersten Proben, die wir gemeinsam haben. Deshalb wird im Moment hauptsächlich darauf geachtet, dass sich das Orchester gut zusammen anhört und die Musiker sich aufeinander abstimmen. Außerdem werden zusammen mit dem Dirigenten nun nach und nach alle Stellen des Stücks durchgegangen und abgesprochen. Wo wird beispielsweise ein Crescendo gespielt oder wo ein Piano? Erst später werden wir spezifische Stellen intensiver proben.

Das Deutsche Symphonie-Orchester führt Iannis Xenakis’ „Shaar“ im Rahmen des Programms „Erzengel Gabriel“ am 17. September 2015 gemeinsam mit Kompositionen von Arnold Schönberg und Gustav Mahler in der Berliner Philharmonie auf.